Corona-Maßnahmen Mikrobiom

Prof. Thomas Bosch über Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf das Mikrobiom!

Corona-Maßnahmen: Ändern sie das Mikrobiom?

Wie kam Ihre Studie zum Zusammenhang zwischen Corona und dem Mikrobiom zustande?

Die Studie wurde von einem Team internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler publiziert. Diese gehören zu den Mitgliedern eines von einer kanadischen Stiftung unterstützten Think Tanks, dem Canadien Institute of Advanced Research. Hier finden sich Mediziner, Biologen, Anthropologen, Historiker und Sozialwissenschaftler, die zweimal im Jahr zusammenkommen und sich zu ihren „verschiedenen Welten“ austauschen. Wir tragen die Beobachtungen aus unseren unterschiedlichen Fachgebieten zusammen – bei mir wäre das die Sicht des Evolutionsbiologen, Zoologen und Mikrobiologen. Ziel der Treffen ist es, traditionelle Konzepte „neu zu denken“. Dabei entstehen Arbeiten wie unsere Studie zu den Auswirkungen von Corona-Maßnahmen auf das Mikrobiom und Empfehlungen für den sorgfältigen Umgang mit den Hygienemaßnahmen in der Corona-Zeit.

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Welche Zusammenhänge zwischen den Corona Maßnahmen und der Veränderung des Mikrobioms der Bewohner der urbanen Welt, konnten Sie in Ihrer Studie sehen?

Die aus meiner Sicht wichtigste Erkenntnis ist: Mikroben sind Teil unseres Immunsystems und in der Konsequenz verlieren wir einen Teil unseres Immunsystems, wenn wir Mikroben aus unserem Körper entfernen. Mikroben schützen uns vor fremden Stoffen, vor krankmachenden Eindringlingen. Unser angeborenes und erworbenes Immunsystem sorgt dafür, dass das Mikrobiom sich positiv entwickelt und seine schützende Funktion ausüben kann. Die Prägung erfolgt während unserer Frühentwicklung und hängt davon ab, ob wir mit normalen mikrobiellen Signalen konfrontiert waren oder nicht. Wir brauchen den Kontakt zu Mikroben, für unsere gesunde Entwicklung.

Wie sollten wir uns in Zeiten von Corona verhalten, um die Diversität unseres Mikrobioms zu erhalten?

Wir sollten unser Immunsystem stärken durch gesunde Ernährung, viel Bewegung und viel frische Luft. Wenn wir das gute Mikrobiom unterstützen wollen, sollten wir auf Junk-Food verzichten und möglichst wenig Fertigprodukte und industriell verarbeitete und stark prozessierte Produkte zu uns nehmen. Diese Produkte enthalten oft Stabilisatoren, Weichmacher, Konservierungsstoffe und Farbstoffe. Zudem enthalten sie oft auch geringe Dosen Antibiotika, und viele unserer guten Mikroben vertragen Antibiotika nicht sehr gut.

Wichtig ist eine vielseitige, grundsätzlich faserreiche Kost mit viel Gemüse.

Das heißt, man sollte bei seiner Ernährung auch darauf achten, dass es dem Mikrobiom schmeckt?

Genau, aber egal ob es dem Mikrobiom schmeckt oder nicht, das Mikrobiom wird auf jeden Fall alles was wir essen prozessieren. Wenn wir mit der Ernährung geringe Dosen Antibiotika zu uns nehmen, dann tun die Antibiotika das, wofür sie einmal erfunden wurden, sie töten Bakterien. Dann muss man sich nicht wundern, dass in unserem Darm eine sehr stark reduzierte Diversität an Mikroben vorhanden ist und dass vielleicht möglicherweise gerade die Mikroben, die wir dringend brauchen, komplett verschwunden sind. Aber nicht nur beim Mikrobiom des Darmes, auch in Bezug auf die Haut, die Mundhöhle, die Atemwege gilt es, die guten Mikroben pfleglich zu behandeln.

Herr Prof. Bosch, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quelle:

1)  B. Brett Finlay, Katherine R. Amato, Meghan Azad, Martin J. Blaser, Thomas C. G. Bosch, Hiutung Chu, Maria Gloria Dominguez-Bello, Stanislav Dusko Ehrlich, Eran Elinav, Naama Geva-Zatorsky, Philippe Gros, Karen Guillemin, Frédéric Keck, Tal Korem, Margaret J. McFall-Ngai, Melissa K. Melby, Mark Nichter, Sven Pettersson, Hendrik Poinar, Tobias Rees, Carolina Tropini, Liping Zhao, and Tamara Giles-Vernick, The hygiene hypothesis, the COVID pandemic, and consequences for the human microbiome, PNAS February 9, 2021 118 (6) e2010217118; https://doi.org/10.1073/pnas.2010217118

 

Unser Experte:

prof dr dr thomas bosch direktor des zoologischen institutes

Prof. Dr. rer. nat. Dr. h. c. Thomas Bosch ist Professor für Allgemeine Zoologie an der CAU Kiel. Von 2010 bis 2013 war er Vizepräsident der CAU Kiel und für die institutionelle Strategie und internationale Beziehungen der Universität zuständig. Seit 2013 ist er Leiter des Universitätsschwerpunkts “Kiel Life Science” (KLS) und seit 2016 auch Sprecher des DFG Sonderforschungsbereiches “Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen”.

 

 

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

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