Schimmelpilze Infektionen Evidenz

Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesmüller, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Zusatzbezeichnung Umweltmedizin, Reisemedizinische Gesundheitsberatung, Leiter der Abteilung Infektions- und Umwelthygiene des Gesundheitsamtes der Stadt Köln beim DAK 2017!

Infektionen durch Schimmelpilze im Innenraum: Keine Evidenz!

In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Innenraum-Schimmelpilze als Verursacher von Allergien und zahlreichen Beschwerden. Auch die intensive Behandlung des Themas in vielen Medien verstärkt diesen Eindruck. Tatsächlich ist es jedoch aktuell so gut wie nicht möglich, eine Schimmelpilz-Exposition im Innenraum als Ursache für Infektionen, bestimmte Erkrankungen oder Beschwerden klar zu definieren. Dies machte Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesmüller, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Zusatzbezeichnung Umweltmedizin, Reisemedizinische Gesundheitsberatung, Leiter der Abteilung Infektions- und Umwelthygiene des Gesundheitsamtes der Stadt Köln im Rahmen des 12. Deutschen Allergiekongresses 2017 unmissverständlich klar.

Infektion durch Schimmelpilzexposition im Innenraum: Wie kann es dazu kommen?

Damit es überhaupt zu einer Infektion mit Innenraum-Schimmelpilzen kommen kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein:

 

1. Es muss eine Exposition zu Schimmelpilzen gegeben sein, die bei der menschlichen Körpertemperatur von ca. 37 °C gedeihen. Dazu gehören die meisten Aspergillen, sowie viele Mucorales wie z.B. Rhizopus oryzae, Rhizomucor sp. und Mycocladus corymbiferus, die in den Risikogruppen 1 und 2 nach TRBA 460 eingestuft sind. Hinzu kommen sogenannte „emerging pathogenes“, d.h. neue Krankheitserreger wie Fusarien, Mucoromycotina, {Zygomyzeten [Rhizopus, Rhizomucor, Mucor, Absidia, Cunninghamella]}), viele Aspergillus-Arten und Aspergillus fumigatus.

2. Es muss bei Patienten eine Prädisposition vorhanden sein, d.h. er muss empfänglich für diese Art von Infektionen sein.


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Infektion durch Schimmelpilzexposition im Innenraum: Wer ist gefährdet?

Zu den Risikofaktoren, die eine Infektion mit Schimmelpilzen begünstigen können, gehören schwere Erkrankungen bzw. Therapien, die das Immunsystem sehr stark beeinträchtigen. Absteigend nach Risiko geordnet sind dies unter anderem:

 

  • Tumorerkrankungen, vor allem mit hämato-onkologischer Grunderkrankung, wie Leukämie und Lymphom
  • akute myeloische Leukämie (AML)
  • akute lymphatische Leukämie (ALL)
  • allogene Stammzelltransplantationen
  • autologe Stammzelltransplantationen
  • solide Organtransplantationen
  • HIV-Infektionen
  • sonstige Immunsuppressionen, z.B. längerdauernde hochdosierte Therapie mit Glukokortikoiden
  • aplastische Anämie

„Dabei ist nicht entscheidend, dass der Patient an den genannten Erkrankungen erkrankt ist. Maßgeblich ist vielmehr, dass der Patient einer der drei vom Robert Koch-Institut definierten Risikogruppen zuzuordnen ist und sich somit in einer mittelschweren, schweren oder sehr schweren Immunsuppressionsphase befindet“ betonte Prof. Wiesmüller. Insbesondere in den Risikogruppen 2 und 3 handelt es sich um Klinikpatienten, was bedeutet, dass gerade dort die Expositionskontrolle und –prophylaxe sehr hoch sein muss, damit es gar nicht erst zu Infektionen durch Innenraumschimmelpilz kommen kann.

Risikogruppen nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI)

Risikogruppe 1  (mittelschwere Immunsuppression/-defizienz)

– Granulozytopenie <0,5×109 /l    (<500/μl) bis zu 10 Tage (analog Leukopenie <1×109/l; <1000/μl)

–  Mangel an CD4-positiven T-Helfer-Zellen <250/μl (cave: altersentsprechende Normwerte bei Kindern); autologe Stammzelltransplantation bis drei Monate nach intensiver Therapiephase

Patienten, die mehr als 1 Merkmal der unter Risikogruppe 1 aufgeführten Immunsuppression/-defizienz aufweisen, kommen in Risikogruppe 2.

Risikogruppe 2 (schwere Immunsuppression/-defizienz)

–  Granulozytopenie <0,5×109 /l (<500/μl) über mehr als 10 Tage (analog Leukopenie <1×109/l; <1000/μl)

– Schwere aplastische Anämie oder Makrophagen-Aktivierungssyndrom während einer intensiven immunsuppressiven Therapie

–  Allogene Knochenmark- oder/Stammzelltransplantation bis 6 Monate nach Abschluss der intensiven Therapiephase (wichtig: Ausmaß der GVHD und der anhaltenden iatrogenen Immunsuppression)

–  Akute stationäre Behandlungsphase bei autologer Stammzelltransplantation oder nach Transplantation solider Organe (bis zur Entlassung)

Risikogruppe 3 (sehr schwere Immunsuppression/-defizienz)

– Allogene KMT/PBSCT in intensiver Therapiephase (bis zum Engraftment = Regeneration der Granulopoese)

– Schwere GVHD Grad III oder IV unter intensiver Immunsuppression

Die Entscheidung über die Zuordnung zu Gruppe 3 bei Patienten nach allogener Stammzelltransplantation wird letztlich in Zusammenschau aller Befunde von den behandelnden Onkologen getroffen.

Quelle: Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut (RKI), Anforderungen an die Hygiene bei der medizinischen Versorgung von immunsupprimierten Patienten, Bundesgesundheitsbl 2010, 53:357–388, DOI 10.1007/s00103- 010 -1028-9 Online publiziert: 20. März 2010, Springer-Verlag

 

Bei Patienten der Risikogruppe 1, die sich in einer mittelschweren Phase der Immunsuppression befinden, besteht jedoch ein weiteres Risiko durch die heutzutage häufig ambulant durchgeführten onkologischen Therapien. Bei Patienten, die z.B. nach einer Chemotherapie oder einer Strahlentherapie wieder nach Hause gehen, ist die Infektionsgefahr nur schwer kontrollierbar. Gefährdet sind auch Patienten mit Mukoviszidose.

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