Behandlung allergischer Kinder

Prof. Dr. med. Albrecht Bufe, Erster Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA) und Leiter der Abteilung Experimentelle Pneumologie der Ruhr-Universität Bochum.

Volkskrankheit Allergie: Wie werden allergische Kinder behandelt?

Allergien haben sich zur Volkskrankheit entwickelt. Bereits jetzt sind 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Allergien betroffen. Bei jedem zweiten Jugendlichen besteht eine Sensibilisierung und damit ein erhöhtes Risiko, im Verlaufe des Lebens eine oder mehrere Allergien zu entwickeln. Deutsche Pädiater sind im Bereich Allergien hochqualifiziert, aber um ein weiteres Ansteigen allergischer Erkrankungen zu vermeiden, ist eine rechtzeitige Behandlung ausschlaggebend. Über positive und optimierbare Aspekte der Versorgung allergischer Kinder sprach MeinAllergiePortal mit Prof. Dr. med. Albrecht Bufe, Erster Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA) und Leiter der Abteilung Experimentelle Pneumologie der Ruhr-Universität Bochum.

Herr Prof. Bufe, wie ist aus Sicht der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA) die Versorgung von allergischen Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu bewerten?

Grundsätzlich sind wir als GPA der Meinung, dass die allergologische Versorgung von Kindern in Deutschland noch sehr viel besser sein könnte. Wir haben uns deshalb auch am Aktionsforum Allergologie beteiligt, das sich u.a. für angemessene gesundheitspolitische Rahmenbedingungen für Diagnostik und Therapie von Allergien einsetzt.


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Sie sagen, "noch besser sein könnte" - was ist aus Ihrer Sich vorhanden und was fehlt?

Innerhalb der Pädiatrie besteht bereits eine hohe Qualifikation in Bezug auf das Krankheitsbild Allergie – die "Awareness" ist also vorhanden. Das liegt unter anderem daran, dass die Pädiater in ihrer täglichen Praxis massiv mit den typischen allergologischen Erkrankungen wie Neurodermitis, Allergisches Asthma oder Allergische Rhinitis konfrontiert werden. Das Krankheitsbild Allergie ist bei den Kinderärzten deshalb sehr präsent.

Dementsprechend bieten wir unseren Mitgliedern auch sehr viele Möglichkeiten zur allergologischen Weiterbildung, auch auf regionaler Ebene, die auch sehr umfassend genutzt werden. Der allergologische Wissenstand ist deshalb relativ hoch.


Das heißt, die Tatsache, dass die allergologische Versorgung von Kindern in Deutschland besser sein könnte, liegt nicht an einer mangelnden Qualifikation der Pädiater?

Selbstverständlich ist nicht jeder Kinderarzt allergologisch auf dem gleichen Stand. Durch die allergologischen Fortbildungsveranstaltungen, regionale Fachgruppen und Qualitätszirkel bieten wir jedoch ein sehr breites Portfolio, das auch intensiv genutzt wird. Die Versorgungsstrukturen sind heute da.

Dies war nicht immer der Fall. Gerade kürzlich, anlässlich des 30jährigen Bestehens der Nappa, der Norddeutschen Arbeitsgemeinschaft pädiatrische Pneumologie und Allergologie e.V., haben wir nachvollzogen, wie viel sich in den letzten 30 Jahren in der Allergologie getan hat. Vor 30 Jahren war die Qualifikation unter den Pädiatern relativ niedrig und es wurde kaum geforscht. Dies hat sich fundamental geändert.

Woran mangelt es dann aus Ihrer Sicht in Bezug auf die allergologische Versorgung der Kinder in Deutschland?

Der Qualifikationsstand der Pädiater ist unter Umständen in Bezug auf spezielle Behandlungsformen ausbaufähig – ich denke hier an die Hyposensibilisierung oder Spezifische Immuntherapie (SIT). Hier kann man sagen, dass durchaus mehr Pädiater diese Behandlung durchführen könnten.

Zwar zeigt die Studie von Prof. Wasem, Universität Duisburg/Essen, der kürzlich ein aktuelles Gutachten zur Versorgungssituation von Allergikern in Deutschland vorgelegt hat, dass die Pädiater unter den Ärzten noch diejenigen sind, die am kontinuierlichsten an der Hyposensibilisierung festhalten. Dennoch kann man sich fragen, ob nicht noch mehr Kinder und Jugendliche hyposensibilisiert werden könnten, denn diese Therapie ist aktuell die einzige, die einen Etagenwechsel von der Allergischen Rhinitis zum Allergischen Asthma verhindern kann.

Wie in allen anderen Fachgebieten auch, hat es auch bei den Pädiatern in Bezug auf die Anzahl der Hyposensibilisierungen einen Einbruch gegeben. Dies erklärt sich zum einen durch die veränderten Finanzierungsbedingungen dieser Therapieform. Die Bedingungen für eine wirtschaftliche Durchführung der Spezifischen Immuntherapie (SIT) wurden deutlich erschwert und angesichts dieser Tatsache nutzen die Kinderärzte diese Therapie sogar noch relativ intensiv.


Welche weiteren Gründe gibt es dafür, dass die Hyposensibilisierung seltener als möglich durchgeführt wird?

Ein weiterer Grund ist, dass es sich bei der Hyposensibilisierung um eine Therapie handelt, für die ein Arzt schon eine gewisse Erfahrung und Qualifikation benötigt. Ein wichtiger Faktor ist die richtige Indikation, d.h. dass die Kinder, die für eine erfolgreiche Therapie in Frage kommen, gut ausgewählt werden müssen. Dies setzt voraus, dass der Kinderarzt mit dem sogenannten Atopischen Formenkreis sehr gut vertraut ist, d.h. er muss die Krankheitsverläufe z.B. vom Heuschnupfen zum Allergischen Asthma sicher beherrschen. Nur so kann der Pädiater sicher bestimmen, welches Kind für eine Hyposensibilisierung in Frage kommt und welches nicht.

Man sollte auch nicht vergessen, dass bei einer Hyposensibilisierung, die ja in der Regel als Spritzentherapie durchgeführt wird, immer ein Restrisiko besteht. Es kann – auch bei der sublingualen Immuntherapie - immer zu schwereren systemischen Reaktionen kommen. Der Pädiater muss seine Praxis deshalb so organisieren und ausstatten, z.B. mit einem Defibrillator, dass er dieses Risiko einer systemischen Reaktion auch tragen kann. Dazu gehören auch eine gründliche Aufklärung der Patienten sowie das Compliance Management, d.h. dafür Sorge zu tragen, dass der Patient die Therapie auch über die gesamte Dauer "durchhält". Bei einem Arzt, der über eine gute Erfahrung mit der Hyposensibilisierung verfügt und diese Therapieform auch häufig anwendet, wird es aber selten zu systemischen Reaktionen kommen und wenn, wird er diese professionell und verantwortlich behandeln können.

Zurück zur Wirtschaftlichkeit: Heißt das, dass sich für Pädiater wirtschaftlich nicht lohnt, sich allergologisch weiterzubilden?

Grundsätzlich ist es problematisch, dass allergische Erkrankungen finanziell von den Krankenkassen, und auch insgesamt, im Vergleich zu anderen Erkrankungen, weniger gut unterstützt werden. Für Kinderärzte gibt es dadurch in der Tat keinen wirtschaftlichen Anreiz, sich zusätzlich zum Fachgebiet der Kinderheilkunde allergologisch fortzubilden. Allergologische Tests oder die Behandlung von Allergien kann jeder Pädiater durchführen, auch ohne eine allergologische Zusatzausbildung.

In Deutschland haben sich ca. 700 Pädiater zusätzlich zu ihrer Ausbildung als Pädiater als Allergologe qualifiziert. Die Motivation besteht im Interesse am Fachgebiet und in dem Wunsch, die Patienten besser behandeln zu können. Pädiater profitieren von dieser Zusatzqualifikation jedoch weder organisatorisch-strukturell noch wirtschaftlich.


Wann ist die Hyposensibilisierung bei Kindern angebracht?

Es gibt eine klare Indikation für die Spezifische Immuntherapie. Wir wissen nach 100 Jahren Therapieerfahrung sehr gut, unter welchen Bedingungen die Immuntherapie sehr gut wirksam ist, insbesondere, wenn sie frühzeitig eingesetzt wird. Bei Heuschnupfen und Allergischem Asthma z.B. ist die Hyposensibilisierung eine sehr effektive und wichtige Therapie. Aktuell sind wir dabei, diese Therapieform zu optimieren, auch für andere allergische Erkrankungen, und wissenschaftlich zu begleiten.

Warum wäre gerade die frühe Behandlung der Kinder mit einer Immuntherapie wichtig? Mit welchen Konsequenzen muss man rechnen, wenn die Therapie nicht rechtzeitig oder angemessen erfolgt?

In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass man gerade bei den Pollenallergien mit einer frühzeitigen Behandlung den Etagenwechsel zum Allergischen Asthma verhindern kann. Hier sollte man nicht erst warten, bis es zum Asthma gekommen ist. Zurzeit können wir zwar noch nicht endgültig sagen, ob die Behandlung für alle Präparate bzw. Allergene wirksam ist. Man kann jedoch sagen, dass die Hyposensibilisierung beim Heuschnupfen eine sekundäre Prävention von Asthma bewirkt.

Welche Forschungsvorhaben sind im Bereich Allergieprävention bei Kindern aktuell? Welche Studien laufen zurzeit?

Hier darf man auf die Ergebnisse der GAP-Studie gespannt sein, die sicher 2015 erscheinen werden und an der eine ganze Reihe von pädiatrischen Zentren in Deutschland beteiligt sind.

In der GAP-Studie wird untersucht, ob die Sublinguale Immuntherapie (SLIT) bei Kindern mit Heuschnupfen nach dreijähriger Therapie einen Etagenwechsel, d.h. die Entwicklung eines Allergischen Asthmas verhindert kann.

Ein wichtiger Aspekt bei der Frage, ob die Sublinguale Immuntherapie (SLIT) eine empfehlenswerte Therapie zur Prävention des Allergischen Asthmas wird, ist jedoch auch die Compliance-Frage, d.h. die Frage nach der zu erwartenden Therapietreue der Patienten.

Zum einen ist bei der SLIT die Nebenwirkungsrate relativ hoch - bei  ca. 30 bis 40 Prozent der Patienten kommt es zu einem oralen Allergiesyndrom (OAS). Zwar entwickeln die allermeisten Kinder nach zwei bis 6 Wochen eine lokale Toleranz gegenüber den Allergenen, aber dies könnte die Therapietreue negativ beeinflussen.

Zum anderen gilt auch bei der SLIT, dass die Therapie nur dann funktionieren kann, wenn die Allergene mit strikter Regelmäßigkeit über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Wenn der Patient dies im Laufe der Therapie selbst verantwortet, kann es leicht zu Versäumnissen kommen. Auch bei der Therapie via Spritze kommt es immer wieder zu Therapieabbrüchen, aber die Notwendigkeit, dass der Patient zum Erhalt der Spritze in die Praxis kommen muss, verstärkt die Therapietreue. Die Compliance ist bei der SCIT deshalb höher als bei der SLIT - dies lässt sich anhand der Studiendaten belegen. Letztendlich kommt es bei der Therapietreue immer auch darauf an, wie der behandelnde Arzt die Patienten aufklärt, und an sich bindet.

Was versprechen Sie sich aus Sicht der GPA vom Aktionsforum Allergologie, dessen Gründungsmitglied Sie sind?

Für uns ist es ein wichtiges Anliegen, das Thema Allergie fachgebietsübergreifend in der öffentlichen Wahrnehmung präsenter zu machen.

Mit dem Aktionsforum Allergologie ist den drei großen Fachgesellschaften, dem Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA), der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und uns, der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA) sowie den jeweiligen Berufverbänden ein Schulterschluss gelungen. Damit können wir in Zukunft gemeinsam auftreten, um in der Gesundheitspolitik auf die Konsequenzen, die mit der "Volkskrankheit Allergie" einhergehen, aufmerksam zu machen und Dinge zu bewegen.

Gleichzeitig ermöglicht uns der Zusammenschluss eine gemeinsame Bewertung wissenschaftlicher Ergebnisse, was der Qualität in der Allergologie zu Gute kommt.  

Herr Prof. Bufe, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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