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Muttermilch Allergie

Ass.-Prof. PD Dr. Thomas Eiwegger, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der Universitätsklinik Wien

Muttermilch und Allergie: Hilft das Stillen dabei Allergien zu vermeiden?

Hilft Muttermilch bei der Vermeidung von Allergien? Häufig wird das so dargestellt, doch ob Mütter ihr Kind durch das Stillen wirklich vor allergischen Erkrankungen schützen können, ist noch nicht abschließend geklärt. MeinAllergiePortal sprach mit Ass.-Prof. PD Dr. Thomas Eiwegger, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der Universitätsklinik Wien über Vermutungen und harte Fakten beim Thema Muttermilch und Allergie.

Herr Privatdozent Eiwegger, verhindert es die Entstehung von Allergien, wenn eine Mutter ihr Kind stillt?

Die Frage nach der protektiven Wirkung der Muttermilch in Bezug auf Allergien ist wesentlich. Empfehlungen wissenschaftlicher Gesellschaften und Leitlinien sind insofern eindeutig, dass Muttermilch die bestmögliche Ernährung für den Säugling ist, und unzählige Vorteile einer Muttermilchernährung sind gesichert.

Betrachtet man nur Studien mit exklusiver Muttermilchernährung, d.h. Ernährung ausschließlich mit Muttermilch, ohne dass jemals Flaschennahrung verabreicht wurde, für die ersten vier Monate bzw. evtl. sechs Monate zeigt sich eine protektive Wirkung. Danach bringt das Stillen keine zusätzlichen Vorteile in Bezug auf Allergieprävention mehr. Ein zusätzlicher Vorteil durch längeres Stillen läßt sich nicht mehr beobachten. Diese positiven Effekte beziehen sich auf die Prävalenz, d.h. das Auftreten, des atopischen Ekzems (Neurodermitis) vor allem in Hochrisikogruppen (mindestens ein Elternteil hat Allergien).

Auch für die Frequenz der sogenannten obstruktiven Bronchitis, bei der neben Allergenen vor allem Virusinfekte wichtige Auslöser darstellen, scheint das Stillen einen protektiven Effekt zu haben.

Weiter gibt es einige Studien, die eine erniedrigte Prävalenz von Kuhmilchallergie bei Muttermilch gestillten Kindern berichten.


Die Studienlage in Bezug auf die protektive Funktion des Stillens ist also sehr vage…

Ja, das kann man so sagen.

Es gibt zwar sehr viele Studien zu "Muttermilch und Allergie", aber nur wenige sind "prospektiv". Das heißt, nur bei wenigen Studien hat man eine Gruppe von Personen in die Studie aufgenommen und dann den weiteren Verlauf unter verschiedenen Bedingungen beobachtet. In den meisten Studien wurden die Eltern erst im Nachhinein befragt und dies ist in Bezug auf die Qualität der Studienergebnisse ein maßgeblicher Unterschied. Außerdem gibt es auch nur sehr wenige Studien, in denen die Kinder wirklich exklusiv mit Muttermilch ernährt wurden oder exklusiv nur Formulanahrung erhielten. Darüber hinaus ist eine Randomisierung ethisch nicht vertretbar (es wird bei Geburt zufällig festgelegt welches Kind Muttermilch erhält und welches Formulanahrung). Häufig haben die Mütter die Ernährungsform im Zeitverlauf verändert. Dementsprechend gibt es Studien mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen, von "Muttermilch senkt das Allergierisiko" über "Es gibt keinen Einfluss der Muttermilchernährung auf das Allergierisiko" bis hin zu "Muttermilch erhöht das Risiko Allergien zu entwickeln."

Nicht vage sind allerdings die offensichtlichen Vorteile des Kindes durch die Muttermilchernährung. Diese Ernährungsfaktoren bringen Vorteile für die normale Entwicklung des Kindes generell z.B. für die Entwicklung des Gehirnes. Es gibt auch Daten, die belegen, dass vor allem bei extrem Frühgeborenen durch die Ernährung mit Muttermilch die Prävalenz von nekrotisierender Enterokolitis deutlich geringer ist. Diese Vorteile für das Kind durch das Stillen sind durch Studien auch klar belegt. Schon allein aus diesen Gründen lautet die ganz klare Empfehlung, Kinder primär mit Muttermilch zu ernähren.

Was macht die Muttermilch so "gesund"?

Ein gutes Beispiel für die Einzigartigkeit von Muttermilch bilden die Zucker die darin enthalten sind. In der Muttermilch gibt es komplexe Zucker, die unter anderem auch Sialinsäure enthalten. Diese Zucker sind in der Muttermilch in viel höheren Mengen präsent und wesentlich komplexer als z.B. in der Kuhmilch. Sie werden immer wieder im Zusammenhang mit der neuronalen Entwicklung des Kindes gebracht, können Infektionen verhindern, als sogenannte Präbiotika wirken und es ist davon auszugehen, dass diese Zucker auch direkt mit dem Immunsystem interagieren können. Daten aus unsere Arbeitsgruppe deuten sogar auf einen positiven Effekt was Allergien betrifft hin. Die Muttermilch enthält aber auch Eiweiße, Fette, Immunzellen, Antikörper und Zytokine, d.h. Botenstoffe des Immunsystems welche unterschiedliche Eigenschaften besitzen - sie ist ein komplexes Gemisch.

Das Problem dieser Vielzahl an Faktoren ist aber auch, dass diese Mischverhältnisse zwischen Faktoren die Schutz gegen Allergien bedeuten und solchen dies Allergien fördern variieren können. Die Risikofaktoren der Mutter können, z.B. wenn die Mutter eine schwere Allergie hat, möglicherweise auch zum Teil in ihrer Muttermilch vorhanden sein. Eine wissenschaftliche Untersuchung dieser komplexen Verhältnisse ist nicht trivial und das macht es auch so schwer eine klare Aussage zu machen.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass durch die Muttermilch auch die Allergene übertragen werden. Wenn die Mutter also Kuhmilch trinkt oder Ei ist, werden die Allergene über die Muttermilch transportiert. Das kann zwei ganz unterschiedliche Effekte haben.

Zum einen kann dies dazu führen, dass das Immunsystem des Kindes durch den Kontakt mit den Allergenen der Kuhmilch an das Milcheiweiß gewöhnt und dadurch tolerant wird. Dieser Prozess ist die normale Entwicklung, die jedes Kind natürlicherweise durchläuft und gilt auch für die Allergene anderer Nahrungsmittel wie Weizen, Hühnerei etc..

Zum anderen kann ein Kind durch den Kontakt mit den Allergenen durch die Muttermilch auch sensibilisiert werden. D.h. es kann dazu kommen, dass es beim Kind zur Bildung von spezifischem IgE im Blut kommt und wenn dies vorhanden ist, steigt das Risiko, eine Allergie zu entwickeln. Es kann dann also passieren, dass es zu einer allergischen Reaktion kommt, wenn das Kind das Nahrungsmittel erstmals isst.

In der Vergangenheit gab es in der westlichen Welt für Hochrisikofälle die Empfehlung, dass die Mütter gewisse Allergene während des Stillens meiden sollten und den Kindern auch mit Beginn der Beikost, also beginnend vom Zeitpunkt der Einführung von Zusatznahrung, keine "riskanten Lebensmittel" geben sollten.

Ausgeschlossen wurden z.B. auch Fisch, gemahlene Nüsse etc.. Man hat allerdings gesehen, dass unter dieser Empfehlung die Häufigkeit von Allergien nicht abgenommen hat – es gibt sogar Studien nach denen das Allergierisiko durch Allergenmeidung steigt und eine rezente Studie die die Diversität der Beikost mit einer reduzierten Häufigkeit an Allergien verknüpfen konnte. Deshalb lautet die Empfehlung heute die Beikost bei Kindern ab dem 4. Monat schrittweise ohne Einschränkung einzuführen.


Was kann man tun, wenn ein hohes Allergierisiko besteht, aber die Mutter nicht Stillen kann?

Bei den Hochrisikokindern gibt es Studiendaten der deutschen GINI-Studie die zeigen, dass die Verwendung von partiell und extensiv hydrolisierten Nahrungen in Bezug auf das Allergierisiko einen Vorteil gegenüber der Ernährung mit Kuhmilch bringt. Auch hier sind die Effekt aber nicht so klar belegt, dass diese Nahrungen von allen Fachgesellschaften empfohlen werden.

Für Kinder, die bereits eine Allergie entwickelt haben, gibt es die Möglichkeit extensiv hydrolysierte Nahrungen oder Aminosäuregemische zu verwenden.

Gibt es Faktoren, die die positiven Effekte des Stillens negativ beeinflussen oder gar zunichtemachen können?

Kinder die ein genetisches Risiko für Allergien haben, tragen immer ein größeres Allergierisiko, unabhängig von der Muttermilchernährung.  

Für die Entwicklung eines Asthmas ist Rauchexposition ein sehr hoher Risikofaktor, der durch Stillen allein nicht kompensiert werden kann.

Weiters sind Umweltfaktoren entscheidend. Die Bauernhof- Studien haben untersucht, warum Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen – direkt und nicht in der Nachbarschaft - weniger Allergien haben als Stadtkinder oder solche die im ländlichen Bereich aber eben nicht am Bauernhof aufwachsen. Dies ist nur ein Beispiel für epidemiologische Studien die Umweltfaktoren mit Allergien in Zusammenhang bringen. Welche Faktoren im Detail aber den Unterschied ausmachen und somit auch für die Vermeidung von Allergien eingesetzt werden könnten weiß man jedoch nicht.

Bevor der Körper mit einer Immunantwort reagiert, muss er mehrere Signale empfangen. Eines dieser Signale ist das Allergen, aber gleichzeitig müssen wahrscheinlich noch drei bis vier andere Signale gleichzeitig auftreten, um eine allergische Reaktion auszulösen.

Herr Privatdozent Eiwegger, herzlichen Dank für dieses Gespräch!