ÖGAI: Wissenschaft trifft Praxis - international und interdisziplinär!

ÖGAI“, das steht für „Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie“. Die Organisation mit Sitz in Wien hat sich auf die Fahne geschrieben, die Allergologie und Immunologie mit all ihren Facetten zu fördern. Dabei legt sie eine Dynamik an den Tag, die für eine schon seit über 40 Jahren bestehende Fachgesellschaft alles andere als selbstverständlich ist. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Petra Zieglmayer und Prof. Winfried Pickl über die Ziele der ÖGAI, die Verbindung von Wissenschaft und Praxis und ihre internationale und interdisziplinäre Ausrichtung. Prof. Pickl ist Präsident der ÖGAI und forscht am Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der Medizinischen Universität Wien. Frau Dr. Zieglmayer ist Leiterin des Komitees für klinische Allergologie bei der ÖGAI und Chief Scientific Officer und QB im Allergieambulatorium Wien West.

Frau Dr. Zieglmayer, Herr Prof. Pickl, was sind die zentralen Ziele der ÖGAI?

dr petra zieglmayer chief scientific officer qb allergieambulatorium wien westDr. Petra Zieglmayer, Leiterin des Komitees für klinische Allergologie bei der ÖGAI und Chief Scientific Officer und QB im Allergieambulatorium Wien West Dr. Zieglmayer: Die ÖGAI ist der Dachverband aller allergologisch und immunologisch tätigen Fächer in Österreich und wurde 1970 gegründet. Vertreten sind in der ÖGAI nicht nur Allergologen und Immunologen, sondern auch all jene Kolleginnen und Kollegen, die einen allergologischen oder immunologischen Schwerpunkt in anderen Fächern haben, also DermatologInnen, RheumatologInnen, HämatologInnen HNO-ÄrztInnen, PädiaterInnen, LungenfachärztInnen und andere mehr, zu deren Aufgabengebiet organspezifische Manifestationen von Allergien und Autoimmunerkrankungen zählen sowie die vielgestaltigen Ausprägungsformen von Immundefekten. In dieser Funktion ist die ÖGAI auch für die Facharztausbildung verantwortlich und direkter Ansprechpartner der Österreichischen Ärztekammer.

prof winfried pickl praesident der oegai und zentrum fuer pathophysiologie infektiologie und immunologie medizinische universitaet wienProf. Winfried Pickl ist Präsident der ÖGAI und forscht am Zentrum für PathophysiologieProf. Pickl: Alle Interessen dieser unterschiedlichen Fachgebiete „unter einen Hut“ zu bringen, ist jedoch nicht das einzige Ziel der ÖGAI. Ein primäres Ziel ist die Unterstützung von NachwuchswissenschaftlerInnen in Forschung und Lehre, was sowohl MedizinerInnen als auch DoktorandInnen der Naturwissenschaften umfasst. Zu diesem Zwecke und um die NachwuchswissenschaftlerInnen bereits sehr früh in ihrer Entwicklung gegenüber der wissenschaftlichen community zu exponieren, organisiert die ÖGAI regelmäßig wissenschaftliche Kongresse unter starker Beteiligung von international anerkannten Forschern, wie z. B. die ÖGAI-Jahrestagung, die ÖGAI- Symposien, oder aber auch Europäische Kongresse wie den EAACI 2016 (European Academy of Allergy and Clinical Immunology) - Kongress oder den ECI 2015-Kongress der EFIS (European Federation of Immunological Societies). Des Weiteren wären die gemeinsamen Meetings mit den immunologisch-allergologischen Fachgesellschaften unserer Nachbarländer zu nennen; die nächste diesbezügliche Veranstaltung wird Anfang Dezember 2016 in Budapest stattfinden (www.mesiaconference2016.hu). Zudem veranstaltet die ÖGAI regelmäßig Sitzungen des Pirquet-Clubs, in welchen klinisch-angewandte Themen verhandelt werden. Die ÖGAI legt dabei sehr großen Wert auf den internationalen wissenschaftlichen Austausch. Dieses Anliegen ist im Laufe der Jahre, insbesondere auch durch das aktuelle ÖGAI-Führungsteam, immer stärker in den Fokus gerückt. Die ÖGAI grenzt sich nicht vom Ausland ab, sondern vernetzt sich proaktiv mit den wesentlichen nationalen und internationalen Fachgesellschaften. Das führt nicht nur dazu, dass ÖGAI-Mitglieder wichtige Positionen in internationalen Gesellschaften einnehmen, sondern auch gerne gesehene KollegInnen sind, wenn es um die Erstellung internationaler Leitlinien geht. So arbeiten ÖGAI-Mitglieder regelmäßig an der Erstellung der DGAKI-Leitlinien mit, bei der World Allergy Association (WAO) ist die ÖGAI mit zwei Delegierten vertreten und in der European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI) ist die ÖGAI ebenfalls aktiv. Zudem stellt die ÖGAI einen Vertreter im IUIS council sowie den Schatzmeister der European Federation of Immunlogical Societies (EFIS). Das Engagement bei der Erstellung von Konsensuspapieren, Leitlinien und Positionspapieren sowie die Mitgliedschaft bzw. aktive Mitarbeit in den europäischen und internationalen Dachgesellschaften erleichtert den Zugang von ÖGAI-NachwuchswissenschaftlerInnen zu Förderprogrammen und Stipendien und trägt später zur erleichterten Entsendung derselben in Expertengruppen bei.

 

Wie unterstützt die ÖGAI ihre NachwuchswissenschaftlerInnen?

Dr. Zieglmayer: Die ÖGAI ist für NachwuchswissenschaftlerInnen eine ideale Plattform, um ihre ersten Arbeiten in einem zunächst „vertrauten Umfeld“ zu präsentieren. Jedes Jahr ermöglicht es die ÖGAI im Rahmen ihrer Jahrestagung einer großen Anzahl von NachwuchswissenschaftlerInnen sich im Rahmen von Kurzvorträgen und Posterpräsentationen der wissenschaftlichen Kritik zu stellen. Für unsere NachwuchswissenschaftlerInnen ist es sehr hilfreich, dabei Erfahrungen zu sammeln, es bietet ihnen die Möglichkeit, sich auf nationalem Terrain jedoch gleichzeitig vor international renommierten FachkollegInnen zu profilieren. Da die ÖGAI viele internationale  Mitglieder hat und auch die GastsprecherInnen meist aus dem Ausland kommen, ist die Konferenzsprache bei den Jahresveranstaltungen und Symposien immer Englisch.

Prof. Pickl: Über die Einhebung von Mitgliedsbeiträgen bzw. die Einwerbung von Spenden ist die ÖGAI als gemeinnütziger Verein dazu in der Lage, sowohl Wissenschaftspreise als auch Reisestipendien an seine Mitglieder zu vergeben, um ihnen die Teilnahme an wichtigen Kongressen zu ermöglichen. Die ÖGAI fördert die Abhaltung von wissenschaftlichen Veranstaltungen (Kongresse, Symposien, Clubs) und ermöglicht  ihren Mitgliedern die Mitgliedschaft in den fachrelevanten Europa- bzw. Welt-Organisationen (EFIS, EAACI, WAO und IUIS). Dadurch können alle Mitglieder auch deren Angebote (Stipendien, Mitwirkung in Nomenklatur und Standardisierungszirkeln bzw. Expertengruppen, Mitgestaltung von Aus- und Weiterbildungsprogrammen) entsprechend nutzen.


Auf der Homepage wird betont, dass die ÖGAI neben der Forschung auch die klinische Umsetzung fördert…

Prof. Pickl: Unter den ÖGAI-Mitgliedern findet man nicht nur WissenschaftlerInnen, sondern auch viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte der unterschiedlichsten Fachrichtungen, die sich primär der Patientenversorgung widmen. Es ist daher ausgesprochen angenehm, dass bei der ÖGAI große Anstrengungen unternommen werden, wissenschaftlich experimentelle wie auch klinisch relevante Themen aufzugreifen. Bei den ÖGAI-Kongressen werden deshalb stets eher theoretisch gelagerte wissenschaftliche Themen gemeinsam mit klinischen-relevanten Themen in den Mittelpunkt gestellt. So wollen wir brandneue Erkenntnisse direkt zum niedergelassenen Arzt transportieren. Damit profitiert der Arzt in seiner täglichen Praxis von der Entwicklungsarbeit der Forscher, und das kommt wiederum ganz unmittelbar den Patienten zugute. Letztendlich kann die Exposition von rein grundlagenwissenschaftlich tätigen ÖGAI-Mitglieder gegenüber klinischen Themen ein wichtiger Impetus für dieselben sein, sich auf künftige Forschungsfelder mehr oder weniger zu konzentrieren, bzw. die eigenen Forschungsfelder neu zu orientieren.  

Zusätzlich bietet die ÖGAI einen guten Überblick über aktuelle Fortbildungsveranstaltungen und wichtige Kongresse. Die Fortbildungsveranstaltungen, die unter maßgeblicher Mitwirkung unserer Mitglieder bzw. von Partnergesellschaften und Universitäten veranstaltet werden, sind auf der ÖGAI- Homepage gut sichtbar dargestellt und werden von der ÖGAI auch entsprechend unterstützt.

Die ÖGAI hat auch Industriemitglieder…

Dr. Zieglmayer: Die Zusammenarbeit mit den Vertretern aus der Industrie, den fördernden ÖGAI-Mitgliedern, ist insbesondere im Hinblick auf Fragestellungen der unmittelbaren Gesundheitsversorgung wie auch für die Umsetzung von markttauglichen (Forschungs-)Erkenntnissen von großer Wichtigkeit. Die ÖGAI bietet eine perfekte Plattform, wenn es um die wichtige Interaktion mit Zulassungsbehörden oder Sozialversicherungsträgern geht, hier ist die kollegiale Zusammenarbeit mit unseren Partnern aus dem industriellen Umfeld ausgesprochen hilfreich. So konzertiert die ÖGAI z.B. gemeinsame Statements von Ärzteschaft und Industrie zu bestimmten, gesundheitsrelevanten Fragestellungen. Eines dieser brennenden Themen ist etwa die Weiterentwicklung der spezifischen Immuntherapie in Österreich, ein brisantes Thema, insbesondere dann, wenn es um Erstattungsfragen geht.

In Deutschland sehen die allergologischen Fachgesellschaften die Versorgung von Allergiepatienten kritisch, wie sieht die ÖGAI die Situation in Österreich?

Dr. Zieglmayer: Auch in Österreich ist die Allergologie ein Bereich, bei dem die Sozialversicherungsträger das höchste Einsparungspotenzial sehen.  Wenn es darum geht, Leistungen zu streichen, kommt die Allergologie leider immer recht schnell in den Fokus. Das liegt daran, dass Allergien von den Sozialversicherungsträgern vielfach als „Lifestyle- Erkrankungen“ wahrgenommen werden. In Österreich kommt erschwerend hinzu, dass von offizieller Seite hierzu keinerlei ökonomische Daten erhoben bzw. publiziert werden. In Deutschland gibt es zumindest ein Gesundheitsregister, d.h. eine Statistik, die regelmäßig belegt, was bestimmte therapeutische Maßnahmen kosten und was sie dem System an Ersparnissen bringen.

Es wäre beispielsweise sehr wünschenswert, dass die bestehende Vereinbarung der Kostenübernahme der Krankenkassen für die spezifische Immuntherapie erhalten bleibt und womöglich sogar noch ausgebaut wird. Des Weiteren wäre es sinnvoll, wie in Deutschland auch in Österreich Fachleute mit dieser für die Patienten wichtigen Fragestellung zu betrauen.

Die dadurch verbesserte Primärprävention, aber auch Sekundärprävention und Tertiärprävention ersparen dem Gesundheitssystem langfristig viel Geld, sei es, dass dadurch die Asthmaprogression verhindert wird oder aber auch Arbeitsausfällen entgegengewirkt würde. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn in diesem Zusammenhang auch die relevanten Daten versicherungsseitig erhoben und berücksichtigt werden würden. Es ist ein erklärtes Ziel der ÖGAI, sich für eine entsprechende Objektivierung in dieser Hinsicht einzusetzen.


Das heißt, die ÖGAI sieht ihre Aufgabe auch in der gesundheitspolitischen Weichenstellung und Öffentlichkeitsarbeit?

Dr. Zieglmayer: Ein wichtiges Anliegen der ÖGAI ist, bei der Öffentlichkeit ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass neben Autoimmunerkrankungen und Immundefekten auch Allergien relevante immunologische Erkrankungen sind. Vielfach ist nicht im Detail bekannt, welche immunologischen Mechanismen den allergischen Erkrankungen zugrunde liegen, welche diagnostischen und therapeutischen Ansätze zur Verfügung stehen und wie sie in die krankmachenden Mechanismen eingreifen. Mit der beständigen Verknüpfung von Forschung und Klinik, von Grundlagenwissenschaften und klinischer Praxis leistet die ÖGAI hier viel Kommunikations- und Aufklärungsarbeit. Für das breite Spektrum dieser Fragestellungen und Themengebiete ist die ÖGAI auch der primäre Ansprechpartner für die Medien.

Wichtig ist der ÖGAI dabei wie gesagt auch immer, den interdisziplinären Aspekt in den Mittelpunkt zu stellen. In diesem Sinne wird der klinische Tag der ÖGAI-Jahrestagung dieses Jahr erstmals fokussiert immunologische Themen aufgreifen – dadurch wird den mannigfachen Spezialitäten, welche sich in der ÖGAI wiederfinden, Rechnung getragen!

Sie erwähnten die Patienten - wie profitieren die Patienten von der ÖGAI?

Prof. Pickl: Über die Website der ÖGAI haben Patienten die Möglichkeit, sich grundsätzlich über das allergologische und immunologische Angebot in Österreich zu informieren.

Die ÖGAI beantwortet aber auch Patientenanfragen. Oft besteht ein konkretes medizinisches Problem und eine Patientin/ein Patient möchte gerne wissen, an welchen Spezialisten man sich wenden könne. Wir recherchieren dann, welche Spezialisten im Einzugsgebiet des Patienten zu empfehlen wären.

Darüber hinaus informiert die ÖGAI über Informationsveranstaltungen für Patienten, die von ÖGAI-Mitgliedern oder Universitäten zu bestimmten Themen organisiert werden, z.B. „Der Darm als immunkompetentes System“.

Dr. Zieglmayer: Desgleichen ist die Pressearbeit zu patientenrelevanten Themen ein wichtiges Aufgabengebiet für die ÖGAI. Z.B. informiert die ÖGAI zum Start der Pollensaison, spricht Empfehlungen bezüglich  Immuntherapie aus oder informiert zu aktuellen Themen, z.B. im Bereich Diagnostik oder Impfen und ruft im Rahmen des ‚Day of immunology’ (29. April 2016) und der ‚Allergy week der WAO’ (4.-10. April 2016) die wichtigen Themen der Allergologie und Immunologie in der Öffentlichkeit in Erinnerung.

Frau Dr. Zieglmayer, Herr Prof. Pickl, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.