Spezifische Immuntherapie Hyposensibilisierung Allergie Pferd

Prof. Dr. Ralf S. Mueller, Medizinische Kleintierklinik am Zentrum für klinische Tiermedizin der LMU München zur Hyposensibilisierung bei allergischen Pferden und wann sie helfen kann!

Spezifische Immuntherapie: Hilft Hyposensibilisierung allergischen Pferden?

Wenn Pferde Allergien entwickeln ist das für die Besitzer doppelt problematisch. Zum einen leiden sie mit ihrem Tier, zum anderen können Allergien die Leistungsfähigkeit der Pferde und damit die Reitaktivitäten ihrer Besitzer beeinträchtigen. Eine mögliche Therapie bei der Allergie beim Pferd ist die spezifische Immuntherapie (SIT) bzw. die Hyposensibilisierung. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Ralf S. Mueller, Medizinische Kleintierklinik am Zentrum für klinische Tiermedizin der LMU München über die Hyposensibilisierung bei allergischen Pferden und wann sie helfen kann.

Herr Prof. Mueller, bei welchen Allergien kann man Pferde mit einer spezifischen Immuntherapie behandeln?

Prinzipiell setzt man die spezifische Immuntherapie bei Pferden zur Behandlung von Umweltallergien, die sich an der Haut, d.h. durch eine atopische Dermatitis, zeigen ein. Dazu gehören die Pollenallergien, Futtermilbenallergien und die Allergien gegen Schimmelpilzsporen.

Allerdings gibt es keine wissenschaftlichen randomisierten Studien zur Desensibilisierung beim Pferd. Es gibt jedoch zwei bis drei retrospektive Studien, die von einer Erfolgsquote von ca. 75 Prozent berichten.  

 

Setzt man die Desensibilisierung auch bei Pferden mit allergischen Reaktionen an den Atemwegen ein?

Bei asthmaähnlichen Zuständen beim Pferd – früher nannte man das COPD (chronic obstructive pulmonary disease), heute sagt man RAO (recurrent airway obstruction) – die auf Umweltallergene zurückzuführen sind, stehen deutlich mehr Studien zu involvierten Allergenen und zur Diagnose mittels Allergietests zur Verfügung. Bei Pferden mit allergisch bedingtem Asthma ist die Desensibilisierung auch erfolgreich.

Auch bei den Head Shakers, das sind Pferde, die beim Reiten immer wieder den Kopf werfen, habe ich mit der Desensibilisierung gute Erfahrungen gemacht. Das Kopfschütteln kann viele Ursachen haben und muss nicht allergisch bedingt sein. Z.B. kann ein Fremdkörper im Auge oder im Mittelohr das Pferd irritieren und das Kopfschütteln auslösen. Es gibt aber Pferde, die im Winter und im Sommer in der Halle sehr gut gehen, aber sobald sie im Freien geritten werden, beginnt das Head Shaking. Wenn sich beim Allergietest zeigt, dass diese Pferde z.B. auf Pollen sensibilisiert sind, setze ich die Desensibilisierung ein und das mit guten Erfolgen.


Setzen Sie die Desensibilisierung auch bei Pferden ein, die auf Insekten allergisch reagieren?

Die Allergie auf Insekten ist beim Pferd mit Abstand die häufigste Allergie, meist gegen Culicoides, die Kriebelmücke. Es gibt aber auch Pferde, die auf Pferdebremsen oder andere Insekten allergisch reagieren. Hierzu gibt es einige Studien mit widersprüchlichen Resultaten. Eine ältere Doppelblindstudie aus Florida kommt zu dem Ergebnis, dass eine Desensibilisierung bei Pferden mit Insektenallergien nicht wirksam ist. Hingegen zeigte eine Fallserie aus Kanada sehr gute Erfolge mit der Desensibilisierung von Insekten-allergischen Pferden. Schaut man sich die beiden Studien genauer an, fällt auf, dass in der kanadischen Studie deutlich höhere Antigen-Dosen injiziert wurden, als in der Florida-Studie. Die unterschiedlichen Ergebnisse könnten also durch die unterschiedliche Dosierung verursacht worden sein. Auch die Tatsache, dass bei der Desensibilisierung gegen Insektenallergene Gesamtkörperextrakte verwendet werden, könnte eine Rolle spielen.

Können Sie die Rolle der Insektenallergene Gesamtkörperextrakte bei der Desensibilisierung gegen Insektenallergene beim Pferd erklären?

Zur Herstellung von Gesamtkörperextrakten werden z.B. Kriebelmücken oder Pferdebremsen zerkleinert, gesiebt, als Extrakt aufbereitet und injiziert. Das Allergen sitzt jedoch im Speichel der Insekten und davon gelangt bei dieser Methode nur recht wenig in die Extrakte.

Aus meiner Sicht liegt die Zukunft deshalb bei den rekombinanten Speichelantigenen. Aktuelle Studien aus dem Jahr 20151) und 20162), in denen man Pferden rekombinante Culicoides-Antigene injiziert hat, konnten zeigen, dass tatsächlich IgG-Antikörper gebildet wurden, allerdings nicht die für Allergien klassischen IgE-Antikörper.

Hier ist in den nächsten Jahren mit einer Entwicklung zu rechnen, auch für die Diagnostik. So hat man z.B. bei Pferden mit RAO, also Asthma-ähnlichen Symptomen, festgestellt, dass Hauttests mit Schimmelpilzsporen-Extrakten im Vergleich zu gesunden Pferden genauso häufig positiv waren. Hingegen haben Studien die mit rekombinanten Schimmelpilzsporen-Extrakten gearbeitet haben, betroffene von gesunden Pferden besser unterscheiden können.3) Dies ist ein Hinweis darauf, dass die rekombinanten Allergene zumindest zur Diagnose deutlich besser geeignet sind, als die Allergenextrakte, und meine persönliche Prognose ist, dass wir damit in Zukunft auch mit der Immuntherapie bessere Resultate erzielen werden.  

Lassen sich beim Pferd auch Nahrungsmittelallergien mit der spezifischen Immuntherapie behandeln?

Nahrungsmittelallergien bei Pferden sind sehr, sehr selten. Anders als bei Hunden, Katzen und Menschen haben bislang nur sehr wenige Dermatologen von Pferden mit Nahrungsmittelallergien berichtet.

Zur Diagnose: Wie erfolgt die für eine Hyposensibilisierung des Pferdes erforderliche Ermittlung des Allergens?

Zur Allergiediagnose beim Pferd stehen verschiedene Testmöglichkeiten zur Verfügung. Man kann einen Hauttest, d.h. einen Intradermaltest durchführen. Das bedeutet, man spritzt dem Pferd das Allergen in die Haut. Dabei testet man 40 bis 50 Allergene und wählt dann die positiven Resultate für die Immuntherapie aus, vorausgesetzt sie passen zur Anamnese.

Bei der Anamnese ist man jedoch auf die gute Beobachtungsgabe des Pferdebesitzers angewiesen.


Welche Allergien finden Sie beim Pferd denn am häufigsten?

Beim Pferd findet man am häufigsten Allergien auf Insekten, gefolgt von Pollenallergien, Schimmelpilzallergien und Vorratsmilbenallergien. Da es in den Ställen durch die Aufbewahrung von Heu und Kraftfutter sehr viele Vorratsmilben gibt, kommt es bei Pferden deutlich häufiger zu Allergien auf Vorratsmilben, als z.B. bei Hunden.

Ein weiterer Allergietest beim Pferd ist die Bestimmung des spezifischen IgE. Auch hier findet man eine hohe Zahl von Sensibilisierungen, die nicht unbedingt gut mit der Klinik korreliert.

Auch der sogenannte Basophilen-Degranulationstest ist ein Test zur Allergiediagnose beim Pferd. Beim Basophilen-Degranulationstest inkubiert man das frische Blut des Pferdes mit dem Antigen. Dies führt zur Degranulation der basophilen Granulozyten und der messbaren Freisetzung von Histamin. Die Testqualität des Basophilen-Degranulationstests ist vergleichbar mit den bereits erwähnten Testungen. Er hat aber den Nachteil, dass die Blutproben sehr schnell im Testlabor sein müssen, denn durch Verzögerungen oder hohe Temperaturen werden die Proben unbrauchbar.

Allergietests bei Pferden werden aktuell generell sehr kontrovers diskutiert, da man bei allen Tests auch bei gesunden Pferden stets Reaktionen auf einige der getesteten Allergene findet. Diese Pferde sind sensibilisiert, zeigen aber keine klinischen Allergiesymptome.

Wie ermitteln Sie beim Pferd, welche der zahlreichen Sensibilisierungen die allergischen Symptome auslösen?

Dafür gibt es die erwähnte Anamnese, die mit Hilfe des Pferdebesitzers durchgeführt wird. Wenn der Besitzer berichtet, dass das Pferd im Winter symptomfrei ist, aber von April bis September stets Probleme hat, schaut man sich die Gräserpollen an.

Zeigen sich die Allergiesymptome bei Pferd bereits im Februar und sind im Mai wieder verschwunden, sind eher die Frühblüher, wie Birken- oder Haselpollen, verdächtig.

Beginnen die Symptome im Sommer und halten bis in den November an, könnten Kräuterpollen, wie z.B. Sauerampfer, eine Rolle spielen.
Ganzjährig präsente gleichbleibende Symptome weisen auf Vorratsmilben hin und Symptome im Sommer, wenn die Tiere auf der Weise stehen, auf Insekten.

Auch Verteilungsmuster der allergischen Hautsymptome können einen Hinweis auf das Allergen geben.

Welche Rolle spielen die Verteilungsmuster der Hautsymptome bei allergischen Pferden?

Bei Pferden mit Insektenallergien findet man die juckenden Hautkrusten an Kopf, Bauch und Rücken, sozusagen von den Augen bis zur Schwanzwurzel. An den Beinen zeigen sich die Hautkrusten bei Insekten-allergischen Pferden hingegen höchst selten, denn da setzen sich die Plagegeister nicht gerne hin. Je nachdem, wo die Pferde im Sommer auf der Weide stehen, berichten die Besitzer, dass die Symptome an heißen feuchten Sommertagen besonders stark ausgeprägt sind und sich bei Abkühlung, auf windigen Weiden oder an windigen Tage bessern.     

Bei den Pferden mit Pollenallergien ist es genau umgekehrt. Zwar ist auch hier der Kopf betroffen, aber ansonsten zeigen sich die Symptome hauptsächlich an den Beinen und nur selten am Rücken. Oft beobachten die Besitzer, dass die Allergiesymptome ihrer Pferde nach einigen Regentagen verschwinden, weil der Regen die Pollen fortspült. Kurze Regengüsse nach langen trockenen Wetterphasen in Kombination mit Wind hingegen, führen häufig zu einer Verschlimmerung, wenn Pferde Pollenallergien haben, weil dann eine vermehrte Pollenfreisetzung erfolgt.


Wann genau empfehlen Sie die spezifische Immuntherapie?

Immer dann, wenn die Historie darauf hinweist, dass Umwelt-Antigene am allergischen Geschehen beim Pferd mit beteiligt sind, empfehle ich die spezifische Immuntherapie. Für die Insektenallergie setze ich die Hyposensibilisierung aus den erwähnten Gründen noch nicht ein.

Wenn möglich, beginne ich die Hyposensibilisierung relativ rasch, d.h. zu Beginn der Erkrankung. Zwar gibt es zu Pferden, wie gesagt, keine Studien, aber durch die Studien an Menschen wissen wir, dass ein möglichst früher Einsatz der spezifischen Immuntherapie weiteren Allergien und Asthma vorbeugt.

Außerdem ist eine Desensibilisierung umso leichter durchzuführen, je weniger schwer das Pferd betroffen ist.

Kann es bei Pferden durch die Desensibilisierung zu Nebenwirkungen kommen?

Bei Pferden kommt es durch eine Desensibilisierung nur äußerst selten zu Nebenwirkungen. Ich persönlich habe z.B. noch nie erlebt, dass ein Pferd bei der Desensibilisierung einen anaphylaktischen Schock erlitten hätte.

Es gibt nur zwei Nebenwirkungen, die man bei der spezifischen Immuntherapie beim Pferd regelmäßig beobachtet. Zum einen kann sich eine Schwellung an der Einstichstelle zeigen, und zum anderen kann es zu erhöhtem Juckreiz kommen. Ein erhöhter Juckreiz zeigt jedoch, dass das Immunsystem des Pferdes auf das Allergen reagiert und ist somit ein gutes Indiz für eine hohe Erfolgsquote. Durch eine Anpassung der Dosis lassen sich diese Nebenwirkungen der SIT beim Pferd sehr gut in den Griff bekommen.

Mit welchen Kosten muss ein Pferdebesitzer rechnen, wenn bei seinem Pferd eine Desensibilisierung vorgenommen wird?

Die Kosten für eine spezifische Immuntherapie beim Pferd hängen von der benötigten Extraktmenge ab. Normalerweise erhält das Pferd ca. alle drei Wochen eine Injektion. Wie gesagt wird diese je nach Reaktion des Pferdes angepasst. Für den Allergietest und das Allergenextrakt zur Desensibilisierung fallen im ersten Jahr ca. € 500,- an. Für die Weiterbehandlung liegen die Kosten zwischen 150,- € und 300,- € im Jahr.   

Ich habe jedoch auch erlebt, dass das Pferd in der Anfangsphase tägliche Injektionen erhält, die dann langsam reduziert werden, weil es so bei diesem Pferd zu deutlich weniger Juckreiz kommt. Je nach benötigter Menge wird es dann günstiger oder teurer.  

Mit einer Erfolgsquote von 75 Prozent ist die Hyposensibilisierung bei Pferd sehr effizient, wie lange hält die Wirkung denn an?

Zur Nachhaltigkeit der SIT gibt es keinerlei Daten.

Mein Vorgehensweise: Wenn die SIT beim Pferd gut anschlägt, reduziere ich die Anzahl der Injektionen auf alle sechs bis acht Wochen. Wenn das Pferd bei dieser Frequenz keine Allergiesymptome zeigt, empfehle ich den Besitzern, die Behandlung durchgehend fortzuführen.

Die Kosten hierfür betragen ca. 150,- € pro Jahr für das Allergenextrakt, das ist im Vergleich zu anderen Kosten, die bei einem Pferd anfallen, ein geringer Betrag. Allein für den Hufschmied gibt man jährlich bis zu ca. 400,- € aus und monatlich nochmal in etwa den gleichen Betrag für das Aufstallen und die Fütterung.

Der Vorteil der durchgängigen SIT liegt darin, dass man so das Risiko eines nachlassenden Effektes, dass das Pferd wieder Allergiesymptom bekommt und man mit der Behandlung wieder von vorne anfangen muss, umgeht.

Herr Prof. Mueller, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Jonsdottir S, Hamza E, Janda J, Rhyner C, Meinke A, Marti E, Svansson V, Torsteinsdottir S, Developing a preventive immunization approach against insect bite hypersensitivity using recombinant allergens: A pilot study, Vet Immunol Immunopathol. 2015 Jul 15;166(1-2):8-21. doi: 10.1016/j.vetimm.2015.05.002. Epub 2015 May 15., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26004943

2) Jonsdottir S, Svansson V, Stefansdottir SB, Schüpbach G, Rhyner C, Marti E, Torsteinsdottir S, A preventive immunization approach against insect bite hypersensitivity: Intralymphatic injection with recombinant allergens in Alum or Alum and monophosphoryl lipid A, Vet Immunol Immunopathol. 2016 Apr;172:14-20. doi: 10.1016/j.vetimm.2016.02.017. Epub 2016 Mar 2., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27032498

3) Eder, C., et al. (2000), "Allergen-specific IgE levels against crude mould and storage mite extracts and recombinant mould allergens in sera from horses affected with chronic bronchitis." Vet Immunol Immunopathol 73(3-4): 241-253)

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