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Asthma Insektengiftallergie Anaphylaxie

Prof. Dr. med. Wolfgang Pfützner, Leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie in Marburg

Insektengiftallergie und Asthma: Besteht ein höheres Anaphylaxierisiko?

Bei Insektengiftallergikern besteht stets auch die Gefahr einer Anaphylaxie, d.h. eines allergischen Schocks. Das Risiko für schwere anaphylaktische Reaktionen an den Atemwegen steigt, wenn zusätzlich zur Allergie gegen Bienengift oder Wespengift ein Asthma bronchiale besteht. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Wolfgang Pfützner, Leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie in Marburg über die Zusammenhänge zwischen Asthma, Insektengiftallergie und schweren Anaphylaxie-Reaktionen an der Lunge.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. Wolfgang Pfützner

Herr Prof. Pfützner, inwiefern ist Asthma ein Risikofaktor für Insektengiftallergiker?

Asthma bronchiale ist ein Risikofaktor für Insektengiftallergiker, weil bei Asthmatikern generell eine erhöhte Empfindlichkeit an der Lunge besteht. Das bedeutet, sie sind in Bezug auf eine mögliche Atemnot vorbelastet.

Das ist deshalb relevant, weil die Lunge zu den Organen gehört, die bei einer Anaphylaxie betroffen sein könnten. Kommt es dann im Rahmen der Anaphylaxie tatsächlich zu Problemen an der Lunge, können sich diese durch das vorbestehende Asthma  für die Patienten gravierender auswirken und schwere Folgen haben.

Dazu muss man wissen, dass ein ausgeprägter Asthmaanfall, beispeilsweise ein Status asthmaticus, in manchen Fällen wesentlich schwerer zu behandeln ist, als ein Herz-Kreislauf-Stillstand.

Eine durch Asthma vorbelastete Lunge kann also eine stärkere anaphylaktische Reaktion zeigen?

Prinzipiell ja, zusätzlich spielen Phänotyp und Umstände der Stichreaktion eine Rolle. Nehmen wir an, ein Gräserpollenallergiker leidet immer nur während vier Wochen im Juni unter einem intermittierenden Asthma, wenn „sein Allergen“ fliegt und hat ansonsten keine Beschwerden, und nehmen wir weiter an, dieser Patient hat sein Asthma in dieser Zeit mit einer symptomatischen Therapie einigermaßen gut unter Kontrolle. Ist er gleichzeitig Insektengiftallergiker und wird dann im August oder September gestochen, können asthmatische Reaktionen eher eine untergeordnete Rolle spielen, auch wenn er eine Anaphylaxie hat. Wird er jedoch gerade im Juni gestochen, wenn er durch sein Allergen bereits Asthmaprobleme hat, kann es zum Problem werden, wenn nach einem Bienen- oder Wespenstich eine Anaphylaxie eintritt.

Ebenso wird der chronische Asthmatiker, der ganzjährig Asthmaprobleme hat und dessen Lunge bereits labil ist, heftiger reagieren, wenn er Insektengiftallergiker ist und dann auch noch gestochen wird.

Welche Mechanismen spielen dabei eine Rolle?

Das erhöhte Risiko bei asthmatischen Insektengiftallergikern resultiert nicht daraus, dass eine Bienengift- oder Wespengiftallergie gerade spezifisch die Lunge besonders beeinträchtigen würde. Vielmehr entsteht das erhöhte Risiko dadurch, dass die durch das Asthma vorgeschädigten Lunge bei einer Insektenstich-Anaphylaxie wesentlich stärker betroffen sein kann.

Die meisten Insektengiftallergiker reagieren eher mit einer Verengung der oberen Atemwege, z.B. in Form von Kehlkopfschwellungen. Auch Herz-Kreislauf-Reaktionen sind häufig bei Menschen mit Bienen- oder Wespengiftallergie.

Gibt es noch weitere Risikofaktoren für schwerere Reaktionen bei Insektenstichen?

Neben dem Asthma gibt es weitere Risikofaktoren für schwerere Reaktionen bei Insektenstichen. Dazu gehören beispielsweise die Einnahme von Betablockern, eine Mastozytose, das Alter des Patienten (erhöhtes Risiko etwa ab dem 40. Lebensjahr), eine schwere Stichanaphylaxie in der Vorgeschichte oder vorbestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Mechanismen ähnlich wie beim Asthma. Bekommt ein Insektengiftallergiker mit einem Herz-Problem nach einem Stich einen anaphylaktischen Schock, kann das bereits „vorgeschädigte“ Herz, das sowieso bereits weniger kräftig pumpt, nicht mehr so gut „gegenregulieren“, was zu gravierenden Problemen führen kann.

Gilt das erhöhte Anaphylaxierisiko bei Allergie gegen Bienen- oder Wespengift ausschließlich für das allergische Asthma?

Auch das nicht-allergische Asthma stellt ein Risiko dar. Der wesentliche Faktor ist die Organbeteiligung der Lunge. Das größte Risiko für schwere Reaktionen an den Atemwegen beim anaphylaktischen Schock birgt das chronische instabile Asthma. Das intermittierende gut eingestellte Asthma ist ein weniger großes Risiko.

Welche Möglichkeiten gibt es für Menschen mit Asthma und Insektengiftallergie, das Risiko eines anaphylaktischen Schocks zu senken?

Die allerwichtigste Maßnahme ist ein optimal eingestelltes Asthma. Viele Patienten werden jedoch pulmonologisch nicht ausreichend betreut, weil sie gar nicht in Behandlung sind. Man behilft sich oft mit einem Bedarfsspray, das man erst dann anwendet, wenn es gar nicht mehr anders geht. Im Grunde benötigen diese Patienten eine Dauermedikation, um symptomfrei zu sein und gar nicht erst asthmatische Reaktionen zu entwickeln.

Davon unabhängig sollten Menschen mit Bienengift- oder Wespengiftallergie Stiche vermeiden, insbesondere dann, wenn Asthmabeschwerden bestehen, z.B. in der Zeit des Pollenfluges.   
Da ein Stich nicht immer vermeidbar ist, ist das Notfallset für Patienten mit Asthma und Insektenstichallergie sehr wichtig. Dieses Notfallset sollte immer mitgeführt werden und es sollte nicht nur einen Adrenalin-Autoinjektor enthalten, sondern auch ein Betamimetikum in Form eines Asthmasprays.  

Woran liegt es, dass Menschen mit Asthma eine ausreichende Behandlung ihrer Erkrankung scheuen?

Die Frage ist immer, wie massiv sich der Patient beeinträchtigt fühlt. Wenn ein Patient mit Asthma keine anstrengende berufliche Tätigkeit ausübt oder keinen anstrengenden Sport betreibt, hat er eventuell keine schweren Symptome. Beschwerden wie Hustenreiz oder nächtliche Schlafstörungen nimmt er möglicherweise als nicht so gravierend wahr.

Ein weiterer Grund könnte sein, dass viele Patienten eine gewisse Angst vor dem Kortison haben und deshalb versuchen, ohne Kortison auszukommen. Ein inhalatives Korkikosteroid ist für eine optimale Asthmabehandlung jedoch dringend erforderlich und auch nebenwirkungsarm, da es ja nicht als Tablette oder Infusion auf den ganzen Körper wirkt. Manche Asthma-Patienten haben Probleme mit der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten und denken, es sei besser für die Lunge, dies zu vermeiden, so lange es geht. Leider ist dies ein Trugschluss, denn die ständigen latenten Entzündungsreize an der Lunge führen zu Umbauvorgängen, die langfristig die Atemtätigkeit weiter einengen und nicht mehr reversibel sind.      

Bei Insektengiftallergikern ist das oft ähnlich wie bei den Asthmatikern. Menschen mit Bienengift- oder Wespengiftallergie lassen sich häufig nicht behandeln, weil sie die Allergie unterschätzen oder meinen, dass sie sowieso nicht wieder gestochen werden. Aber selbst Imker negieren immer wieder die Folgen einer Bienengiftallergie bis hin zu dem Imker, der angab, das ganze sei doch bei ihm nicht so schlimm, wenn er immer mal wieder durch einen Bienenstich das Bewußtsein verliere.

Kann bei Asthmatikern mit Allergie gegen Bienengift- oder Wespengift eine Hyposensibilisierung durchgeführt werden?

Die Leitlinien empfehlen eine Hyposensibilisierung bei jeder anaphylaktischen Stichreaktion, die über den reinen Hautausschlag hinaus geht. Ich rate allerdings jedem Bienen- und Wespengiftallergiker zu einer Hyposensibilisierung, da sie insgesamt sehr gut verträglich ist und man nie genau weiß, wie schwer die nächste Stichreaktion verläuft. Bei Asthmatikern mit einer Allergie gegen Bienengift- oder Wespengift sollte eine Hyposensibilisierung aus den oben genannten Gründen unbedingt durchgeführt werden, weil ein Stich in der „freien Wildbahn“ nur sehr schwer zu vermeiden ist. Eine Hyposensibilisierung kann aber nur dann durchgeführt werden, wenn der Asthmatiker therapeutisch optimal eingestellt ist. Bei einem instabilen Asthma besteht ansonsten die Gefahr schwererer anaphylaktischer Reaktion im Verlauf der Behandlung.

Zusätzlich ist dann natürlich auch darauf zu achten, keine Hyposensibilisierungsinjektionen durchzuführen, wenn gerade akute Beschwerden  bestehen – im Zweifelsfall ist der Termin für die nächste Injektion zu verschieben, ggf. die Dosis vorübergehend zu reduzieren. Ganz wichtig ist auch die ärztliche Nachbeobachtung von mindestens 30 Minuten nach einer Injektion.

Herr Prof. Pfützner, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.