Hyposensibilisierung Pferdeallergie Curly Horse

Dr. Wolfgang Mitlehner, Arzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Lungen- und Bronchialheilkunde, Allergologie, Betreuung von Pferdeallergikern in Klappholz

Pferdeallergie: Hyposensibilisierung durch Reiten von Curly Horses?

Schon seit Jahren hatte man den Eindruck, dass Curly Horses für Reiter mit Pferdeallergie verträglicher sein könnten. Valide Studien zum Thema gab es jedoch lange nicht. Dies änderte sich, als Dr. Wolfgang Mitlehner, Arzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Lungen- und Bronchialheilkunde, Allergologie, Betreuung von Pferdeallergikern in Klappholz sich entschloss, dem Phänomen „hypoallergene Curlies“ auf den Grund zu gehen. In mittlerweile vielen Studien untersuchte er die Curly Horses. In seiner aktuell laufenden Untersuchung geht es um die Frage: Ist es möglich, pferdeallergische Reiter durch das regelmäßige Reiten auf ABCR-Curly Horses (American Bashkir Curly Horse Registry) zu desensibilisieren?

Herr Dr. Mitlehner, mit Ihrer Studie wollten Sie die Mechanismen untersuchen, die dem “hypoallergenen” Effekt der Curly Horses für pferdeallergische Reiter zugrunde liegen, wie sind Sie vorgegangen?

In unserer Studie haben wir 40 pferdeallergische Reiter über 37 Monate untersucht. Dafür haben wir die Patienten zunächst mittels Prick-Test getestet und zwar mit unterschiedlichen Allergenextrakten, sowohl von Curly Horses als auch von “normalen” Pferden. Übrigens war die Reaktion der untersuchten Pferdeallergiker auf das Allergen der Curly Horses bereits im Prick-Test signifikant different, d.h. die allergischen Reaktionen der Patienten waren deutlich schwächer, als beim „normalen“ Pferdeallergen.

Die Effekte des Pferdekontakts haben wir zu Beginn der Studie und dann während und nach dem Reiten  37 Monate lang mit Hilfe eines Lungenfunktionstests (Peak Flow) bzw. des Tiffeneau Tests (FEV 1) gemessen.

 

Was misst man mit diesen Tests?

Diese Tests dienen der Messung der Lungenkapazität. So wollten wir die möglichen allergischen Reaktionen an der Lunge überprüfen, die bei den Pferdallergikern nach Allergenkontakt auftreten können.

In den letzten 12 Monaten der Studie haben wir zusätzlich den Peak nasal inspiratory flow (PNIF) gemessen. Der PNIF ist eine Messmethode zur Messung des Luftwiderstands in der Nasenhöhle. So überprüft man die allergischen Reaktionen an der Nasenschleimhaut. Durch die Kombination der Testverfahren konnten wir sowohl die unteren als auch die oberen Atemwege untersuchen.

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Welche Testergebnisse zeigten sich bei den Pferdeallergikern nach dem Kontakt mit Curly Horses?

Bei 37 der 40 Patienten zeigten sich keine signifikanten  Reaktionen, weder an den unteren noch an den oberen Atemwegen. Das bedeutet, es kam zwar bei manchen pferdeallergischen Patienten  zu allergischen Reaktionen, diese waren jedoch nicht „signifikant“, d.h. bei der Peak flow-Messung blieb der Abfall unter oder bei maximal 20 Prozent und beim FEV1 unter oder maximal bei 15 Prozent.

Nur bei 3 der 40 Patienten zeigte sich zu Beginn ein signifikanter Abfall des Peak Flows bzw. des FEV1. Dies konnte durch eine einmalige Inhalation mit Salbutamol aufgefangen werden. Außerdem wiederholte sich der Vorfall bei diesen Patienten nicht, trotz des weiterhin andauernden regelmäßigen Kontakts mit den Curly Horses. Im Gegenteil zeigte sich, dass die leichten allergischen Reaktionen sogar völlig aufhörten. Drei  dieser Patienten reitet heute sogar wieder „normale“ Pferde.

Im nächsten Schritt haben wir die Dauer der Allergenexposition der Pferdeallergiker, d.h. die Anzahl der Reitstunden mit Curly Horses, und die Abweichung der Testergebnisse jeweils vor und während der Studie korreliert.

 

Was haben Sie dabei festgestellt?

Festgestellt haben wir das Folgende: Je länger die pferdeallergischen Reiter die Curly Horse ritten, umso weniger fiel im Test der Peakflow ab. Bereits nach 10 Reitstunden konnten wir bei den Studienteilnehmern durchschnittlich  keinerlei allergischen Reaktionen mehr auf Curly Horses feststellen und nach 40 Reitstunden mit Curly Horses reagierten die Pferdeallergiker auch nicht mehr auf normale Pferde. Die Curly Horses hatten also womöglich eine desensibilisierende Wirkung.

Das heißt, man könnte die Curly Horses bei pferdeallergischen Reitern quasi therapeutisch einsetzen, an Stelle der Hyposensibilisierung auf Pferdeallergene?

Genau diese Fragestellung überprüfen wir gerade in unserer aktuellen Studie, die bereits seit einem Jahr läuft. Wir wollen überprüfen, ob es möglich ist, bei pferdeallergischen Reitern durch einen dreijährigen reiterlichen Kontakt mit reinrassigen ABCR-Curly Horses, eine Toleranzinduktion zu erzielen.  

Die Frage ist, lassen sich Pferdeallergie-Symptome wie Asthma bronchiale, Rhinokonjunktivitis oder Ekzeme durch den regelmäßigen und längeren Kontakt mit Curly Horses reduzieren oder ganz zum Verschwinden bringen. Und: Kann es gelingen, dass die Pferdeallergiker nach dieser dreijährigen Kontaktphase mit ausschließlich Curly Horses auch anderen Pferden gegenüber allergentolerant werden?

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Im gesamten Studienzeitraum werden die klinischen Symptome der pferdeallergischen Patienten, sowie die Nasen-und Lungenfunktion, überwacht. Die Studie wird an 25 Patienten durchgeführt, davon sind 16 in der  Verum- und 9 in der Plazebo-Gruppe.


Wie nachhaltig ist die hypoallergene Wirkung der Curly Horses?

Bisher wissen wir nur, dass die Pferdeallergiker nach 10 Reitstunden mit Curly Horses keine allergischen Reaktionen mehr auf diese Pferde zeigten und nach 40 Reitstunden auch nicht mehr auf normale Pferde.

Ob es sich dabei um eine Immuntoleranzinduktion oder um eine Desensibilisierung handelt, wäre die nächste Frage.

 

Was ist der Unterschied zwischen einer Immuntoleranzinduktion und einer Desensibilisierung?

Bei der Immuntoleranzinduktion erfolgt der Kontakt mit dem Allergen bzw. unverträglichen Material täglich und wird langsam aufdosiert, bis eine bestimmte verträgliche Menge erreicht ist. Danach muss die Immuntoleranzinduktion mit regelmäßigen Allergengaben aufrechterhalten werden, um die Immuntoleranz aufrecht zu erhalten.

Eine Desensibilisierung wird z.B. über die spezifische Immuntherapie erreicht, bei der der Patient über mindestens drei Jahre per Spritze mit dem Allergen konfrontiert wird. Nach Abschluss der Therapie ist der Patient dann dauerhaft bzw. über einen sehr langen Zeitraum, desensibilisiert, ohne dass weiterhin Allergengaben nötig sind.

Bei den Curly Horses wissen wir aktuell noch nicht, wie lange der Desensibilisierungs-Effekt anhält, das untersuchen wir seit 2014 in der erwähnten Studie. Außerdem überprüfen wir in Zusammenarbeit mit der Charité zurzeit auch die Allergenität der Curly Horses.

Wie untersuchen Sie die Allergenität der Curly Horses?

Dafür haben wir sowohl von den in unserer Studie genutzten Curly Horses, als auch von normalen Pferden Haar-, Hautschuppen und Speichelproben entnommen und im Immunoblot gegen das Serum von Patienten mit einer Pferdeallergie getestet. Schon im Prick-Test mit nativen Allergenextrakten waren die Reaktionen der Pferdeallergiker auf das native Curly Horse-Allergen schwächer als auf das Allergen normaler Pferde. Diesen Effekt wollen wir nun im Labor überprüfen und sehen, ob es in Bezug auf die Allergenität Unterschiede zwischen den Haaren und dem Speichel gibt.

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Die Speichelproben zu gewinnen war gar nicht so einfach. Dafür sind wir zunächst mit den Pferden galoppiert, bis sie ins Schwitzen kamen und der Speichelfluss angeregt war. Mit einem Sauger, ähnlich wie ihn der Zahnarzt verwendet, wurde der Pferdespeichel abgesaugt und in einem Spezialrohr zentrifugiert und aufbereitet.

Man kann vermuten, dass sich die Allergenität des Speichels von Curly Horses nicht von normalen Pferden unterscheidet,  sondern dass ihre Haare weniger allergen sind. Theoretisch wäre es möglich, dass nicht die Allergenität der Curly Horse-Allergene der ausschlaggebende Faktor für ihre bessere Verträglichkeit für Pferdeallergiker ist, sondern die Beschaffenheit ihrer Haut. Curly Horses produzieren deutlich mehr Talg – nach dem Streicheln der Tiere muss man sich gleich die Hände waschen. Curlies riechen auch anders als andere Pferde – die könnte ein Hinweis auf eine unterschiedliche Zusammensetzung der von ihnen produzierten Proteine sein. Vielleicht sorgt aber auch der Talg der Curly Horses dafür, dass die Hautschuppen eher am Fell kleben bleiben und nicht so stark in der Luft verwirbeln, wie bei anderen Pferderassen. Auch dies könnte ein Grund dafür sein, dass Curlies bei Pferdeallergikern weniger Symptome auslösen.  

Wie geht es weiter mit Ihren Curly Horse-Studien?

Zusammen mit der Humboldt-Universität in Berlin plane ich eine vierte Studie, bei der die für die Allergenproduktion verantwortlichen Gene der Curly Horses identifiziert und mit denen normaler Pferde verglichen werden sollen, man nennt das Gen-Chipping. Ziel ist es, das betreffende Gen zu deaktivieren und so eine „Allergenfreiheit“ der Pferde zu erreichen.

Herr Dr. Mitlehner, vielen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

Mitlehner W., Mitlehner H. C., Niggemann B., Horse Allergy: Curly Horses Allow Horse Allergic Riders To Ride Again, Pneumologie. 2015 Dec;69(12):711-718. Epub 2015 Dec 9, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26649597

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