Allergie Zahnersatz Füllung Krone Prothese

Wie erkennt man eine Allergie auf Prothesen, Kronen, Implantate und Füllungen? Bildquelle: O. Schierz

Allergisch auf Zahnersatz: Füllung, Krone, Prothese

Nicht immer ist man allergisch auf den Zahnersatz, wie Füllung, Krone oder Prothese, wenn es zu Symptomen an der Mundschleimhaut kommt, aber es kommt vor! Wie häufig ist das? Wie kommt es dazu? Wann ist es eine Allergie, wann nicht? Darüber sprach MeinAllergiePortal mit Privatdozent Dr. med. Oliver Schierz, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde am Universitätsklinikum Leipzig.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: PD Dr. med. Oliver Schierz

Herr Privatdozent Schierz, wie häufig kommt es durch Zahnersatz zu allergischen Symptomen im Mund?

In der Allgemeinbevölkerung geht man davon aus, dass etwa bei jedem 400sten Menschen eine gewisse allergische Reaktion auf Zahnersatz vorliegt.

Dabei gibt es zwei Typen von allergischen Reaktionen im Mund:

  • 1. Den Sofort-Typ: Wie bei den Nahrungsmittelallergien kommt es binnen Minuten nach Allergenkontakt zu Schwellungen, Bläschenbildung oder Brennen im Mund.
  • 2. Den Spät-Typ: Dieser zeigt sich in der Regel zwei bis drei Tage nach Allergenkontakt in Form von Schleimhautrötungen. Das kennt man ja auch von anderen allergischen Reaktionen an der Haut, bei denen es nach dem Kontakt mit einem Allergen verzögert zu Hautekzemen, rissigen Lippen etc. kommt.

Im Zusammenhang mit Zahnersatz kommt es typischerweise zu einer Allergie vom Spät-Typ. Zu einer Sofort-Typ-Reaktion kommt es durch Zahnersatz nicht. Und: Eine allergische Reaktion auf Zahnersatz tritt nicht nur im Mundbereich auf. Auch an anderen Körperstellen kann es zu Hautekzemen kommen. Zu problematischen klinischen Symptome muss es nicht kommen. Manchmal sieht man bei den Patienten lediglich eine Rötung der Schleimhaut unterhalb der Prothese.

Welche Symptome sind typisch, wenn man allergisch auf Zahnersatz ist?

„Typische Symptome“ gibt es bei einer Allergie auf Zahnersatz nicht, die Symptome sind eher unspezifisch. Meist handelt es sich aber um Beschwerden, die schon seit Jahren bestehen und deren Ursachen man nicht findet.

Mögliche allergisch Symptome auf Zahnersatz sind zum Beispiel:

  • Mundtrockenheit
  • Mundbrennen
  • Missempfindungen, wie Brennen, Kribbeln etc.
  • Schleimhaut-Rötungen
  • Weißliche Streifen bzw. Verhornungen an der Mundschleimhaut - Oraler Lichen planus (OLP) mit Wickham‘scher Streifung

Allerdings können diese Symptome auch mechanisch bedingt sein oder auch zum Beispiel durch eine Auto-Immunreaktion entstehen.

Welche Bestandteile in Füllungen, Kronen und Prothesen können Allergien auslösen?

Grundsätzlich können beim Zahnersatz alle verwendeten Materialien zu Allergien führen, ganz gleich ob zahnfarbene Füllmaterialien, Amalgamfüllungen, Zement zur Befestigung des Zahnersatzes oder die Prothese. Häufige Allergene sind Nickel und Acrylate. Die Voraussetzung dafür ist, dass es beim Patienten bereits zu einem Allergenkontakt gekommen ist, bevor der Zahnersatz in den Mund eingebracht wurde. Nickel ist oft in Kosmetika oder Schmuck enthalten. Acrylate sind in künstlichen Fingernägeln, Farben und Lacken enthalten.

Dabei kann die Sensibilisierung sowohl über die Haut als auch über die Atemwege erfolgen. Um eine Sensibilisierung über die Haut zu vermeiden wird deshalb für bestimmte Berufe das Tragen von Handschuhen empfohlenen, zum Beispiel im Malerhandwerk, bei Lackieren oder in der Zahntechnik. Gerade in der Zahntechnik ist das Risiko, mit Acrylaten in Kontakt zu kommen sehr hoch. Die Kunststoffe werden dort meist in flüssiger Form verarbeitet, und dann ist der Anteil an Allergenmaterialien noch sehr hoch. Damit steigt das Risiko, eine Allergie zu entwickeln.

Lediglich bei Reintitan kennt man allergische Reaktionen nicht.

Wer ist besonders gefährdet, allergisch auf Zahnersatz zu reagieren?

Menschen mit Allergien auf Zahnersatz sind im Durchschnitt um die 50 Jahre alt, vorwiegend weiblich, oft bereits von Allergien betroffen. Allergiker tragen ein deutlich höheres Risiko, auch weitere Allergien zu entwickeln. 

Wie erfolgt die Diagnose bei einer vermuteten Allergie auf Füllungen, Prothesen oder Kronen?

Im Rahmen der Diagnose von Allergien auf Zahnersatz muss zunächst abgeklärt werden, ob nicht andere Ursachen vorliegen könnten. Auch mechanische Ursachen wie rauhe Füllungsoberflächen oder Prothesenränder können zu Rötungen der Mundschleimhaut führen. Dann würde man zunächst diese Flächen glätten und prüfen, ob sich die Symptome zurückbilden.

Auch Zahnfleischerkrankungen wie Gingivitis oder Parodontitis sollte man ausschließen. Beide Erkrankungen sind entzündlich bedingt, schmerzhaft und manchmal berichten die Patienten von einem „schlechten Geschmack im Mund“. Allergisch bedingt sind diese Erkrankungen aber nicht.

Läuft die Diagnose doch auf eine allergische Ursache hinaus, sollte geprüft werden, ob die Allergie von der Zahnpasta, Minz-Ölen oder Mundspüllösungen herrühren könnte. In Zahncremes sind Tenside wie Natriumlaurylsulfat enthalten, die man auch aus Waschmitteln kennt. Mundspüllösungen enthalten häufig Chlorhexidin und auch auf Chlor reagieren manche Menschen allergisch. Deswegen ist es wichtig abzuklären, ob das Auftreten von Symptomen vielleicht durch den Wechsel der Zahnpflegeprodukte ausgelöst worden sein kann.

Wie sieht die weitere Diagnostik von Allergien auf Zahnersatz aus, wenn all diese Ursachen ausgeschlossen wurden?

Vermutet man den Übeltäten bei herausnehmbarem Zahnersatz, Prothesen zum Beispiel, würde man den Patienten bitten, diese für eine gewisse Zeit nicht zu tragen. Dadurch müssten die allergischen Symptome zurückgehen, vorausgesetzt die Prothese enthält die allergenen Stoffe. Sobald der Patient die Prothese wieder einsetzt, müsste es erneut zu Beschwerden kommen.

Schwieriger wird es, wenn Füllungen, Kronen oder der Zement verdächtigt werden, die für den Patienten allergene Substanzen zu enthalten. Dann kann man den Kontakt zwischen Füllmaterial und Mundschleimhaut begrenzen, indem man eine Schiene aus durchsichtigen Materialien einbringt, die eine Barriere zur Mundschleimhaut darstellt. Reduzieren sich dann die Symptome, muss man den betreffenden Zahnersatz entfernen. Bessern sich die Symptome daraufhin nicht, war dies doch nicht die Ursache der Symptome. Deshalb wird man zunächst mit nur einem Zahn beginnen. Leider sind diese zahnmedizinischen Maßnahmen oft mit sehr hohen Kosten verbunden.

Bevor man größere Eingriffe unternimmt, würde man beim Patienten einen Epikutantest veranlassen. Daraus sollte sich ergeben, welche Materialien als Allergieauslöser in Frage kommen. Gleichzeitig versucht man zu analysieren aus welchen Materialien die prothetischen Materialien hergestellt sind.

Wie ermittelt man die Inhaltsstoffe bei älterem Zahnersatz?

In der Regel steht das verwendete Material und dessen Zusammensetzung auf der Zahnarztrechnung für den Zahnersatz und viele Patienten heben diese Rechnungen auf. Wurde ein Kunststoff-haltiger Zement verwendet, muss man im Zweifelsfall beim Hersteller nachfragen. Leider werden aber aus Wettbewerbsgründen nicht immer alle enthaltenen Werkstoffe offenbart.

Sobald das Allergen fest steht weiß man auch, welches Material sie enthält. Leider hilft dann nur das Entfernen dieses Materials. Im einfachsten Fall geht es um eine einzelne Füllung oder um eine einzelne Krone. Im schlimmsten Fall ist der Patient umfangreicher zu versorgen.

Gibt es denn Alternativen zu allen Zahnersatzmaterialien auf die man allergisch sein kann?

Es gibt immer Alternativen. Wichtig ist aber, dass auch testet wird, ob der Patient die Materialien, die man möglicherweise verwenden möchte, verträgt. Dazu kann man eine Materialprobe, zum Beispiel ein Kunststoffplättchen oder eine provisorische Prothese, anfertigen, die der Patient dann für einige Stunden in die Wangentasche einbringt bzw. einige Wochen trägt. Die Patienten bemerken dann in der Regel relativ schnell, ob es zu Symptomen, zum Beispiel zu Missempfindungen, kommt. Sind bereits Kontaktallergien bekannt, wäre dies auch ein valider Grund einen Epikutantest auf die Materialien zu machen, die man beabsichtigt zu verwenden.

Aber: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Ersatzmaterialien nicht immer, obwohl es sich um für zahnmedizinische Maßnahmen zugelassene Materialien handelt.

Herr Privatdozent Schierz, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.