Biologika

Prof. Dr. Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathochemie in Marburg

Biologika: Die richtige Therapie bei Allergien?

Mit "Biologika" oder auch Biopharmazeutika bezeichnet man Medikamente, die mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen, d.h."biotechnologisch" hergestellt werden. Die hierfür eingesetzten Organismen können sowohl tierischer als auch pflanzlicher Herkunft sein. Ein Beispiel ist das Insulin, das zur Behandlung von Diabetes eingesetzt wird. Insulin wurde früher aus der Bauchspeicheldrüse von Tieren, z.B. Rindern oder Schweinen gewonnen. Heute wird Insulin biotechnologisch hergestellt. Auch Medikamente zur Behandlung von Rheuma gehören zu den Biologika. Bei der Behandlung von Allergien steht der Einsatz von Biologika noch am Anfang. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Harald Renz, Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie, Molekulare Diagnostik am Standort Marburg, Universitätsklinikum Gießen und Marburg über erste Erkenntnisse und mögliche Einsatzgebiete.

Herr Prof. Renz, was unterscheidet Biologika von herkömmlich hergestellten Arzneimitteln? Was können sie, was reguläre Medikamente nicht können?

Biologika sind maßgeschneiderte Medikamente, die genau und zielgerichtet ein definiertes Molekül im Rahmen der Immunantwort erkennen. Bei den Biologika handelt es sich ganz überwiegend um sogenannte monoklonale Antikörper, also auf gentechnologischer Basis hergestellte Antikörper. Des Weiteren zählen dazu auch gentechnologisch hergestellte Botenstoffe, wie Zytokine und Hormone.

Seitdem die Funktion einzelner Signal- und Botenstoffe im Rahmen von Erkrankungen immer weiter und besser entschlüsselt wurde, macht man sich darüber Gedanken, wie man diese häufig überschießend produzierten Botenstoffe abfangen und neutralisieren kann. Ein prominentes Beispiel für den Erfolg dieser Strategie sind Antikörper, die gegen den Tumor-Nekrose-Faktor α (TNF-α) gerichtet sind, einem pro-entzündlichem Mediator, der bei vielen Erkrankungen, wie z. B. auch dem Rheuma, überschießend produziert wird. Mehrere Antikörper-Strategien sind entwickelt worden, um TNF-α abzufangen.

Dieses Therapieprinzip ist besonders erfolgreich bei Rheuma. Hier sind die TNF-Antikörper heute fester Bestandteil der zugelassenen Therapiestufen. Diese Designermoleküle sind in ihrer Herstellung teuer. Daher gilt es, zunächst die konventionellen Therapieoptionen auszuschöpfen und dann diejenigen Patienten zu identifizieren, die besonders gut auf eine Biologika-Therapie ansprechen werden.

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Wie kommen Biologika bei der Behandlung von Allergien zum Einsatz?

Bei den Allergien wird eine ganz besondere Form der chronischen Entzündung ausgelöst, die charakterisiert ist durch eine überschießende Aktivität von sogenannten TH2 T-Zellen, die letztlich als "Dirigenten" der allergischen Entzündungsantwort angesehen werden können. Diese TH2-Zellen produzieren eine Reihe von pro-allergischen Zytokinen (Interleukinen), die unter anderem auch die Immunglobulin-E- (IgE) Produktion regulieren. IgE ist ein wichtiger Vermittler der allergischen Reaktion.

Als Biologikum zugelassen ist bisher ein monoklonaler Antikörper gegen IgE (Omalizumab), und zwar bei bestimmten Asthma-Formen und möglicherweise demnächst auch bei der Urtikaria. Je mehr Patienten mit dieser neuen Therapie behandelt werden, desto mehr lernen wir über das Ansprechen und den Wirkmechanismus. Hier sind wir offensichtlich immer noch nicht am Ende. Darüber hinaus werden Biologika entwickelt gegen einzelne Zytokine und Zytokin-Rezeptoren der TH2-Zellen. Hier sind eine ganze Reihe von monoklonalen Antikörpern sowohl in der klinischen Prüfung, als auch kurz vor dem Zulassungsverfahren.


Welche medizischen Voraussetzungen sollten für eine Behandlung von Allergien mit Biologika gegeben sein?

Letztlich werden Biologika bei allergischen Patienten nicht als Basistherapie der ersten Wahl und der ersten Stufe angesehen. Die Mehrzahl der Patienten lässt sich durch die konventionellen anti-entzündlichen Medikamente gut behandeln und die Symptome sind kontrolliert.

Dennoch gibt es aber einen ganz erklecklichen Anteil an Patienten, die auf diese konventionelle Therapie nicht oder nicht mehr ansprechen. Für diese schwersten Patientenfälle ist es also notwendig, bessere und neue Medikamente zu entwickeln. Hier haben die Biologika ihren zentralen Stellenwert.

In jüngster Zeit wird allerdings immer deutlicher, dass eine Erkrankung wie beispielsweise das Asthma,  bei verschiedenen Patienten durch ganz unterschiedliche Fehlregulationen ausgelöst werden kann. Bei dem Einen steht die klassische allergische Entzündung im Mittelpunkt, andere Patienten haben andere Formen der chronischen Entzündung. Für diese sogenannten "Endotypen" müssen also nun maßgeschneiderte Designermedikamente entwickelt werden, die passgenau die jeweils zugrundeliegende Fehlregulation adressieren. Hier werden Biologika als maßgeschneiderte Designermedikamente ihre Positionierung erfahren. Dies muss allerdings Hand-in-Hand gehen mit der Verfügbarkeit von (Labor-)Tests, mit denen genau die Patientengruppe herauskristallisiert werden kann, die besonders von diesen maßgeschneiderten Medikamenten profitieren wird. Also: Ein Biologikum wird zukünftig nur Hand-in-Hand mit einem entsprechenden diagnostischen Test auf den Markt kommen.

In welcher Form werden Biologika verabreicht und in welcher Dosis?

Biologika können ganz unterschiedlich verabreicht werden. Es sind klinische Studien durchgeführt worden mit Inhalationen bei Asthmatikern. Häufig werden monoklonale Antikörper aber (subkutan) gespritzt, z.B. einmal pro Woche oder einmal pro Monat. Häufig handelt es sich dabei um Langzeittherapien.

Welche Erfahrungen hat man mit der Behandlung von Allergiepatienten mit Biologika? Gibt es bei den Biologika Nebenwirkungen oder sonstige Nachteile?

Die meisten Erfahrungen liegen vor bei der Therapie mit den monoklonalen Antikörpern gegen IgE (Omalizumab). Hier lernen wir jeden Monat etwas Neues durch Studien an ganz unterschiedlichen Patientengruppen, wie z.B. Asthmatikern mit verschiedenen Schweregraden, Neurodermitis, Urtikaria etc. Bei manchen Patientengruppen kommt es zu einer dramatischen Verbesserung der klinischen Symptomatik, andere Patientengruppen sprechen offenbar schlechter auf eine solche Therapie an, z. B. Neurodermitis. Dies gilt es, im Detail zu sondieren und auszuloten.

Bei der Behandlung von Rheuma soll es Patienten geben, bei denen die Behandlung mit Biologika keine Erfolge zeigt. Könnte dies bei Allergien auch so sein und wenn ja, weiß man, woran das liegt?

Natürlich spricht nicht jeder Patient gleichermaßen auf ein Biologikum an. Hier gibt es Responder und Non-Responder. Genauso wie beim Rheuma. Hier gilt es eben, exakt zu analysieren, welcher sogenannte "Endotyp" der Erkrankung zugrunde liegt, also welches Biologikum dann bei diesem Patienten auch idealerweise eingesetzt werden kann und soll. Dies alles ist aber noch weitestgehend Zukunftsmusik, wird aber in den nächsten Jahren sicherlich Standard in der Behandlung chronischer Erkrankungen sein.

Herr Prof. Renz, herzlichen Dank für dieses Interview!

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