Atopische Dermatitis Hund Hyposensibilisierung

Prof. Dr. Ralf S. Mueller, Medizinische Kleintierklinik am Zentrum für klinische Tiermedizin der LMU München zur Hyposensibilisierung beim Hund

Atopische Dermatitis beim Hund: Wie hilft die Hyposensibilisierung?

Wenn der Hund sich ständig juckt, leckt und offene entzündete Hautstellen hat, ist es Zeit, einen Tierarzt aufzusuchen. Oft sind die Ursachen harmlos und dem Hund kann schnell geholfen werden. Wenn eine Allergie gegen Futter- oder Umweltantigene dahinter steckt, ist die Therapie nicht mehr so einfach, denn dann handelt es sich um eine atopische Dermatitis oder auch Neurodermitis – der Hund ist ein Allergiker. Welche Allergene können Allergien beim Hund verursachen und wie hilft die Hyposensibilisierung auch Hunden? Darüber sprach MeinAllergiePortal mit Prof. Dr. Ralf S. Mueller, Medizinische Kleintierklinik am Zentrum für klinische Tiermedizin der LMU München.

Herr Prof. Mueller, welche Auslöser können beim Hund eine atopische Dermatitis verursachen?

Prinzipiell kann man vier große Gruppen von Auslösern für die atopische Dermatitis beim Hund unterscheiden:

1.    Pollenallergen, d.h. Baumpollen, Kräuterpollen, Gräserpollen etc.

2.    Schimmelpilzsporen

3.    Hausstaubmilben und Vorratsmilben

4.    Futtermittelallergene

Die häufigsten Auslöser für eine Neurodermitis beim Hund sind die Hausstaubmilben.

Gibt es Risikofaktoren für die Neurodermitis beim Hund ?

Mit Sicherheit gibt es sehr viele Risikofaktoren für die Neurodermitis beim Hund, die wir noch nicht kennen, bzw. von denen wir noch sehr wenig wissen.
In der Tat gibt es bestimmte Hunderassen, bei denen die atopische Dermatitis deutlich häufiger auftritt, als bei anderen Rassen. Wir wissen dadurch, dass die Vererbung ein Faktor ist. Z.B. ist beim Golden Retriever, beim Labrador Retriever oder beim Westhighland White Terrier das Risiko, dass der Hund eine Allergie entwickelt, deutlich höher, als z.B. beim Deutsch Drahthaar.

Wir wissen, dass beim Hund, ähnlich wie beim Menschen, sehr viele Gene involviert sind. Die Neigung zur Entstehung einer Neurodermitis lässt sich also nicht einfach „wegzüchten“ bzw. es hilft nicht, besonders betroffenen Rassen einfach gar nicht mehr zu züchten.

Haben diese drei Rassen denn eine Gemeinsamkeit?

Dazu wissen wir noch nicht genug. Es gibt Studien, die beim Labrador Retriever und beim Beagle die genetischen Strukturen im Hinblick auf Allergien untersucht haben. Bisher weiß man, dass bei diesen Hunden möglicherweise zwischen 40 und 300 Genen am allergischen Geschehen beteiligt sind, d.h. im Vergleich zu normalen Kontrollen sind diese Gene entweder hochreguliert oder runterreguliert. Wie hoch die klinische Relevanz ist, ist jedoch nicht ganz klar.

Beim Menschen gibt es bei schweren Atopikern z.B. sehr häufig Patienten mit einem Filaggrin-Defekt. Ein Filaggrin-Defekt ist ein Defekt an einem Molekül, das für die Barreirefunktion der Haut verantwortlich ist. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Patienten, die diesen Defekt nicht haben, und dennoch allergisch reagieren, und ebenso gibt es Patienten, die diesen Defekt haben, aber nicht an Neurodermitis erkrankt sind, es müssen also noch andere Faktoren eine Rolle spielen.


Sind Hunde schon als Welpen von atopischer Dermatitis betroffen oder tritt die Erkrankung auch bei älteren Tieren auf?

Bei vielen Hunden tritt die atopische Dermatitis bereits im ersten Lebensjahr auf und bei 80 Prozent der Hunde entwickeln bis zum dritten Lebensjahr Symptome. Aber bei immerhin 20 Prozent der Atopiker entwickelt sich die  Neurodermitis erst zu einem späteren Zeitpunkt. Berücksichtigt man, dass kleine Hunde z.T. bereits mit zwei Jahren das Erwachsenenalter erreicht haben, ist die Zahl der „späten“ Atopiker bei Hunden deutlich höher.

Nimmt die atopische Dermatitis bei Hunden denn zu?

Wie haben nur sehr wenige Daten zu dieser Fragestellung. Es ist schwierig herauszufinden, ob die atopische Dermatitis in früheren Zeiten nicht auftrat, oder ob man sie nur nicht erkannt hat. Ob die Neurodermitis beim Hund aktuell zunimmt, ist ebenfalls schwer zu sagen, denn außer in der Schweiz und in Schweden gibt es keine guten zentralen Patientenregister.

Subjektiv kann ich sagen nur sagen, dass das Thema „Allergie“ vor 30 Jahren, als ich im Fachgebiet Dermatologie angefangen habe,  nur ein Thema von vielen war. Heute sind 70 bis 80 Prozent meiner Patienten Allergiker, d.h. in meiner Praxis haben die allergischen Erkrankungen bei Hunden definitiv zugenommen. Diese Einschätzung teilen die meisten Tierdermatologen.

Man kann nur vermuten, dass hierfür dieselben Gründe verantwortlich sind, wie für das Ansteigen allergischer Erkrankungen beim Menschen. Tiere sind heutzutage zunehmend Familienmitglieder, leben, wie die Menschen, in Wohnungen und haben eine völlig andere Lebensweise als noch vor 100 Jahren. Der westliche Lebensstil der modernen Gesellschaft, mit seiner extremen Sauberkeit, wenig frischer Luft und industriell gefertigter Ernährung, scheint für Mensch und Tier hinsichtlich der Allergieentwicklung gleichermaßen negativ zu sein.

Die atopische Dermatitis beim Hund ist also ein Western Lifestyle-Problem, das sich auf die Industriegesellschaften beschränkt?

Das unser Lifestyle eine wichtige Rolle spielt, vermuten wir, ist aber wiederum schwer zu belegen. In einem Entwicklungsland wird ein Hund mit Hauterkrankungen sicher nicht zum Tierarzt gebracht.

Ein Freund von mir, der in Malaysia vor 25 Jahren das tiermedizinische Lehrhospital aufgebaut hat, berichtete mir von sehr vielen Hauterkrankungsfällen, allerdings fast immer aufgrund von Ektoparasiten und Infektionen.

Eine Therapieoption für Hunde mit atopischer Dermatitis ist die Hyposensibilisierung. Kommt dies für alle Hunde in Frage? Wie sind die Erfolgsaussichten? Mit welchen Kosten sollten Hundebesitzer rechnen?

Grundsätzlich eignet sich die Hyposensibilisierung für alle Patienten mit Umweltallergien. Bei Hunden mit futtermittelbedingter atopischer Dermatitis kann man die Hyposensibilisierung jedoch noch nicht einsetzen.

Zu beachten ist, dass bei einem kleinen Prozentsatz der umweltallergischen Hunde, keine positiven Haut- oder Bluttests erstellt werden können. Da man das für die Hyposensibilisierung zu verwendende Allergen auf Basis der Ergebnisse der Allergietests und der Anamnese auswählt, ist eine Hyposensibilisierung in diesen Fällen ausgeschlossen. Hier fehlt der konkrete Hinweis auf das auslösende Allergen.  


Woran könnte es liegen, dass ein Hund Allergiesymptome zeigt, ohne sensibilisiert zu sein?

Aktuell ist diese Frage nicht geklärt.

Ursache könnte ein Allergen sein, das keine IgE-Vernetzung auf der Oberfläche von Entzündungszellen hervorrufen kann, weil die Molekülgröße zu klein ist, aber eine zelluläre Immunantwort hervorruft.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass es sich um ein Allergen handelt, dass wir nicht testen. Es gibt viele tausend mögliche Umweltallergene, getestet werden jedoch nur 15, 20 maximal 40 Allergene.

Beim Menschen gibt es Patienten mit intrinsischer atopischer Dermatitis, bei der kein IgE vorhanden ist. Bei diesen Patienten ist auch das Gesamt IgE verschwindend gering. Das Gesamt IgE testet man bei Hunden jedoch nicht, weil die Hunde durch Ektoparasiten und Endoparasiten in der Regel immer hohe Gesamt IgE-Spiegel haben, die mit einer Atopie aber nichts zu tun haben. Es wäre sicher sinnvoll zu untersuchen, wie bei den Hunden, die trotz typischer Symptomatik negative Allergietests zeigen, der Gesamt IgE-Wert aussieht.

Wie stellen Sie die Diagnose für das „richtige“ Allergen für die Hyposensibilisierung beim Hund?

Anhand der Klinik und durch den Ausschluss möglicher anderer Erkrankungen stellt man fest, ob tatsächlich ein Umweltallergen die Ursache der atopischen Dermatitis beim Hund ist.

Ist dies der Fall, kann man auf das allergenspezifische IgE im Blut testen, d.h. man untersucht, ob im Blut des Hundes Antikörper gegen das Birkenpollen, Gräserpollen, Hausstaubmilben etc. zu finden sind. Eine andere Möglichkeit der Allergiediagnose beim Hund ist ein Hauttest. Dafür nutzen wir allerdings keinen Prick-Test, bei dem man das Allergen auf die mit einer Lanzette angeritzte Haut auftropft, sondern wir injizieren das Allergen direkt in die Haut, man nennt das Intrakutantest. In der Humanmedizin ist der Intrakutantest nicht die erste Wahl, weil hier das Risiko eines anaphylaktischen Schocks größer ist.

Anhand der Reaktionen und in Verbindung mit der Anamnese erfolgen dann eine Diagnose und die Auswahl des passenden Allergenextraktes für die Hyposensibilisierung des Hundes.

Wie hoch sind die Erfolgsaussichten für eine Hyposensibilisierung beim Hund?

60 bis 70 Prozent!

Basierend auf etwa ein Dutzend Studien an ca. 900 Patienten kann man die Erfolgsaussichten einer Hyposensibilisierung beim Hund so zusammenfassen:

•    Bei 20 Prozent der Hunde kommt es durch die Hyposensibilisierung zu einer Remission, d.h. der Hund hat keinerlei Symptome und benötigt keine Medikamente mehr

•    Bei 40 Prozent der Hunde sagt der Besitzer, dass sich die Symptome durch die Hyposensibilisierung deutlich reduziert haben, sie sind jedoch nicht völlig verschwunden und der Patient muss hin und wieder mit einem Antihistaminikum oder einem Shampoo behandelt werden

•    20 Prozent der Hunde-Besitzer berichten, dass die Symptome des Hundes sich zwar etwas verbessert haben, dass aber das Ergebnis in keiner Relation zu Aufwand und Kosten steht

•    20 Prozent der Hunde zeigen keinerlei Effekt

Basierend auf den bisherigen Studien sind diese Ergebnisse unabhängig vom Allergen. Viele Tierdermatologen haben jedoch den subjektiven klinischen Eindruck, dass die Hyposensibilisierung bei Hunden mit Pollenallergien besser funktioniert, als bei anderen Allergenen.

Welche Extrakte verwendet man für die Hyposensibilisierung beim Hund?

Wir verwenden in Europa zur Hyposensibilisierung der Hunde meist Aluminium präzipitierte Extrakte, die auch in der Humanmedizin eingesetzt werden. Für die für Tiere genutzten Allergenextrakte gibt es aber separate auf Veterinäre spezialisierte Firmen.


Mit welchen Kosten muss ein Besitzer für die Hyposensibilisierung des Hundes rechnen?

Die Kosten für die Hyposensibilisierung eines Hundes variieren. Dabei kommt es auf die jeweilige ausführende Klinik an und auch auf die Geographie. Auch die Nachfragesituation wirkt sich auf den Preis für eine Hyposensibilisierung des Hundes aus.

Ein wichtiger Faktor bei den Kosten für die Hyposensibilisierung des Hundes ist auch die für die Behandlung benötigte Menge an Allergenextrakt. Im Gegensatz zur humanen Allergentherapie wird die Hyposensibilisierung in der Veterinärmedizin sehr stark an die individuellen Bedürfnisse des Tieres angepasst. Bei Menschen werden anhand von Dosisfindungsstudien Standarddosierungen festgelegt, die jeder Patient gleichermaßen erhält. In der Tiermedizin wird dem Patienten bei einer Hyposensibilisierung zunächst alle vier Wochen ein Extrakt unter die Haut injiziert, in der Regel 1 ml. Danach wird die Dosis an die Reaktion des Hundes angepasst. Zeigt der Hund unmittelbar nach der Injektion starken Juckreiz, wird man die nächste Dosis reduzieren, hat der Patient kurz vor der Injektion Hautprobleme, wird man das Injektionsintervall verkürzen und wenn der Hund völlig symptomfrei ist, wird das Intervall verlängert.

Insbesondere zu Beginn der Behandlung werden Dosis und Intervall sehr häufig angepasst. Geht es dem Hund zu 90 Prozent besser, bleibt man bei der gewählten Strategie. Erreicht man eine 100prozentige Symptomverbesserung, versucht man die Dosis zu verringern und das Intervall zu verlängern, was die Therapiekosten senkt. Je nachdem wie oft der Hund welche Dosis des Allergenextraktes benötigt, kostet eine Hyposensibilisierungstherapie beim Hund zwischen 100,- und 300,- € im Jahr.

Und wie lange muss man beim Hund die Hyposensibilisierung durchführen?

Wir führen eine Hyposensibilisierung mindestens ein Jahr lang durch,  bevor wir die Behandlung wegen Erfolglosigkeit abbrechen. Oft dauert es Monate, bevor sich die atopische Dermatitis beim Hund sich bessert. Hat sich das Hautbild des Hundes nach einen Jahr verbessert und der Besitzer möchte die Behandlung fortsetzen, setzt man die Behandlung mindestens für ein Jahr fort.

Beendet man die Hyposensibilisierung nach zwei Jahren kann es sein, dass der Hund dauerhaft beschwerdefrei bleibt. Es kann jedoch auch sein, dass die atopische Dermatitis nach zwei Jahren oder sogar nach zwei Monaten wieder auftritt. In diesem Fall müsste man die Behandlung erneut beginnen.
Ich selbst hatte einen allergischen Hund, den ich über acht Jahre hinweg desensibilisiert habe, weil so die Neurodermitis perfekt unter Kontrolle war. Bei einer Hyposensibilisierung gibt es normalerweise keine Nebenwirkungen und deshalb war mir die Dauerbehandlung lieber, als das Risiko eines Rückfalls.

Benötigt man denn bei der Hyposensibilisierung des Hundes auch begleitende Maßnahmen?

Es kommt darauf an. Wie gesagt sieht man bei der Hyposensibilisierung des Hundes kaum Nebenwirkungen. Die häufigste Nebenwirkung ist bei manchen Patienten ein erhöhter Juckreiz nach der Injektion. Ich bewerte diesen Juckreiz aber als positives Zeichen, denn das bedeutet, dass das Immunsystem mit dem Vakzin arbeitet und das erhöht die Chance, dass der Patient auf die Behandlung anspricht. In den Griff bekommt man diese Nebenwirkungen durch das Verringern der Dosis oder durch die Gabe von Antihistaminika (am Morgen) vor der Injektion (am Abend).

Eine weitere Nebenwirkung bei der Hyposensibilisierung des Hundes ist der anaphylaktische Schock. Der anaphylaktische Schock ist beim Hund aber deutlich seltener als beim Menschen, bei Hunden habe ich das in 30 Jahren nur vier Mal erlebt! Sollte es dazu kommen, wird der Hund medizinisch versorgt, z.B. mit Adrenalin, Antihistaminika oder Kortison.     

Begleitende Maßnahmen können auch dann nötig werden, wenn die Vakzine nicht sofort wirken. Oft dauert es, wie gesagt, einige Monate, bis sich die Neurodermitis beim Hund bessert. In dieser Zeit würde man Infektionen oder Juckreiz zusätzlich zur Hyposensibilisierung medikamentös behandeln.

Gibt es für Hunde, wie bei Menschen auch, die Möglichkeit einer schnelleren Hyposensibilisierung?

Für Hunde gibt es auch eine schnellere Variante, die Rush-Immuntherapie, bei der sich ein Behandlungserfolg bereits nach zwei Wochen einstellen kann. Bei der Rush-Immuntherapie bekommt der Hund alle dreißig Minuten eine Allergen-Injektion. Der Hund bekommt dann die gesamte Induktionsbehandlung, die normalerweise zwei bis vier Monate dauert, an einem Tag verabreicht. So wird die Einführungstherapie beschleunigt und danach erfolgt dann die Erhaltungstherapie.  

Bei der Rush-Immuntherapie kann die Wirkung beim Hund schneller eintreten. In einer kleinen Studie an jeweils 10 Hunden konnten wir beobachten, dass die Symptomverbesserung bei der Rush-Immuntherapie nach 6 Monaten eintritt und damit deutlich schneller als bei der „normalen“ Hyposensibilisierung“, bei der es 9,3 Monate dauerte. Allerdings war diese Studie zu klein, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern.

Herr Prof. Mueller, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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