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Personalisierte Medizin

Prof. Thomas Bieber, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der Universitätsklinik in Bonn

Personalisierte Medizin: Was bringt das für Allergie-Patienten?

Bei der Behandlung von Allergien, wie bei anderen Erkrankungen auch, geht man klassischerweise nach der jeweiligen aktuell geltenden Leitlinie vor. Gerade bei allergischen Erkrankungen hat sich jedoch gezeigt, dass ein Krankheitsbild in vielen verschiedenen Facetten auftreten kann. Deshalb ist es zunehmend ein Ziel der Medizin, diesem Facettenreichtum durch eine personalisierte Medizin Rechnung zu tragen, die die individuelle Symptomausprägung des jeweiligen Patienten stärker berücksichtig. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Thomas Bieber, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der Universitätsklinik in Bonn über die Möglichkeiten der personalisierten Medizin und die Perspektiven für Allergie-Patienten.

Herr Prof. Bieber, welche Ziele verfolgt die personalisierte Medizin?

Die theoretischen Ziele der personalisierten Medizin lassen sich in einem Satz zusammenfassen: "Die richtige Therapie in der richtigen Dosis für den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt - das ist das  Grundprinzip der personalisierten Medizin."

Im Gegensatz dazu arbeitet die klassische Medizin in vielen Bereichen nach wie vor mit dem Ansatz: "Ein Medikament für alle Patienten mit derselben Diagnose."

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Ist dies auch der Grund dafür, dass nicht alle Patienten gleichermaßen auf Medikamente ansprechen?

Die Ansprechrate von Medikamenten insgesamt gesehen liegt durchschnittlich bei 50 bis 60 Prozent. Dabei haben Schmerzmittel die besten Ansprechraten, die niedrigsten Ansprechraten liegen im Bereich Onkologie, d.h. bei Krebserkrankungen, vor und betragen 10 bis 20 Prozent.

Aktuell kann man die Ansprechraten der personalisierten Medizin insgesamt noch nicht genau beziffern, da es sich um eine relativ neue Entwicklung handelt. Die Ansätze, die zurzeit in der Onkologie beobachtet werden, liegen jedoch bei einer Ansprechrate von 80 Prozent, das ist ein wesentlich höherer Wert als die für die Onkologie üblichen Ansprechraten von 20 Prozent. Deshalb hat die personalisierte Medizin in der Onkologie auch zuerst Einzug erhalten, das Problem war hier naturgemäß am dringlichsten.


Welches sind die Voraussetzungen für den Einsatz der personalisierten Medizin?

Es gibt zwei Grundvoraussetzungen für den Einsatz der personalisierten Medizin: Das Krankheitsbild selbst muss sehr heterogen sein, wie dies z.B. bei den Allergien der Fall ist. Es muss möglich sein, diese Heterogenität des Krankheitsbildes in verschiedene Subgruppen aufzuschlüsseln bzw. zu stratifizieren, die in sich homogener sind. Die Voraussetzung für die Unterteilung in Subgruppen sind wiederum Biomarker. Ein Beispiel für ein Krankheitsbild, das einerseits heterogen ist und andererseits über Biomarker in mehr oder weniger homogene Subgruppen aufgeteilt werden kann, ist das Asthma. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung neuere Medikamente und Präventionsstrategien.

Wie kann die personalisierte Medizin bei allergischen Erkrankungen eingesetzt werden?

Die personalisierte Medizin ist in der Allergologie eigentlich nichts Neues. Das Krankheitsbild Allergie hat sehr viel unterschiedliche Facetten und Ausprägungen. Asthma, Heuschnupfen, Neurodermitis – dies alles sind sehr heterogene Erkrankungen. Es ist schon seit Jahren bekannt, dass das Patientenkollektiv der Allergiker mit Hilfe von diagnostischen Verfahren wie Prick-Tests oder RAST in Subgruppen in Bezug auf die Relevanz von Allergenen aufgeschlüsselt werden kann.

Allerdings ist die Aufschlüsselung, die im Bereich Allergien bisher stattgefunden hat, relativ begrenzt. Man beginnt gerade erst diese Begrenzung aufzulösen, indem man für die Diagnostik nicht mehr nur die standardisierten Allergen-Extrakte verwendet, sondern rekombinante Strukturen und Proteine, die eine exaktere Analyse ermöglichen.

In der Allergologie haben wir ein doppeltes Problem. Zum einen sind die Patienten heterogen, zum anderen sind die Extrakte, mit denen die Testungen durchgeführt werden auch sehr heterogen. Das bedeutet, wir haben hier eine Komplexität auf zwei Ebenen.

Erst durch die sogenannte molekulare Allergiediagnostik lassen sich die Sensibilisierungen (und später auch die Toleranz) eines Individuums exakt bestimmen. Durch diese exakte Bestimmung der Sensibilisierung und des auslösenden Allergens erhofft man sich z.B. eine bessere Einschätzung des Erfolges einer Spezifischen Immuntherapie. Mit der molekularen Allergiediagnostik kann man z.B. unterscheiden, ob bestimmte Symptome tatsächlich auf ein bestimmtes Allergen zurückzuführen sind oder ob es sich lediglich um eine Kreuzreaktivität handelt.  

Bei welchen allergischen Erkrankungen ist zurzeit der Einsatz der personalisierten Medizin möglich?

Grundsätzlich wären Asthma, allergische Rhinitis und die atopische Dermatitis, d.h. Neurodermitis, mögliche Einsatzgebiete für die personalisierte Medizin. Gerade bei der Neurodermitis haben wir es mit einem extrem heterogenen Krankheitsbild zu tun. Mit der personalisierten Medizin besteht die Möglichkeit, diejenigen Neurodermitis-Patienten relativ früh zu identifizieren, die das höchste Risiko haben, später einen atopischen Marsch zu durchlaufen.   

Auch bei den Nahrungsmittelallergien ist es gut vorstellbar, dass die Molekulare Allergiediagnostik ein präziseres Bild des auslösenden Allergens geben könnte. Dadurch könnten sich auch neue Optionen bzgl. der Maßnahmen zur Prävention ergeben. Auch eine exaktere Einschätzung der Erfolgsaussichten einer Immuntherapie könnte möglich sein bzw. eine exaktere Definition des einzusetzenden Extraktes. Insbesondere in Bezug auf die Anaphylaxie wäre dies ein großer Fortschritt. Mit einer verfeinerten Diagnostik könnte man dann die Patienten erkennen, die möglicherweise von einer Immuntherapie am meisten profitieren.


Inwieweit stehen für alle Allergene die entsprechenden Extrakte für die Molekulare Allergiediagnostik bzw. dann auch zur Hyposensibilisierung zur Verfügung?

Es gibt durchaus Unterschiede in der Zusammensetzung der Extrakte verschiedener Hersteller, z.B. bzgl. der Menge an Majorallergenen. In der Vergangenheit war aber jeder Hersteller überzeugt davon, dass die eigenen Extrakte einem guten Standard entsprächen. Durch die molekulare Allergiediagnostik wird dies transparenter und die Hersteller der Extrakte, die ein großes Interesse daran haben, dass ihre Extrakte so gut wie möglich standardisiert werden, beginnen sich auszutauschen, eine sinnvolle Entwicklung. Damit kann erreicht werden, dass ein Extrakt den Anforderungen des jeweiligen Patienten besser entspricht und eine Desensibilisierung so erfolgreicher ist.

Lässt sich die personalisierte Medizin auch in der medikamentösen Allergietherapie umsetzen?

In der medikamentösen Allergietherapie arbeiten wir letzten Endes immer noch sehr nach dem Motto: Ein Medikament für alle Patienten, d.h. mit Antihistaminika und topischen Steroiden, ein großer Fortschritt wurde bisher nicht erreicht.

Eine Ausnahme sind die Biologika, von denen man z.B. weiß, dass nur eine Subpopulation der Menschen mit Allergischem Asthma auf die Behandlung anspricht. Hier wäre es sinnvoll, Instrumente zu entwickeln, d.h. Biomarker, die diese Patienten identifizieren.

Herr Prof. Bieber, herzlichen Dank für das Gespräch!

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