Allergologie im Schloss Wackerbarth: Spannende Vorträge & Diskussionen

dr bettina hauswald und prof zahnert begruessen die teilnehmerDr. Bettina Hauswald und Prof. Zahnert begrüßen die TeilnehmerAlle Plätze waren besetzt bei der zweiten Allergologie-Veranstaltung "Allergologie auf Schloss Wackerbarth", die Dr. Bettina Hauswald, Leiterin des Funktionsbereiches Allergologie/Rhinologie/Olfaktologie/Gustologie, Akupunktur in der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Universitätsklinikum TU-Dresden am 10. und 11. Juli 2015 in Dresden organisiert hatte. Auch strahlender Sonnenschein konnte die ca.  250 Konferenzbesucher nicht davon abhalten, sich über neue Leitlinien, aktuelle Studien und neueste Erkenntnisse zu Diagnose und Therapie zu informieren.  

Allergieentstehung beginnt früh – was weiß man heute über die ersten 1000 Tage?

prof harald renzProf. Harald Renz, Universitäts-klinikum Gießen und MarburgDie ersten 1000 Tage, eine Zählung, die bereits im Mutterleib beginnt, sind entscheidend für die Entwicklung einer immunologischen Allergietoleranz. In dieser Zeit ist ein Allergenkontakt unabdingbar, um das Immunsystem zur Entwicklung einer immunologischen Allergentoleranz zu stimulieren. Z.B. erfolgt auch über die mütterliche Plazenta eine Allergenkonfrontation zur Toleranzerzeugung. Im Gegensatz zu früheren Zeiten wird deshalb nicht mehr Allergenkarenz empfohlen, sondern, im Gegenteil, die möglichst vielfältige Allergenexposition“ so Prof. Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie, Molekulare Diagnostik am Standort Marburg, Universitätsklinikum Gießen und Marburg.

Aber nicht nur auf den Kontakt mit Allergenen kommt es in den ersten 1000 Tagen an. Das Immunsystem benötigt auch den Kontakt zu Biomaterialien aller Art, Bakterien, Keime etc. um effizient zu arbeiten. Von der Darmflora, die von über 1000 verschiedenen Bakterienstämmen besiedelt ist, weiß man, dass sie von Ereignissen in der frühen Kindheit und sogar vorgeburtlich maßgeblich beeinflusst wird. Bei Kindern mit Allergien ist die Vielfalt dieser Keime, die das Immunsystem des Darms aktiv trainieren, im Vergleich zu nicht allergischen Kindern deutlich reduziert.  

Eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren des Immunsystems des Darmes ist das Vorhandensein von kurzkettigen Fettsäuren. Diese werden von bestimmten Bakterien aus Ballaststoffen produziert.

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Kaiserschnitt vs. Natürliche Geburt – was heißt das für die Entstehung von Allergien?

Das Allergie-Risiko von Kaiserschnitt-Kindern liegt bei Asthma um 20 Prozent, bei Nahrungsmittelallergien um 50 Prozent und bei allergischer Rhinitis um 30 Prozent über dem Durchschnitt. Dies ist besorgniserregend angesichts der Tatsache, dass aktuell 40 Prozent der Kinder in Deutschland durch Kaiserschnitt zur Welt kommen.

Was ist der Unterschied? Bei Vaginalgeburten wird das Kind über den Geburtskanal mit dem Darm-Mikrobiom der Mutter „geimpft“. Bei Kaiserschnittgeburten findet man beim Kind Bakterien, die dem Mikrobiom der mütterlichen Haut entsprechen.

Lokale allergische Rhinitis – wenn Allergietests trotz Symptomen negativ sind

prof ludger klimekProf. Ludger Klimek, WiesbadenWenn Allergietests trotz Allergie-Symptomen negativ ausfallen, kann eine lokale allergische Rhinitis (LAR) der Grund sein. Die so erzeugten Symptome unterscheiden sich nicht von denen einer „normalen“ allergischen Rhinitis.

Wie kommt es dazu? Die Nasenschleimhaut kann alle systemischen Mechanismen einer Allergie abbilden. Bei Patienten mit lokaler allergischer Rhinitis findet man deshalb das IgE nicht im Serum des Blutes, sondern im Nasensekret. Allerdings ist die lokale allergische Rhinitis keine häufige Erkrankung. „In unseren Studien an Pollenallergikern hat sich gezeigt, dass nur jeder 200. Patient unter einer lokalen allergischen Rhinitis leidet“ betont Prof. Ludger Klimek, Allergie-Zentrum Wiesbaden. Ein anderes Bild ergibt sich allerdings bei der persistierenden Rhinitis, d.h. bei Allergen gegen Hausstaubmilben, Tierhaare und Schimmelpilze. „Bei der persistierenden Rhinitis konnten wir in unseren Untersuchungen sehen, dass jeder 50. Patient betroffen war.“ so Prof. Klimek.


Immuntherapie bei Asthma Bronchiale - wann ist sie empfehlenswert?

In der Vergangenheit wurde der Einsatz der spezifischen Immuntherapie bei Asthma bronchiale kontrovers bewertet – es fehlte an aussagefähigen Studien. Mit der neuen SIT-Leitlinie ändert sich dies, denn hier werden erstmals Präparate mit aktuell vorliegenden Studienergebnissen aufgeführt. Damit gibt die neue SIT-Leitlinie konkrete Hinweise zur Wirksamkeit der SIT für einzelne Präparate.

Gute Belege gibt es bereits seit 2009 für die Wirksamkeit der Gräsertabletten bei Kindern mit intermittierendem allergischen Asthma. Bei Kindern ab 14 Jahren und Erwachsenen mit moderatem, durch eine Hausstaubmilbenallergie ausgelöstem, Asthma konnten in Studien mit bestimmten Milbentabletten gute Ergebnisse erzielt werden. Bereits nach einem Jahr SIT  konnte eine signifikante Abnahme des Bedarfs an inhalativen Steroiden erreicht werden. Die SIT mit den hier genutzten Extrakten kann also einen maßgeblichen Beitrag zur Verbesserung der Betreuung von Asthma-Patienten leisten.

prof karl christian bergmannProf. Karl-Christian Bergmann, Charité BerlinWeiter gibt es aus dem Jahr 2010 eine Chochrane-Studie an Erwachsenen zur subkutanen Immuntherapie bei Asthma, überwiegend an Milben- und Pollenallergikern. Diese ergab, dass sich durch die SIT die Asthmasymptome reduzierten und weniger Medikation nötig war, verbunden mit einer hohen Therapieeffizienz. „Von vier behandelten Patienten profitierte in dieser Studie bereits ein Patient von der SIT“ betonte Prof. Karl-Christian Bergmann, Leiter der interdisziplinären pneumologisch-allergologischen Ambulanz am Allergie-Centrum-Charité, Klinik für Dermatologie und Allergologie, Berlin, „diese „number needed to treat“ ist im Vergleich zu vielen Medikamenten ausgesprochen hoch – Werte von 20 und mehr sind durchaus üblich!“

Akupunktur in der Allergologie – „heilen mit Nadeln“

Mit dem sidr hauswald die allergene sind freiAuch der Spaß kam nicht zu kurz! Dr. Bettina Hauswald und "Chor" intonieren frei nach Hoffmann von Fallersleben "Die Allergene sind frei!"nkenden Stellenwert der „sprechenden Medizin“ innerhalb des Gesundheitssystems steigt das Interesse viele Patienten an der Komplementärmedizin. Die mangelnde Zeit des Arztes für ein Patientengespräch gehört zu den häufig vorgebrachten Klagen. Doch auch für komplementäre Heilmethoden gilt: Der Nachweis der Wirksamkeit der Behandlung muss erbracht werden, um medizinisch anerkannt und für den Patienten unbedenklich zu sein. Dies ist im Zusammenhang mit der Allergietherapie lediglich bei drei komplementären Heilmethoden der Fall: Bei der Wassertherapie, auch Balneotherapie oder Kneipp-Kur genannt, bei der Phytotherapie und bei der Akupunktur. „Die Akupunktur gehört in die Hände klassischer Mediziner“ fordert Dr. Hauswald, die an Ihrem Zentrum auch Ausbildungen für Ärzte anbietet.

Akupunktur - „heilen mit Nadeln“ das ist das Spezialgebiet von Kongressleiterin Dr. Bettina Hauswald, die zusätzlich zu ihrem Allergie-Zentrum am Universitätsklinikum der TU-Dresden ein Zentrum für Akupunktur unterhält – eine echte Rarität an deutschen Unikliniken. Das Akupunktur Zentrum arbeitet in der Tradition der jahrhundertealten klassischen Chinesischen Medizin und führt neben der klassischen Akupunktur entlang der Meridiane auch Schädel-, Ohr- und Mundakupunktur durch – dort finden sich im Kleinformat alle relevanten Akupunkturpunkte, die auch am ganzen Körper zu finden sind. Auch modernste Technik wird in Dresden eingesetzt, z.B. Rotlichtlaser-Akupunktur.

Wo helfen die „heilenden Nadeln“?

Was kann man mit Akupunktur behandeln? Eine ganze Reihe von Erkrankungen! So ist es mit der richtigen Nadeltechnik möglich, Bewusstlose aus einer Ohnmacht „zu holen“. Umgekehrt kann man auch bei Operationen oder Zahnarztbehandlungen mit Akupunkturnadeln arbeiten und eine narkoseähnliche Wirkung erzielen. Am Dresdner Akupunkturzentrum behandelt Frau Dr. Hauswald Patienten mit allergischer Rhinitis, Riech- und Schmeckstörungen, funktionellen Stimmstörungen, Zungen- und Mundbrennen und kraniomandibulären Dysfunktionen. „Allerdings ist die Akupunktur bei der allergischen Rhinitis, trotz unserer Erfolgsquote von 80 Prozent, immer eine ergänzende Therapie“ betont Dr. Hauswald, „als ursächliche Therapie der allergischen Rhinitis greife auch ich auf die SIT zurück!“

Allergien Ost – West: Ergebnisse klinischer Studien seit der Wiedervereinigung

prof johannes ringProf. Johannes Ring, TU München und AGATEZum Zeitpunkt der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1989 waren Allergien im Westen signifikant häufiger als im Osten insbesondere bei Birkenpollenallergien und Asthma. Untersuchungen, die unmittelbar nach der deutschen Einheit durchgeführt wurden, ergaben jedoch ein paradoxes Bild, so Prof. Dr. med. Dr. phil. Johannes Ring, emer. Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein, Technische Universität München und Gründungs-Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxie - Training und Edukation e. V.“ (AGATE). Z.B. war die Luftverschmutzung, die bei der Entstehung von Allergien eine Rolle spielt, 1989 im Osten Deutschlands deutlich höher als im Westen, wie ein Vergleich der SO2-Werte zeigte. Dies passte nicht zu den in Westdeutschland zum damaligen Zeitpunkt deutlich höheren Allergieraten.

Allerdings: Während die Luftverschmutzung im Osten industriellen Ursprungs war, d.h. durch grobe Partikel und SO2 verursacht wurde, handelte es sich im Westen eher um eine durch Feinstaubpartikel hervorgerufene Luftverschmutzung. Dagegen kam das atopische Ekzem im Osten signifikant häufiger vor als im Westen.

10 Jahre nach der deutschen Einheit zeigten sich in Bezug auf Allergien keinerlei Unterschiede mehr zwischen Ost und West. Nur bei Kindern bzw. Erwachsenen, die vor 1990 geboren wurden, bestanden bei Heuschnupfen weiterhin Unterschiede z.B. in Bezug auf Asthma. Aktuell relevante allergiebegünstigende Faktoren wie z.B. das Wohnen an verkehrsreichen Straßen betreffen Ost und West gleichermaßen. Weitere allergiebegünstigende Faktoren scheinen Einzelkindstatus, Krippenbesuch erst ab dem Alter von 2 Jahren, kein Wurmbefall und keine Keuchhusten-Impfung gewesen zu sein.    


Die neue SIT-Leitlinie – konkrete Hilfestellung für eine effektive Therapie

Ein wesentliches Merkmal der neuen SIT-Leitlinie ist, dass Tabellen zur Verfügung gestellt werden, in denen für die SIT geeignete Produkte aufgeführt sind. „Neu ist dabei die produktspezifische Beschreibung der Wirksamkeit der SIT, unabhängig von der Applikationsform“ erklärte Prof. Oliver Pfaar, Zentrum für Rhinologie und Allergologie, Wiesbaden, der bei der Erarbeitung der neuen SIT-Leitlinie eine führende Rolle gespielt hatte.

prof oliver pfaarProf. Oliver Pfaar, WiesbadenEin weiteres Kriterium  zur Aufnahme eines Extraktes in die Tabelle ist die Zulassung durch das Paul Ehrlich Institut. Auch noch nichtzugelassene Extrakte, zu denen aktuell Studien durchgeführt werden, haben Eingang in die Tabellen gefunden. Die Basis hierfür bildet https://www.clinicaltrialsregister.eu. Die Tabellen sollen alle sechs Monate  auf den neusten Stand gebracht und liegen wie folgt vor:

 

1.    SIT-Produkte – Studien u. Zulassung http://www.dgaki.de/leitlinien/s2k-leitlinie-sit/sit-produkte-studien-zulassung/

2.    Baumpollen SIT-Produkte http://www.dgaki.de/leitlinien/s2k-leitlinie-sit/baumpollen-sit-produkte/

3.    Gräserpollen SIT-Produkte http://www.dgaki.de/leitlinien/s2k-leitlinie-sit/graeserpollen-sit-produkte/

4.    Hausstaubmilben SIT-Produkte http://www.dgaki.de/leitlinien/s2k-leitlinie-sit/hausstaubmilben-sit-produkte/

5.    Clinical Trials Register EU Neuzulassungen http://www.dgaki.de/leitlinien/s2k-leitlinie-sit/clinical-trials-register-eu-neuzulassungen/

Hilfestellung bei der praktischen Durchführung gibt die neue SIT-Leitlinie in Form von Informationsbögen zur Patienteninformation zur subkutanen spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung) und zur sublingualen spezifischen Immuntherapie. Dies soll sicherstellen, dass der Patient vor Therapiebeginn über die Therapie, mögliche Nebenwirkungen und die Wichtigkeit der Therapietreue informiert ist und bietet Sicherheit für den behandelnden Arzt und Patienten gleichermaßen.

Allergieversorgung in Deutschland – quo vadis?

dr joachim wichmannDr. Joachim Wichmann, KrefeldEine schlechte Prognose für die Versorgung allergischer Patienten stellte Dr. Joachim Wichmann, Praxis für Hals-Nasen Ohrenheilkunde, Krefeld. Zum einen sorgt der demographische Wandel dafür, dass viele Arztpraxen mangels Nachfolge schließen. Hinzu kommt dass es für Mediziner in bestimmten Fachgebieten, z.B. bei Pädiatrie, Pulmologie und Dermatologie möglich ist, allergologische Leistungen auch ohne eine Zusatzausbildung zum Allergologen anzubieten. In der medizinischen Ausbildung wird die Allergologie nicht ausreichend berücksichtigt und die Zahl der Ausbilder sinkt stetig. Hinzu kommt: Die Vergütung allergologischer Leistungen wird von der Gesundheitspolitik und den gesetzlichen Krankenkassen zunehmend eingeschränkt. „Es ist nachvollziehbar, dass viele Kollegen allergologische Leistungen aus ihrem Angebot streichen bzw. eine Zusatzausbildung gar nicht erst anstreben, so Dr. Wichmann. Die Folge: Allergiepatienten werden zunehmend schlechter versorgt, trotz massiver gesundheitlicher Beschwerden, eingeschränkter Leistungsfähigkeit und volkswirtschaftlicher Schäden, die aus der Nicht-Behandlung allergischer Patienten resultieren.

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