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Allergie Schimmelpilze Innenraum

Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesmüller, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Zusatzbezeichnung Umweltmedizin, Reisemedizinische Gesundheitsberatung, Leiter der Abteilung Infektions- und Umwelthygiene des Gesundheitsamtes der Stadt Köln zum Thema: Allergie durch Schimmelpilze im Innenraum: Häufig oder selten?

Allergie durch Schimmelpilze im Innenraum: Häufig oder selten?

Niemand möchte Schimmel in der Wohnung haben, denn die meisten Menschen empfinden Schimmel als unhygienisch. Viele befürchten jedoch auch, durch Schimmel krank zu werden und z.B. eine Schimmelpilzallergie zu entwickeln. Sind diese Befürchtungen gerechtfertigt oder übertrieben? Wie groß ist das Risiko, durch Schimmelpilze im Innenraum krank zu werden? Bei welchen Erkrankungen kann man sicher sagen, dass der Schimmel die Ursache ist? Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesmüller, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Zusatzbezeichnung Umweltmedizin, Reisemedizinische Gesundheitsberatung, Leiter der Abteilung Infektions- und Umwelthygiene des Gesundheitsamtes der Stadt Köln, ist der federführende Autor der AWMF-Schimmelpilz-Leitlinie (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) „Medizinisch klinische Diagnostik bei Schimmelpilzexposition in Innenräumen" AWMF-Register-Nr. 161/001. MeinAllergiePortal sprach mit ihm über das Thema „Allergie durch Schimmelpilze im Innenraum: Häufig oder selten?“

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesmüller

Herr Prof. Wiesmüller, kann man durch Schimmelbefall in Wohnräumen wirklich krank werden?

Eine generelle Aussage kann man hierzu nicht treffen. Man kann sagen, dass Schimmelbefall im Innenraum von der Allgemeinbevölkerung als das wichtigste Innenraumschadstoffproblem angesehen wird. Zu diesem Schluss kommt man zumindest, wenn man die bei Gesundheitsämtern und Verbraucherzentralen eingehenden Anfragen auswertet. Auch in den Medien ist das Thema „Schimmel im Innenraum“ von Bedeutung.

So erhält man z. B. bei der Google-Suche nach „Schimmelpilze“ zahlreiche Einträge, ähnlich ist dies bei der Suche nach den Begriffen „Schimmelpilze, Gesundheit“ oder „Schimmelpilze, Risiko“.

Auffällig ist jedoch, dass die Beiträge zu den Themen „Gesundheit“ oder „Risiko“ nicht von Medizinern stammen, sondern von Dienstleistern im Bereich Schimmelsanierung, d.h. von Sanierungsfirmen, Bausachverständigen, Innenraumdiagnostikern, Umweltmykologen oder Anbietern von Mitteln und Verfahren zur Schimmelsanierung.

Bedeutet das, dass Schimmelpilze im häuslichen Umfeld harmloser sind als allgemein angenommen?

Die World Health Organization (WHO) und die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) zeigen auf, dass Bewohner von feuchten und/oder verschimmelten Wohnungen ein erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen und Atemwegsinfektionen tragen. Auch zu Asthmaerkrankungen kommt es hier häufiger und eine vorhandene Asthmaerkrankung kann sich verschlimmern.

WHO und GHUP stellen aber auch fest, dass es unklar ist, welche biologischen Partikel oder Substanzen tatsächlich die Ursache dafür sind. Ein ursächlicher Zusammenhang besteht nur für Mykosen, d.h. für Infektionen durch Schimmelpilze. Außerdem wird darauf hingewiesen, welche Erkrankungen wahrscheinlich nicht in Zusammenhang mit Feuchte- und/oder Schimmelschäden stehen wie z. B. Krebs.

Warum wird das Thema Schimmelpilze und Gesundheit trotzdem von vielen Laien und Ärzten so kontrovers diskutiert?

Die Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von Schimmelpilzen und möglichen gesundheitlichen Effekten sind sehr komplex. Schimmelpilze können zwar unterschiedliche gesundheitliche Wirkungen auslösen, diese treten aber nicht zwangsläufig bei jeder Person auf, die den Schimmelpilzen ausgesetzt ist.

Es gibt auch keine Grenzwerte für gesundheitlich unbedenkliche Konzentrationen, da bisher keine Dosis-Wirkungsbeziehungen zwischen Schimmelpilzkonzentrationen und gesundheitlichen Auswirkungen bekannt ist.

Dies wird von manchen Interessensvertretern fälschlicherweise dahingehend interpretiert, dass es keine gesundheitlichen Probleme durch Schimmelpilze gibt.
Außerdem tritt ein Schimmelpilzbefall selten allein auf.

Was ist damit gemeint, dass Schimmelpilzbefall selten allein auftritt?

Bei Schimmelbefall treten nicht nur Schimmelpilze, sondern häufig auch Bakterien oder Kleinstlebewesen wie Milben auf, von denen ebenfalls gesundheitliche Risiken ausgehen können.

In der Innenraumluft befinden sich daher bei Schimmelbefall eine große Vielfalt von biogenen Partikeln, wie Schimmelpilzsporen und Bakterien, und Substanzen, die von diesen Organismen gebildet werden. Bisher ist unklar, welche dieser biogenen Schadensfaktoren bei Feuchteschäden das Hauptrisiko darstellen. Der Kontakt zu gesundheitlich relevanten Schadensfaktoren bei Feuchteschäden ist nur schwer zu bestimmen und nicht genau mengenmäßig zu messen.

Hinzu kommt, dass die Reaktion der Menschen auf Schimmelpilze oder Feuchteschäden sehr individuell ist.

Auf Schimmelbefall reagiert also nicht jeder gleich?

Das gesundheitliche Risiko, das von Feuchteschäden ausgeht, ist sehr stark von der Disposition, d.h von der Empfänglichkeit des Betroffenen, abhängig. Das bedeutet, was bei dem einen vielleicht bereits zu einer gesundheitlichen Beeinträchtigung führt, verursacht beim anderen nicht die geringsten Beschwerden. Zudem sind sie diagnostischen Methoden zur Erfassung der gesundheitlichen Wirkungen von Schimmelpilzen bisher unzureichend entwickelt oder nicht ausreichend genau.

Sie hatten erwähnt, dass es beim Thema „Schimmelpilze“ Interessenvertreter gibt…

In den Bereichen Innenraumdiagnostik, Umweltanalytik und Schadstoffsanierung stellt der Bereich „Schimmelpilze“ ein kommerziell interessantes Gebiet dar, das heiß umworben wird. Daher werden oft undifferenzierte Pauschalaussagen zur Schädlichkeit oder Unschädlichkeit von Schimmelpilzen gemacht.

Für die Betroffenen ist das schon sehr unübersichtlich, wäre denn dann ein auf Schimmelpilze spezialisierter Mediziner die Lösung?

Menschen, die unter gesundheitlichen Problemen leiden und die glauben, dass diese auf einen Feuchte- oder Schimmelschaden zurückzuführen sind, haben häufig eine Odyssee hinter sich, bevor sie an einen Arzt gelangen, der ihnen kompetent hilft, zumal es bisher keine abgestimmte Lehrmeinung auf dem Gebiet „Schimmelpilze und gesundheitliche Risiken“ gibt.

Außerdem werden von den gesetzlichen Krankenkassen entsprechende ärztliche Leistungen, die u. a. umfangreiche Patientengespräche zur Erfassung der Krankheitsvorgeschichte erfordern, unzureichend honoriert.

Besteht hier eine Versorgungslücke für die Patienten, die eventuell doch durch Schimmelpilze krank geworden sind?

In gewisser Weise ja. Aus diesen Gründen hat die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften aus Deutschland und Österreich, Ärzteverbänden und Experten u.a. aus den Bereichen Allergologie, Arbeitsmedizin, Dermatologie, Infektiologie, Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Mikrobiologie, Öffentliche Gesundheit, Pneumologie und Sozialmedizin im April 2016 die AWMF-Schimmelpilz-Leitlinie „Medizinisch klinische Diagnostik bei Schimmelpilzexposition in Innenräumen“ erarbeitet und allen Ärzten und Interessierten zur Verfügung gestellt.

Was ist das Ziel der AWMF-Schimmelpilz-Leitlinie?

Die Leitlinie soll die bestehende Lücke für die medizinische Diagnostik bei Schimmelbelastungen im Innenraum schließen. Bisher existieren nur Leitlinien dazu, wie ein Gebäude bei Feuchteschäden bzw. Schimmelbefall saniert werden kann und Übersichtsarbeiten zu den auf Schimmelpilze zurückgeführten Krankheitsbildern. Es gab jedoch bisher keine Leitlinie, die darstellt, wie in Bezug auf die betroffenen Patienten vorgegangen werden soll.

Zudem haben sich die Herausgeber der Leitlinie entschlossen, die Kernaussagen der Leitlinie für die von einem Schimmelbefall Betroffenen zugänglich zu machen. Sie hoffen, damit unbegründeten Ängsten auf der einen Seite und einer nicht zu rechtfertigenden Verharmlosung auf der anderen Seite bezüglich der von Schimmel ausgehenden gesundheitlichen Risiken entgegenwirken zu können. Die Herausgeber wollen damit einen Beitrag zur Versachlichung der Schimmelpilzproblematik leisten.

 

Kernaussagen der AWMF-Schimmelpilz-Leitlinie
1. Deutlicher Schimmelpilzbefall darf in Innenräumen aus Vorsorgegründen nicht toleriert werden. Zur Beurteilung des Schadensausmaßes sei auf den „Leitfaden zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen“ des Umweltbundesamtes verwiesen. Eine überarbeitete Fassung des UBA-Schimmelpilzleitfadens wird voraussichtlich 2018 erscheinen.
2. Die wichtigsten Maßnahmen bei Schimmelpilzexpositionen im Innenraum sind Ursachenklärung und sachgerechte Sanierung (siehe Schimmelpilzsanierungsleitfaden, diese werden in den 2018 neu erscheinenden Schimmelpilzleitfaden des UBA integriert).
3. Schimmelpilzmessungen im Innenraum sind aus medizinischer Sicht selten sinnvoll. In der Regel kann bei sichtbarem Schimmelpilzbefall sowohl auf eine quantitative (mengenmäßige) als auch auf eine qualitative (Zusammensetzung der Bestandteile, Bestimmung der Schimmelpilzspezies) Messung verzichtet werden. Vielmehr sind die Ursachen des Befalls aufzuklären, anschließend sind Befall und primäre Ursachen zu beseitigen.
4. Schimmelpilzexpositionen können allgemein zu Reizungen der Schleimhäute, Geruchswirkungen und Befindlichkeitsstörungen führen.
5. Spezielle Krankheitsbilder bei Schimmelpilzexposition betreffen Allergien und Schimmelpilzinfektionen (Mykosen).
6. Es ist eine wesentliche ärztliche Aufgabe, in Fällen eines vermuteten Zusammenhangs von Feuchte- oder Schimmelschäden in Innenräumen und Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts bzw. der Niere, Störungen der Fortpflanzung, der Schädlichkeit für die Keimzellen oder Krebserkrankungen die bislang fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnisse sachlich darzustellen.
7. Besonders zu schützende Risikogruppen sind:
a) Personen mit Immunsuppression/Immunschwäche nach der Einteilung der Kommission
für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut
(RKI) (s.o.)
b) Personen mit Mukoviszidose (Zystischer Fibrose)
c) Personen mit Asthma bronchiale
8. Das Risiko für die Entwicklung eines Asthmas („Etagenwechsel“) ist erhöht bei:
a) Patienten mit allergisch bedingter Erkrankung der Nasen- und Augenschleimhaut
b) Patienten mit allergischer bedingter Erkrankung der Nasen- und Nasenneben-
höhlenschleimhaut
c) Patienten mit Neigung zu Überempfindlichkeitsreaktionen auf den Kontakt mit ansonsten
harmlosen Substanzen aus der Umwelt.
9. Vermutlich sind alle Schimmelpilze geeignet, Sensibilisierungen (Empfindlichkeit, Vorstufe der Allergie) und Allergien hervorzurufen. Im Vergleich zu anderen Umweltallergenen ist das allergene Potential (Fähigkeit, eine Sensibilisierung und Allergie auszulösen) als geringer einzuschätzen.
10. Personen mit einer Neigung zu Überempfindlichkeitsreaktionen, Heuschnupfen, allergischem Asthma und Neurodermitis weisen oft IgE-Antikörper auch gegen Schimmelpilze auf, was jedoch nicht zwangsläufig einen Krankheitswert hat.
11. Kernelemente der Allergiediagnostik sind schwerpunktmäßig die ausführliche Krankheitsvorgeschichte (Anamnese), ergänzend die Hauttestung (Pricktest) und die Blutuntersuchungen auf spezifische IgE-Antikörper sowie die unmittelbare Testung der Reaktion an Nase, Augen und /oder Bronchien.
12. Der Nachweis von spezifischem IgE im Blut bedeutet, dass eine spezifische Sensibilisierung gegenüber entsprechenden Allergenen vorliegt. Dies ist aber genau so wenig wie eine positive Reaktion im Hauttest einer allergischen Erkrankung gleichzusetzen.
13. Negative Testergebnisse schließen eine Sensibilisierung oder Allergie auf Schimmelpilz(e) nicht aus.
14. Die Bestimmung spezifischer IgG-Antikörper im Zusammenhang mit der Diagnostik einer Schimmelpilzallergie vom Soforttyp (Typ-I-Allergie) hat keine diagnostische Bedeutung und wird daher nicht empfohlen.
15. Lymphozytentransformationstestungen (LTT) auf Schimmelpilze sind als diagnostische Verfahren nicht sinnvoll.
16. Infektionen durch Schimmelpilze sind selten und erfolgen am ehesten durch Einatmen von Sporen. Betroffen sind ganz überwiegend Personen mit lokaler oder allgemeiner Abwehrschwäche.
17. Schimmelpilzallergiker und Personen mit das Abwehrsystem schwächenden Erkrankungen sollten von ihrem Arzt über die Gefahren von Schimmelpilzen im Innenraum und über
Quelle: AWMF-Schimmelpilz-Leitlinie

Und welche Gesundheitsprobleme und Erkrankungen könnten tatsächlich durch Schimmelpilze verursacht worden sein?

Von Schimmelpilzen können generell folgende gesundheitliche Beeinträchtigungen ausgehen:

  • Infektionen
  • Sensibilisierungen und Allergien
  • Vergiftungen (Intoxikationen)
  • Reizende Wirkungen auf die Schleimhaut von Augen, Nase, Mund und unteren Atemwegen, Geruchsbelästigungen
  • Befindlichkeitsstörungen

 

Zusammenhang zwischen einer Schimmelpilzbelastung oder/und Feuchtigkeit in Innenräumen und Krankheiten
(ohne Infektionen durch Schimmelpilze, sogenannte Mykosen)

Eindeutig ursächlicher Zusammenhang mit Feuchte-/Schimmelschäden in Innenräumen

Kann für keine Krankheit mit Ausnahme von Infektionen durch Schimmelpilze, sogenannte Mykosen, nachgewiesen werden.

Ausreichend wahrscheinlicher Zusammenhang mit Feuchte-/Schimmelschäden in Innenräumen

Allergische Atemwegserkrankungen

Asthma (erstmaliges Auftreten von Asthma, Verschlechterung der Asthma-Erkrankung,
deutliche Verschlimmerung der Asthma-Beschwerden)

Allergische Rhinitis (allergischer Schnupfen)

Exogen Allergische Alveolitis (allergisch bedingte Entzündung der Lungenbläschen)

Begünstigung von Atemwegsinfektionen, Bronchitis

Eingeschränkt wahrscheinlicher oder nur vermuteter Zusammenhang mit Feuchte-/ Schimmelschäden in Innenräumen

Mucous Membrane Irritation (MMI) (unspezifische Reizungen der Schleimhäute der Augen (z.B. Brennen, Tränen), der Nase (z.B. Niesreiz,

Naselaufen oder verstopfte Nase) und des Rachens (z.B. Trockenheitsgefühl, Räuspern)

Neurodermitis/Atopisches Ekzem (erstmaliges Auftreten der Neurodermitis, Verschlechterung
der Neurodermitis-Erkrankung, deutliche Verschlimmerung der Neurodermitis-
Beschwerden)

Nicht zutreffender oder nicht wahrscheinlicher Zusammenhang mit Feuchte-/Schimmelschäden in Innenräumen

Chronisch obstruktive Lungenerkrankung

Akute Idiopathische Pulmonale Hämorrhagie bei Kindern (akute Lungenblutung ohne
bekannte Ursache)

Rheuma

Arthritis (Gelenkentzündung)

Sarkoidose (Entzündungen mit Auftreten kleiner knötchenartiger Zellansammlungen)

Krebs

Quelle: AWMF-Schimmelpilz-Leitlinie

In der Praxis ist die Beantwortung der Frage von Patienten, welches gesundheitliche Risiko mit dem Nachweis von Schimmelpilzen im Innenraum verbunden ist, primär eine ärztliche Aufgabe.

Was sollte der Arzt überprüfen um festzustellen, ob die Beschwerden des Patienten tatsächlich durch Schimmelpilze verursacht werden?

Um eine gesundheitliche Gefährdung von Schimmelpilzen beurteilen zu können, muss einerseits die Prädisposition, d.h. die gesundheitliche Situation, der Betroffenen und andererseits das Ausmaß des Schimmelbefalls beurteilt werden. Vom Arzt ist zunächst zu prüfen, ob das Beschwerde- oder Krankheitsbild möglicherweise durch einen Schimmelbefall im Innenraum bedingt sein kann und ob eine Prädisposition hinsichtlich möglicher gesundheitlicher Schimmelpilzwirkungen vorliegt.

Nach heutigem Kenntnisstand sind Reizungen der Schleimhaut der Augen und Atemwege sowie allergische Reaktionen bei Schimmelbefall außerhalb von Krankenhäusern wahrscheinlich am häufigsten. Infektionen treten nur bei Personen auf, deren Immunsystem z.B. nach Transplantationen, durch eine Leukämie, ein Lymphom oder eine Chemotherapie stark herabgesetzt ist.

Eine Sensibilisierung auf Schimmelpilze kann im Prinzip durch sogenannte Allergietests, d. h Hauttests oder der Nachweis von Antikörpern, dem spezifischen IgE im Blut, festgestellt werden. Eine Allergie kann durch eine Provokation, d. h. durch das gezielte Hervorrufen von Symptomen, an den Schleimhäuten der Augen, der Nase und/oder der Bronchien, festgestellt werden. Dabei gibt es allerdings ein Problem.

Welches Problem stellt sich bei der Diagnose einer Schimmelpilz-Allergie?

Für die meisten im Innenraum bei Feuchteschäden vorkommenden Schimmelpilze gibt es für die Allergietestung keine kommerziell erhältlichen Testextrakte. Daher kann von einem positiven Testergebnis allein nicht auf mögliche gesundheitliche Probleme mit Schimmelbefall im Innenraum geschlossen werden. Auf der anderen Seite schließt ein negatives Ergebnis aber auch mögliche gesundheitliche Probleme aufgrund von Schimmelpilzen, die typischerweise bei Feuchteschäden vorkommen, nicht aus, denn es könnte ja sein, dass eine Allergie auf ein Schimmelpilz-Allergen besteht, für das kein Testextrakt verfügbar ist.

Beim jetzigen Stand der analytischen Möglichkeiten lassen sich auch die Pilzgifte, auch Mykotoxine genannt, im Innenraum weder sicher bestimmen noch bewerten. Eine Bestimmung von Mykotoxinen im Blut oder Urin hat für die medizinische Praxis keine Bedeutung und muss zurzeit auf wissenschaftliche Fragestellungen beschränkt bleiben.

Wie bewerten Sie denn die Messung von Schimmelpilzen vor Ort in den Wohnungen?

Eine Bestimmung der Schimmelpilzarten, die bei einem Schimmelbefall im Innenraum vorkommen, ist für die medizinische Diagnostik nur in Ausnahmefällen, z.B. bei Infektionsgefährdung, sinnvoll.

Insbesondere für solche Personen, die ein erhöhtes Erkrankungsrisiko bei Schimmelbefall haben, stellt die durch eine Schimmelpilzmessung bedingte zeitliche Verzögerung von Maßnahmen ein erhöhtes Risiko dar.

Zu beachten ist aber, dass es im Falle eines Feuchte-/Schimmelschadens im Innenraum besonders zu schützende Risikogruppen gibt. Dies sind:

  • Personen mit Immunsuppression/Immunschwäche nach den oben dargestellten drei Risikogruppen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut ,
  • Personen mit Mukoviszidose (Zystische Fibrose) und
  • Personen mit Asthma bronchiale

Herr Prof. Wiesmüller, herzlichen Dank für dieses Interview!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.