Vogel-Ei-Syndrom bird-egg-syndrome

Prof. Bettina Wedi, Medizinische Hochschule Hannover zum Vogel-Ei-Syndrom!

Geflügelfleischallergie: Primär oder sekundär, beim Vogel-Ei-Syndrom?

Die Geflügelfleischallergie ist keine häufige Allergie, aber es ist möglich eine Allergie auf Geflügelfleisch zu entwickeln und zwar auf unterschiedlichen Sensibilisierungswegen. Was ist der Unterschied zwischen einer primären und einer sekundären Geflügelfleischallergie? Welche Rolle spielt das Vogel-Ei-Syndrom? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. habil. Bettina Wedi, Oberärztin und Leitung Dermatologische Tagesklinik, Allergologie, Labor Dermatologie/Allergologieund Vorstandsvorsitzende des Comprehensive Allergy Center an der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Frau Prof. Wedi, eine Allergie auf Geflügelfleisch und das „Vogel-Ei-Syndrom“ gehören zu den seltenen Allergien, wie häufig kommen sie vor?

Das Vogel-Ei-Syndrom (englisch bird-egg syndrome) bzw. die Geflügelfleischallergie kommen in der Tat sehr selten vor. Verlässliche Zahlen zur Prävalenz gibt es aber nicht.

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Welche Mechanismen stecken hinter der Geflügelfleischallergie und dem Vogel-Ei-Syndrom?

Bei der Geflügelfleischallergie gibt es zwei unterschiedliche Allergie-Formen, eine primäre und eine sekundäre Form. Bei der primären Geflügelfleischallergie besteht eine echte Nahrungsmittelallergie vom Typ I auf ein Protein im Geflügelfleisch, mit der Allergenbezeichnung Gal d 5. Diese Form der Geflügelfleischallergie betrifft meist Jugendliche bzw. junge Erwachsene und die Sensibilisierung erfolgt über die Nahrungsaufnahme. Eine Reaktion auf Federn oder Kot von Vögeln findet man bei diesen primären Geflügelfleischallergikern nicht.

Interessanterweise findet sich aber teilweise eine Sensibilisierung bzw. eine klinisch manifeste Allergie gegen Fisch. Dann handelt es sich um ein Fisch-Vogel-Syndrom (fish-chicken-syndrome).

Dahingegen handelt es sich bei der sekundären Geflügelfleischallergie um eine Kreuzreaktion, die im Zusammenhang mit einem Vogel-Ei-Syndrom auftritt. Die Sensibilisierung kann hier entweder über die Atemwege durch den ständigen Kontakt mit den Federn und den Exkrementen von Vögeln erfolgen oder durch den Verzehr von Hühnereiern ausgelöst werden.

Wo befindet sich das Allergen Gal d 5 und wie genau kommt es zu einer Sensibilisierung?

Gal d 5 gehört zu den Serumalbuminen. Es findet sich in Vogelfedern und Vogelkot, im Geflügelfleisch und in Eiern, insbesondere im Eigelb. Allerdings unterscheiden sich die Sensibilisierungswege der primären Geflügelfleischallergie von denen des Vogel-Ei-Syndroms.

Bei der primären Geflügelfleischallergie erfolgt die Sensibilisierung in der Regel über den Magen-Darm-Trakt durch das Geflügelallergen in der Nahrung. Es muss keine Eiallergie vorliegen, damit Kinder oder Jugendliche eine Allergie auf Geflügelfleisch entwickeln.

Bei der sekundären Geflügelfleischallergie, die auf einem Vogel-Ei-Syndrom beruht, erfolgt die primäre Sensibilisierung über die Atemwege oder über den Gastrointestinaltrakt. Gefährdet sind z.B. Hobbyvogelzüchter oder Mitarbeiter von Geflügelfarmen, die das Allergen einatmen.

Bei Kindern mit einer sekundären Geflügelfleischallergie erfolgt die Sensibilisierung eher über die Nahrung, d.h. die Aufnahme von Speisen, die Geflügelfleisch enthalten, aber auch über eine primäre Sensibilisierung auf Eigelb. Es handelt sich bei der sekundären Geflügelfleischallergie also um eine Kreuzallergie.

An welchen Symptomen erkennt man die primäre Allergie auf Geflügelfleisch?

Bei einer primären Geflügelfleischallergie kann es nach dem Verzehr von Geflügelfleisch innerhalb von 30 Minuten zu allergischen Reaktionen kommen, auch wenn dieses gut durchgegart ist. Dazu gehören ein orales Allergiesyndrom (OAS), Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle. An der Haut können Urtikaria und Angioödeme auftreten, auch Atemwegsbeschwerden sind möglich. Es wird auch von anaphylaktischen Reaktionen berichtet, die allerdings in der Regel nicht sehr stark ausgeprägt sind. Zu allergischen Reaktionen kann es bei Menschen mit Geflügelallergie bereits kommen, wenn sie beim Zubereiten von Geflügel dem Küchendunst ausgesetzt sind.

Insbesondere Hühnerfleisch und Putenfleisch lösen bei Menschen mit einer primären Geflügelfleischallergie Symptome aus, aber auch andere

Geflügelsorten wie Ente, Gans, Wachtel, Fasan etc. können allergische Reaktionen hervorrufen.

Außerdem ist zu beachten, dass Geflügelfleisch auch in zahlreichen Fertigprodukten Verwendung findet, z.B. in Wurstwaren, Fertiggerichten oder Tütensuppen und nicht immer ordnungsgemäß deklariert wird.

Selten liegt ein Fisch-Vogel-Syndrom vor, dann kommt es neben allergischen Symptomen auf Geflügelfleisch auch zu allergischen Symptomen auf Fisch.

Und an welchen Symptomen erkennt man die sekundäre Allergie auf Geflügelfleisch?

Die Symptome der sekundären Geflügelfleischallergie, die auf einem Vogel-Ei-Syndrom beruht, sind denen der primären Geflügelfleischallergie sehr ähnlich. Allerdings reagieren die Patienten hier nicht auf das Geflügelfleisch, sondern auf die Geflügeleier. So kann es nach dem Verzehr von rohen oder halbgaren Eiern oder Eierspeisen ebenfalls zum oralen Allergiesyndrom kommen. Auch gastrointestinale Symptome, Asthma, oder Hautsymptome wie Urtikaria und Angioödeme sind nach Eigelbkonsum möglich. Essen die Betroffenen jedoch durchgebackene Eier oder Eierspeisen, kommt es zu keinerlei Beschwerden, da das Allergen, wie gesagt, die Allergenität durch Hitze verliert.

Durch den Verzehr von Geflügelfleisch oder Produkten, die Geflügelfleisch enthalten, kommt es nur selten zu allergischen Symptomen bei Geflügelfleischallergikern. Das liegt daran, dass Geflügelfleisch und Produkte daraus in der Regel sehr gut durchgegart serviert werden, so dass das Allergen seine Allergenität verliert. Kommt es dennoch zu einem Verzehr von halbrohem Geflügelfleisch kann es zu systemischen Reaktionen kommen. Es kann jedoch auch zu Allergiesymptomen an der Haut kommen, wenn die Patienten rohes Geflügelfleisch anfassen. Möglich sind Rötungen, Urtikaria und Juckreiz.

Wie erfolgt die Diagnose bei der primären und sekundären Geflügelfleischallergie?

Mit Hilfe von Anamnese, Prick-Test mit kommerziell erhältlichen Lösungen, am besten auch Prick-zu-Prick-Test mit frischem Geflügelfleisch und Ei (roh und gekocht), IgE-Test und, bei Bedarf, molekularer Allergiediagnostik wird die Diagnose gestellt Bei Verdacht auf primäre Geflügelfleischallergie sollte gegebenenfalls auch eine Sensibilisierung gegenüber Fisch ausgeschlossen werden.

Bei der sekundären Geflügelfleischallergie, d.h. beim Vogel-Ei-Syndrom, findet man sowohl beim Prick-Test als auch beim IgE-Test eine allergische Reaktion auf Vogelfedern, Eigelb und Geflügelfleisch.

Welche Therapieoptionen gibt es für Patienten mit einer primären und sekundären Geflügelfleischallergie?

Therapeutisch bleibt nur die Karenz, d. h. das Vermeiden der Symptom-auslösenden Nahrungsmittel. Das bedeutet, dass bei primärer Geflügelfleischallergie alle Geflügelsorten, sowie gegebenenfalls Fisch - nur bei Fisch-Vogel-Syndrom - gemieden werden müssen. Der Verzehr von Ei sowie der Kontakt zu Vögeln sind unproblematisch.

Bei sekundärer Geflügelfleischallergie (Vogel-Ei-Syndrom) dagegen, sollte halbgares Geflügelfleisch und rohes sowie halbgares Ei gemieden werden. Aufgrund der Zerstörung des Allergens durch Erhitzen ist der Verzehr von ausreichend gekochtem bzw. gegartem Geflügelfleisch bzw. Ei meist unproblematisch. Allerdings sollte die Vogelhaltung aufgegeben werden.

Patienten mit starken klinischen Reaktionen sollten gegebenenfalls mit Notfallmedikamenten ausgestattet werden, falls es unabsichtlich zu einer Aufnahme der symptomauslösenden Nahrungsmittel kommt.

Im Gegensatz zu einer Hühnereiallergie im frühen Kindesalter, die meist bis zum Schulalter wieder verschwunden ist, scheinen primäre und sekundäre Geflügelfleischallergie (Vogel-Ei-Syndrom) lebenslang zu persistieren, d.h. anzuhalten.

Frau Prof. Wedi, herzlichen Dank für dieses Interview!

 

Quellen:

Hemmer W, Klug C, Swoboda I. Up- date on the bird-egg syndrome and genuine poultry meat allergy. Allergo J Int 2016;25:68–75 DOI: 10.1007/s40629-016-0102-8 https://link.springer.com/article/10.1007/s15007-016-1073-2

Kuehn A, Codreanu-Morel F, Lehners-Weber C, Doyen V, Gomez-Andre S-A, Bienvenu F, Fischer J, Ballardini N, van Hage M, Perotin J-M,
Silcret-Grieu S, Chabane H, Hentges F, Ollert M, Hilger C, Morisset M. Cross-reactivity to fish and chicken meat – a new clinical syndrome. Allergy 2016; 71: 1772–1781.

Wieczorek D, Kapp A, Wedi B. Seltene Nahrungsmittelallergien: mit IgE auf Kurs kommen. Allergologie 2017, im Druck.

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