ASS-Unverträglichkeits-Syndrom

Was ist die richtige Ernährung bei einer ASS-Unverträglichkeit? Bildquelle: J. Wechsler

Ernährung & ASS-Unverträglichkeit: Was essen?

Bei einer ASS-Unverträglichkeit oder Aspirin Intoleranz, wird Acetylsalicylsäure, kurz ASS, nicht vertragen. Ursache ist eine Störung des Arachidonsäure Stoffwechsels. Acetylsalicylsäure ist Bestandteil vieler Medikamente, insbesondere von Schmerzmitteln. Das Abbauprodukt, die Salicylsäure, kommt aber auch in vielen Nahrungsmitteln vor, und das macht vielen Betroffenen Sorgen. Sie fragen sich: Wie sollte die richtige Ernährung aussehen und was darf man essen? Darüber sprach MeinAllergiePortal mit Prof. Dr. med. Johannes Wechsler, Präsident des BDEM e.V., des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. Johannes Wechsler

Herr Prof. Wechsler, könnten Sie bitte zunächst erklären, was der Arachidonsäure Stoffwechsel ist?

Arachidonsäure, auch Eicosatetraensäure genannt, ist eine vierfach ungesättigte Fettsäure und gehört zu den Omega 6 Fettsäuren. Sie kommt in tierischen Lebensmitteln vor, aber der Mensch kann Arachidonsäure auch selbst synthetisieren. Arachidonsäure ist in unserem Körper ein Ausgangsstoff für die Bildung sogenannter Eicosanoide. Das sind Botenstoffe, die vielfältige physiologische Funktionen beeinflussen und auch Entzündungsvorgänge vermitteln.

Wie wirkt sich eine Störung des Arachidonsäure Stoffwechsels aus?

Wenn der Arachidonsäure Stoffwechsel gestört ist, führt das zu einer Störung der Cyclooxygenase (COX). Cyclooxygenasen sind Enzyme die am Arachidonsäure Stoffwechsel beteiligt sind. Unter anderem wirken sie an der Bildung von Prostaglandinen mit. Acetylsalicylsäure und einige andere schmerz- und entzündungshemmende Medikamente, sogenannte "nichtsteroidale Antiphlogistika" greifen gezielt in den Arachidonsäure Stoffwechsel ein. Sie hemmen ein Enzym, die Cyclooxygenase, das für die Bildung entzündungsfördernder und schmerzauslösender Proteasen aus der Arachidonsäure verantwortlich ist.

Wo ist Acetylsalicylsäure enthalten?

Acetylsalicylsäure (ASS) ist eine chemische Verbindung, die in der Natur nicht vorkommt und somit auch nicht in Lebensmitteln. Der Wirkstoff kommt in schmerzstillenden und entzündungshemmenden Medikamenten, wie zum Beispiel Aspirin, zum Einsatz.

Welche Rolle spielt der Arachidonsäure Stoffwechsel bei der ASS-Unverträglichkeit?

Arachidonsäure ist ein Abbauprodukt. Das bedeutet, sie wird über Cyclooxygenasen in den Prostaglandin Stoffwechsel überführt, über die Lipoxygenase in den Leukotrienen Stoffwechsel und letztlich auch in den Cytochrom Stoffwechsel. Dadurch hat die Arachidonsäure Einfluss auf alle bekannten Entzündungsmechanismen des menschlichen Körpers.

Was genau ist dann eine Acetylsalicylsäure- oder ASS-Unverträglichkeit?

Bei Patienten mit einer ASS-Intoleranz führt die Hemmung der Cyclooxygenase zu einem Ungleichgewicht der Eicosanoide. Dieses gestörte Eicosanoid Muster führt zu einer Irritation und Aktivierung immunkompetenter Zellen wie basophiler Granulozyten und Mastzellen, die in Folge allergieähnliche Beschwerden auslösen. Die ASS-Intoleranz gehört damit zu den sogenannten "Pseudoallergien".

Was ist die Ursache einer Unverträglichkeit von Acetylsalicylsäure?

Die Ursache ist meines Wissens nicht bekannt. Man weiß aber, dass die Acetylsalicylsäure die Cyclooxygenasen im Arachidonsäure Stoffwechsel stark beeinflussen und irreversibel hemmen kann. Eigentlich entspricht es ja gerade dem gewünschten Wirkprinzip der Acetylsalicylsäure, in den Entzündungsprozess der Cyclooxygenasen einzugreifen. Damit wird die Cyclooxygenase-Bildung gehemmt und damit auch die Entzündung. Zur Behandlung von entzündlichen Erkrankungen ist diese Wirkung gewünscht. Deshalb ist es ein Problem, wenn man Acetylsalicylsäure nicht verträgt.

Was genau ist der Unterschied zwischen Acetylsalicylsäure und Salicylsäure?

Bei Acetylsalicylsäure handelt es sich um eine Kombination von Salicylsäure und Essigsäure. Normalerweise wird die Acetylsalicylsäure im Körper relativ schnell zu Salicylsäure, man sagt auch zu Salicylaten, abgebaut. Salicylsäure wiederum macht den größeren Anteil der Salicylate im menschlichen Organismus aus. Beide Substanzen wirken entzündungshemmend.

Wie häufig kommt es zu einer Störung des Arachidonsäure Stoffwechsels bzw. wie häufig ist das ASS-Intoleranz-Syndrom?

Die ASS-Unverträglichkeit ist erstaunlich häufig bei Patienten, die eine allergische Grunderkrankung haben. Bei Asthmatikern, zum Beispiel, bzw. generell bei Allergikern, findet man in 10 Prozent der Fälle eine Unverträglichkeit von Acetylsalicylsäure. Auch bei Gesunden ist die Erkrankungsrate mit 1 bis 2 Prozent recht hoch. Das bedeutet, viele Menschen vertragen Medikamente wie Aspirin, Ibuprofen und andere nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) nicht. Diese Substanzen haben alle den gleichen Wirkmechanismus, indem sie in den Arachidonsäure-Stoffwechsel eingreifen. Verträgt man all diese Medikamente nicht, ist das schon eine starke Beeinträchtigung.

Asthma und Allergien sind also Risikofaktoren für eine ASS-Unverträglichkeit?

Ja, genau, Asthmatiker und Allergiker sind überdurchschnittlich häufig von einer Unverträglichkeit von Acetylsalicylsäure betroffen. Hinzu kommt, dass diese Unverträglichkeit bei Exposition mit entsprechenden Medikamenten durchaus auch zu einer Anaphylaxie führen kann. Dafür gilt es dann auch in Form eines Notfallsets Vorsorge zu treffen.

An welchen Symptomen erkennt man, dass man eine ASS-Unverträglichkeit oder Salicylate-Unverträglichkeit hat?

Eine ASS-Intoleranz erkennt man an einer Vielzahl von Entzündungsreaktionen auf ASS bzw. Salicylate. Dazu gehören Symptome wie Asthma, Bronchitis bis zum Bronchialspasmus oder Rhinitis, also Naselaufen - im Grunde allergieähnlichen Symptomen. Auch Nasenpolypen sind sehr häufig bei diesen Patienten, so dass dies fast schon diagnostisch hinweisend ist.

Hat man bei einer ASS-Unverträglichkeit auch immer eine Salicylate-Unverträglichkeit?

Ob man bei einer ASS-Unverträglichkeit auf Salicylate in Lebensmitteln mit Symptomen reagiert, ist individuell verschieden.

Gibt es bei der ASS-Intoleranz auch Symptome am Magen-Darm-Trakt?

Symptome am Magen-Darm-Trakt werden bei einer Salicylate-Unverträglichkeit eher nicht beschrieben. Aber grundsätzlich kann sowohl bei allergischen als auch bei pseudoallergischen Erkrankungen jedes Organ Symptome entwickeln. Es kann also bei der ASS-Unverträglichkeit durchaus auch zu Durchfall kommen. Allerdings sind diese Symptome bei der ASS-Intoleranz selten und keinesfalls typisch.

Wie wird bei einer ASS-Unverträglichkeit die Diagnose gestellt?

Die Diagnose einer ASS-Intoleranz stellt man am besten durch einen nasalen Provokationstest mit ASS, bei dem ASS in die Nase eingebracht wird. Besteht tatsächlich eine Aspirin-Intoleranz, kommt es zum Anschwellen der Nasenschleimhaut und manchmal sogar zu Atemnot. Deshalb gilt es, Vorsicht walten zu lassen und entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen, für den Fall, dass es zu einem anaphylaktischen Schock kommt. Auch eine orale Provokation mit ASS ist zur Diagnose ASS-Intoleranz möglich, aber das birgt größere Risiken.

Gibt es Medikamente, die bei einer ASS-Unverträglichkeit helfen?

Zur Therapie der ASS-Intoleranz im akuten Notfall, also bei einem allergischen Schock, werden Kortison bzw. ein Adrenalin-Autoinjektor (AAI) eingesetzt. Langfristig gibt es die Möglichkeit, den Körper schrittweise an ASS zu gewöhnen, beginnend mit sehr kleinen Dosierungen, die dann sukzessive gesteigert werden. Diese Therapie bezeichnet man als „ASS-Desensibilisierung“ oder "adaptive Desaktivierung".

Wie funktioniert eine ASS-Desensibilisierung?

Der ASS-Desensibilisierung liegt die Beobachtung zugrunde, dass sich bei ASS-intoleranten Patienten nach ASS-Einnahme eine sogenannte „Refraktärperiode“ einstellt, also eine Phase verminderter Sensitivität. Bei erneuter ASS-Einnahme in dieser Periode sind die Beschwerden deutlich geringer. Diesen Effekt macht man sich bei der adaptiven Desaktivierung therapeutisch zu Nutze. Durch die zu Beginn der Therapie sehr niedrigen ASS-Gaben und die schrittweise Dosissteigerung unter Ausnutzung der Refraktärphase lässt sich eine Toleranz gegenüber ASS induzieren. Diese Toleranz wird dann durch tägliche Einnahme einer "Erhaltungsdosis" ASS aufrechterhalten. Die gesamte Behandlung dauert zwischen drei und sechs Monaten. Diese Behandlung muss allerdings in einer Klinik und unter Notfall-Bereitschaft erfolgen, falls es zu einem allergischen Schock kommt.

Wie wirksam ist eine ASS-Desensibilisierung?

Eine ASS-Desensibilisierung hilft in 90 Prozent der Fälle. Das bedeutet, die Symptome bessern sich und Medikamente, die ASS enthalten, werden wieder besser vertragen, aber ganz weg sind die Beschwerden nicht unbedingt.

Was ist bei der Ernährung zu beachten, wenn man eine ASS-Unverträglichkeit hat?

Eine therapeutische Ernährungsempfehlung, auf alle salicylathaltigen Nahrungsmittel generell zu verzichten, gibt es für Menschen mit ASS-Unverträglichkeit nicht. Man ist hier eher vorsichtig, denn Salicylate findet man in allen Pflanzen, in unterschiedlichen Mengen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die Sorte, das Anbaugebiet oder die Lagerung. Man muss hier abwägen zwischen der Vermeidung von Unverträglichkeits-Symptomen und der Notwendigkeit einer gesunden Ernährung. In Obst und Gemüse stecken auch viele Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe, Antioxidantien etc., die der Prophylaxe von Krankheiten, wie zum Beispiel Krebs, dienen. Alle Nahrungsmittel auszuschließen, die auf einer Lebensmittelliste Salicylsäure-reicher Nahrungsmittel stehen, ist deshalb nicht angeraten.

 

 

In welchen natürlichen Nahrungsmitteln ist Salicylsäure bzw. sind Salicylate enthalten?

Salicylsäure ist eine natürliche Substanz, die zu den sekundären Pflanzenstoffen gehört und in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten ist. Salicylatreich sind vor allem einige Obst- und Gemüsesorten, Nüsse und Samen sowie einige Kräuter und Gewürze.

Welche Lebensmittel enthalten hohe Mengen an Salicylaten?

Hohe Mengen an Salicylaten enthalten zum Beispiel häufig Kräuter und Gewürze oder bestimmte Gemüsesorten wie Tomaten und Brokkoli. Insbesondere in Obstschalen, zum Beispiel von Äpfeln, Zwetschgen, Aprikosen etc. sind hohe Mengen an Salicylaten enthalten, aber das gilt ja auch für die Vitamine. Da alle Pflanzen Salicylate enthalten, wäre es nicht sinnvoll, wegen einer ASS-Unverträglichkeit auf all diese Lebensmittel zu verzichten. Vielmehr gilt es, individuell herauszufinden, was vertragen wird und was nicht.

Wie findet man bei einer ASS-Unverträglichkeit heraus, welche Salicylat-haltigen Lebensmittel man verträgt und welche nicht?

Auf welche Salicylat-haltigen Lebensmittel man mit den typischen Symptomen reagiert, kann man mit einem Ernährungstagebuch herausfinden. Dafür vermerkt man einfach, wann man was gegessen hat, und vergibt eine Art Symptomscore zwischen 1 – vertrage ich – und 10 – vertrage ich nicht. Was man nicht verträgt, lässt man dann einfach weg. Der Vorteil ist, dass die Patienten dann tatsächlich nur auf einige wenige Nahrungsmittel verzichten müssen und sich möglichst vielseitig ernähren können. Diese Empfehlung gilt generell, nicht nur für Menschen, die eine ASS-Intoleranz haben. Man könnte sogar sagen, das ist die Botschaft, die wir aus der Evolution übernommen haben: Was der Mensch nicht verträgt, sollte er weglassen, und wenn zum Beispiel ein Kind keine Tomaten mag, dann sollte man das auch nicht erzwingen, weil es ihm einfach nicht bekommt.

Kann man bei einer ASS-Unverträglichkeit auch eine Anaphylaxie auf Nahrungsmittel bekommen?

Es ist mir nicht bekannt, dass es bei einem Patienten mit ASS-Unverträglichkeit durch die Nahrung zu einem allergischen Schock gekommen wäre. In der Regel ist die Menge an Salicylaten in Nahrungsmitteln so gering, dass dies unwahrscheinlich sein dürfte. Aber theoretisch ist alles möglich. Auch bei Pollenallergikern kann es zu einem allergischen Schock kommen, wenn sie entsprechend sensibilisiert sind und bestimmte Faktoren zusammenkommen.

Herr Prof. Wechsler, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.