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Allergischer Marsch eingreifen

Prof. Dr. Ulrich Wahn, pädiatrischer Pneumologe und Allergologe an der Charité in Berlin

Allergischer Marsch: Gibt es Indikatoren und wo kann man eingreifen?

Der Allergische Marsch ist gefürchtet und folgt seinen eigenen Regeln. Gemeint ist damit, dass zu einer bestehenden Allergie eine oder mehrere weitere Allergien hinzukommen. In manchen Fällen entwickeln z.B. Kinder zusätzlich zu einer Neurodermitis eine Nahrungsmittelallergie, aber das ist nicht immer der Fall. Auch sehen sich zunehmend Erwachsene in höherem Lebensalter mit einer oder mehreren Allergien konfrontiert, obwohl sie in ihrer Kindheit nicht unter Allergien gelitten haben. Liegen multiple allergische Erkrankungen vor, wird die Therapie komplizierter. Aus medizinischer  Sicht gehen deshalb alle Anstrengungen in Richtung Prävention und dies zu einem möglichst frühen Zeitpunkt. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Ulrich Wahn, pädiatrischer Pneumologe und Allergologe an der Charité in Berlin darüber, welche Indikatoren den Allergischen Marsch ankündigen und wo eventuelle Möglichkeiten bestehen, einzugreifen.

Herr Prof. Wahn, woran erkennt man, dass sich ein Allergischer Marsch anbahnt - gibt es Risikofaktoren?

Der Allergische Marsch beginnt im Grunde schon vor der Geburt. Wir wissen, dass das Immunsystem allergisch geprägter Kinder bereits vor der Geburt anders auf Umwelt- und Nahrungsmittelallergene eingestellt ist, als dies bei nicht allergisch vorbelasteten Kindern der Fall ist.

Bestimmte Zellen, die für die Regulierung der Immunantwort verantwortlich sind, sind bei vorbelasteten Kindern überrepräsentiert. Diese Zellen tragen dazu bei, dass schon in Utero, d.h. im Mutterleib, Allergieantikörper, die sogenannten IgE-Antikörper oder Immunglobulin E-Antikörper verstärkt produziert werden können. Diese frühen Immunantworten werden sehr stark durch die genetische Bereitschaft geprägt, d.h. letztendlich entscheiden die Gene darüber, wie unser Immunsystem eingestellt wird.

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Heißt das, dass sich bereits am Nabelschnurblut erkennen lässt, ob ein Allergierisiko besteht?

Wir wissen, dass bereits ab der 11. Schwangerschaftswoche Immunglobulin E produziert werden kann. Wir wissen auch, dass bestimmte Lymphozyten-Subpopulationen hier einen Beitrag leisten. Leider ist es jedoch nicht möglich, bereits aus dem Nabelschnurblut Hinweise zu erhalten, die ein mögliches Allergierisiko nachweisen können. In unserer eigenen Studie haben wir diese Fragestellung sehr intensiv überprüft, aber leider war die Prädiktion, d.h. die Allergieprognose über das IgE im Nabelschnurblut nicht erfolgreich.

Das liegt daran, dass nicht jedes Kind, bei dem sich das IgE im Nabelschnurblut nachweisen lässt, auch Allergiesymptome entwickelt – bei der Mehrzahl der Neugeborenen ist IgE im Nabelschnurblut nur in minimalen Konzentrationen zu finden. Zwar ist die Dysballance, d.h. das Ungleichgewicht des kindlichen Immunsystems im Blut der Nabelschnur statistisch erkennbar. Nach den heute verfügbaren Daten lässt sich daraus aber leider keine Einzelfallprognose erstellen. Es wäre deshalb auch nicht gerechtfertigt, daraus ein populationsbezogenes Screening abzuleiten, obwohl dies wünschenswert wäre. Für die Forschung ist das Thema aber hochspannend.


Gibt es für den Patienten selbst bzw. die Eltern eine Möglichkeit zu erkennen, dass sich ein Allergischer Marsch anbahnt bzw. ein Allergierisiko besteht?

Eine Risikoabschätzung für den Patienten ist, wie bereits erwähnt, über die Vorbelastung der Eltern und evtl. die der Geschwister möglich. Im Zusammenhang mit dem Allergischen Marsch geht es in erster Linie um Allergisches Asthma, Allergische Rhinitis und Neurodermitis und hier kann man sagen, dass sich aus dem Phänotyp, d.h. dem Erkrankungstyp der Eltern und der Geschwister, zumindest eine intelligente Risikoabschätzung ableiten lässt, wenn auch keine Einzelfallprognose.

Auch die Ergebnisse einer aktuellen deutschen multizentrische Atopiestudie, die eine Geburtskohorte bereits über 20 Jahre verfolgt und an der auch Prof. Paolo Matricardi von der Charité in Berlin beteiligt ist, bestätigt dies. Hier hat man herausgefunden, dass kein anderer Faktor ein höheres Gewicht für eine Atopie-Prognose darstellt als der Faktor "Eltern".

Wie hoch ist dieses Risiko für ein Kind atopischer Eltern, ebenfalls Allergien zu entwicklen?

In der Gesamtbevölkerung besteht ein Atopierisiko von ca. 15 Prozent. Sind Vater und Mutter gleichzeitig von Allergien betroffen, steigt das Atopierisiko für das Kind auf ca. 60 Prozent. Der Unterschied ist mit dem Faktor vier schon enorm.

Biomarker sollen bei der Früherkennung eine Rolle spielen, inwiefern und welches Gewicht ist dem beizumessen?

Das Immunglobulin E ist der Biomarker schlechthin für den Allergologen. Es gibt zwar noch viele andere Immunfunktionen, die wir untersuchen können, aber keine hat die Bedeutung des Serum IgE. Dabei ist es wichtig, zu wissen, dass dieses Serum IgE nicht vom mütterlichen Blutkreislauf in den Blutkreislauf des ungeborenen Kindes übergeht. Im Gegensatz zu anderen Antikörpern, die beim Ungeborenen Immunschutz vermitteln, kann das IgE die Plazenta nicht überqueren.

Schon in den 90er Jahren haben wir diese Mechanismen sehr gründlich und strukturiert untersucht, mit einer Studie an den Kindern einer deutschen Geburtskohorte, an der über tausend Babies aus München, Freiburg, Mainz, Düsseldorf und Berlin beteiligt waren. Dafür haben wir den Kindern regelmäßig in jährlichem Abstand Blutproben entnommen.

Hier hat sich gezeigt, dass Biomarker auf Nahrungsmittel im Säuglingsalter zuerst erkennbar sind, insbesondere auf Kuhmilch und Hühnerei. Dieses Signal in den ersten Lebensmonaten ist ein Prädiktor, d.h. ein Prognosefaktor, für die IgE-Antworten, die in den folgenden Jahren kommen.

Jahre später können dann andere IgE-Antworten, also Allergien, auftreten. Hauptsächlich sind es Pollenallergien, in Deutschland hauptsächlich auf Birkenpollen oder Gräserpollen, oder Allergien auf Hausstaubmilben bzw. Tierhaare, hier insbesondere Katzenhaare.

In einer aktuellen Arbeit, an der u.a. Prof. Matricardi, Frau Dr. Laura Hatzler, ebenfalls Charité und ich beteiligt waren, konnten wir zeigen, dass diese Biomarker bei den Kindern bereits Jahre vor dem ersten Auftreten allergischer Symptome erkennbar sind.*) Das heißt, man kann z.B. bei einem Kind, dass zwischen dem fünften und zehnten Geburtstag einen Heuschnupfen bekommt, schon um den zweiten Geburtstag herum sehen, dass sich die Biomarker gegen einzelne Birkenpollenmoleküle oder Graspollenmoleküle entwickeln. Das Immunsystem begibt sich also schon lange vor den ersten Symptomen der Allergie auf den Allergischen Marsch!


Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Erkenntnissen für die Therapie – lässt sich der Allergische Marsch aufhalten?

Für den Kinderallergologen ist es angesichts dieser Erkenntnisse das Ziel, bereits in diesem frühen Stadium, also lange vor Ausbruch der Allergie, eine Immunprophylaxe durchzuführen. Aus genau diesem Grund werden die erwähnten Studien durchgeführt - man erhofft sich aus dem Wissen über die Mechanismen der frühen Biomarker neue Therapiekonzepte. Wir wissen, dass die erfolgreiche Therapie einer bestehenden Pollenallergie, insbesondere auf Gräserpollen mit der Sublingualen Immuntherapie möglich ist. Ein Eingreifen bei positiver Testung auf die entsprechenden Biomarker wäre eine Chance auf eine sehr frühe Intervention.  

Aktuell gibt es eine Reihe von internationalen Forschergruppen, z.B. in Deutschland, Schweden und Italien, die sich mit der Möglichkeit einer Immunprophylaxe beschäftigen. Es gab auch ein gemeinsames Pilotprojekt des Immune Tolerance Network, NRH, an dem Prof. Petzold aus Perth, Australien, Prof. Sampson aus New York, USA und ich beteiligt waren. Ziel der Untersuchungen ist es, eine sublinguale Immuntherapie zu entwickeln, die bereits im Vorstadium der Erkrankung eingesetzt werden kann, also vor Ausbruch der Allergie.

Insbesondere bei Kindern, deren Eltern beide atopisch sind und die auf diese Biomarker positiv getestet wurden, wäre dies ein enormer Schritt nach vorn, denn bei diesen Kindern besteht nicht nur ein vierfaches sondern ein 20faches Risiko in den nächsten drei Jahren allergisch zu erkranken. Genau diese Gruppe hochgefährdeter Kinder wird in den Studien auf die Frage hin untersucht: Kann man mit einer präventiven SIT den Ausbruch einer Allergie verhindern.

Wann kann man mit ersten Ergebnissen aus diesen spannenden Studien zur Allergieprävention rechnen?

Im Moment ist man in der Phase der Antragsstellung. Sollten sich für diese sehr kostspieleigen Studien, die mehrere Millionen Euro kosten, öffentliche Förderer finden, evtl. auf EU-Ebene, und sollten diese Studien nächstes Jahr starten, würden sie sicher international angelegt sein. Um valide Aussagen machen zu können benötigt man eine ausreichend große Fallzahl von 500 bis 600 Kindern. Außerdem benötigt man eine lange Follow-up-Phase von fünf bis sechs Jahren. Eine Marktreife einer daraus eventuell entstehenden Therapie wäre deshalb vor dem Jahr 2020 nicht zu erwarten.  

Die Ergebnisse unserer Studie, von der wir bereits gesprochen haben, und die Dr. Laura Hatzler maßgeblich betreut hat, zeigen am Pollenmodell  sehr schön, dass der Allergische Marsch im Grunde als Allergenmarsch beginnt. Dementsprechend hat unsere Untersuchung in der Fachwelt viel Beachtung gefunden. Mit einer Publikation hierzu ist im kommenden Jahr zu rechnen.  

Herr Prof. Wahn, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

*) Molecular spreading and predictive value of preclinical IgE response to Phleum pratense in children with hay fever, Laura Hatzler, Valentina Panetta, Susanne Lau, Petra Wagner, Renate L. Bergmann, Sabina Illi, Karl E. Bergmann, Thomas Keil, Stephanie Hofmaier, Alexander Rohrbach, Carl Peter Bauer, Ute Hoffman, Johannes Forster, Fred Zepp, Antje Schuster, Ulrich Wahn, Paolo Maria Matricardi, October 2012, Journal of Allergy and Clinical Immunology Vol. 130, Issue 4, Pages 894-901.e5

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