Mikroplastik Plastikadditive Nahrungskette

Dr. Andrea Stolte zum Thema: Mikroplastik und Plastikadditive in der Nahrungskette!

Mikroplastik und Plastikadditive in der Nahrungskette

Wie kommt Mikroplastik auf die Felder?

Durch Klärschlämme, die bis 2017 auch in Deutschland auf Felder ausgebracht wurden, gelangten Mikrofasern auf die Äcker, aber auch durch Düngemittel und spezielle Mulchen9) wird Mikroplastik gezielt bei der Bodenbearbeitung eingesetzt. Über den Regen wird dies auch in die Gewässer und Reservoire eingetragen.

Eine Veränderung des Wasserhaushalts und des Verhaltens von Mikroorganismen im Boden wurden im Freilandversuch beobachtet.0) Wenn in den Futtermitteln Mikroplastik enthalten ist, gelangt es über die Ausscheidungen der Tiere auf die Felder.

Mit der neuen Düngeverordnung wurde 2017 die Verwendung von Klärschlämmen sehr stark eingeschränkt. Von Klärschlämmen weiß man aber, dass ein Teil der Schwermetalle, hormonell wirksame Medikamente oder Antibiotika, die der Mensch zu sich nimmt, und auch des Mikroplastiks in Kläranlagen nicht vollständig herausgefiltert werden können. Diese Stoffe sind zwangsläufig auch im Klärschlamm enthalten und werden auf die Felder ausgebracht. Ob das, zum Beispiel bei Feldmäusen, zu einer Aufnahme von Plastik führt, wurde meines Wissens noch nicht untersucht.

 

Wo in der Nahrungskette kommt der Mensch mit Mikroplastik in Berührung?

Da Mikroplastik zum einen über die Luft und zum anderen über Düngemittel und Klärschlämme auf die Felder kommt, muss man bei Feldfrüchten damit rechnen, dass Mikroplastikpartikel oder –fasern darin enthalten sein können.

Beim Trinkwasser gibt es regionale Unterschiede. In manchen Regionen hat man Mikroplastik im Trinkwasser gefunden, in anderen nicht.

Bei Trinkflaschen aus Plastik kommt es beim Befüllungsprozess oder beim Öffnen der Schraubverschlüsse häufig zu einem Abrieb von Plastik-Partikeln. In relativ vielen Getränkeflaschen aus Plastik findet man deshalb auch Mikroplastik-Teilchen. Aufgrund der Funde von Mikroplastikteilen in Fischen und Meeresfrüchten sind diese ebenfalls eine potenzielle Quelle für die Aufnahme von Mikroplastik über die Nahrungskette.

Und wo in der Nahrungskette verstecken sich Plastikadditive?

Grob gesagt können Plastikadditive aus jeglicher Art von Plastikverpackung in Nahrungsmittel übergehen. Aus diesem Grund kann man Plastikadditive im menschlichen Blut sehr gut nachweisen. Während Weichmacher in PET Flaschen nicht enthalten sind, können die weicheren Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP) Flaschen Weichmacher enthalten, die ins Getränk übergehen. Hier sollte man sich auf seine Nase verlassen – eine Flasche, aus der keine Additive ausgasen, ist in der Regel geruchsneutral. Beim Kauf von nachfüllbaren Trinkflaschen für unterwegs sollte man daher darauf achten, dass sie nicht unangenehm ausdünsten. Gerade bei kohlensäure- oder phosphoräurehaltigen Getränken, können die Additive aus dem Plastik leicht in die Flüssigkeit übergehen und man trinkt sie dann mit. Weitere Quellen für Plastikadditive können zum Beispiel Joghurt in Plastikbechern sowie Dosen und Gläserdeckel sein, die mit Plastik beschichtet sind. Viele Hersteller von Biolebensmitteln haben die Beschichtung ihrer Verpackungen deshalb bereits so verändert, dass keine Additive mehr in die Lebensmittel abgegeben werden.  

Halten Sie die aktuell von der EU iniziierten Maßnahmen für ausreichend?

Die aktuell iniziierten Maßnahmen sind ein guter Anfang, ausreichen werden sie jedoch nicht.

Die wichtigste Maßnahme wäre, ernsthaft über eine generelle Reduktion der Plastikherstellung nachzudenken. Im Moment ist dies jedoch weder in Deutschland noch in Europa ein Ansatz, der ernsthaft verfolgt wird. Die gleichen Industrien, die Gelder für Recyclingforschung zur Verfügung stellen, haben aktuell neue Produktionsstandorte erschlossen und steigern damit ihre Plastikproduktion im Vergleich zum Vorjahr. Das bedeutet, die Verpackungsindustrie wächst ungebremst und exponentiell weiter. Es wird kontrovers diskutiert, dass, wenn dieser Trend anhält, bis zum Jahr 2050 mengenmäßig mehr Plastik als Fisch in den Meeren zu finden sein könnte. In besonders belasteten Flüssen wie der österreichischen Donau wurden bereits mehr Plastikteilchen als Fischlarven nachgewiesen.11)12) Das Problem lässt sich aber nicht lösen, indem man Plastik mit den unterschiedlichsten Methoden wieder aus dem Wasser holt. Damit erreicht man nur einen Bruchteil der enormen Mengen, die sich im Wasser ansammeln. Ein Großteil des Plastiks landet auf dem Meeresgrund und belastet das marine Ökosystem für eine unbekannte Zeit. Bei vielen Plastikteilen schätzt man, dass sie Hunderte von Jahren brauchen, bis sie sich vollständig in natürliche Stoffe zersetzt haben.

In der EU-Richtlinie gibt es zwar sehr positive Ideen für eine Produzentenverantwortung, zum Beispiel durch Pfand- und Rücknahmesysteme, aber keine konkreten Vorgaben. Diese müssten durch nationales Recht ausgestaltet und umgesetzt werden. Gerade die deutsche Bundesregierung setzt hierbei aber mehr auf Freiwilligkeit. Angesichts des Wachstumsmarktes, in dem die Verpackungsindustrie einen Vorteil von der Produktionssteigerung hat, bleibt dies ein unrealistischer Wunsch. Die Forderungen des WWF an die Politik lauten deshalb, klare Vorgaben zu machen in Bezug auf:

  1. Die Reduktion der Plastikproduktion, besonders bei Einwegplastik wie Verpackungen, ToGo Bechern und Fast-Food-Behältern
  2. Die Recyclingfähigkeit von Plastikmaterialien
  3. Die Übernahme von Verantwortung durch Produzenten für recyclingfähige Materialien und Entsorgungswege
  4. Die Unterbindung von Plastik-Einträgen in die Umwelt
  5. Die Entwicklung von Entsorgungsstrukturen in Ländern mit hohem Eintrag von Plastikmüll in die Umwelt

 Mit Freiwilligkeit alleine werden wir das Ziel, den Plastikeintrag in die Meere auf einen Bruchteil der heutigen Jahresmenge zu senken, nicht erreichen.

Frau Dr. Stolte, herzlichen Dank für dieses Gespräch.      

 

Quellen:

1) Robin Lenz, Kristina Enders, Sabrina Beer, Thomas Kirk Sørensen, Colin A. Stedmon, Analysis of microplastic in the stomachs of herring and cod from the North Sea and Baltic Sea  https://naturstyrelsen.dk/media/194047/microplastreportnst_dtuaqua.pdf auf pdf verlinkt

2) Browne et al. 2011, Accumulation of Microplastic on Shorelines Woldwide: Sources and Sinks, Environ. Sci. Technol., 2011, 45 (21), pp 9175–9179, https://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/es201811s

3) Kerstin Magnusson & Fredrik Norén,  Screening of microplastic particles in and down-stream a wastewater treatment plant, IVL Swedish Environmental Research Institute 2014, https://www.diva-portal.org/smash/get/diva2:773505/FULLTEXT01.pdf

4) Horton et al., The influence of exposure and physiology on microplastic ingestion by the freshwater fish Rutilus rutilus (roach) in the River Thames, UK, Environmental Pollution, Volume 236, May 2018, Pages 188-194, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0269749117330713

5) Umweltbundesamt, Bisphenol A –Massenchemikalie mit unerwünschten Nebenwirkungen, 2010, https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/3782.pdf

6) Braun JM1, Yolton K, Dietrich KN, Hornung R, Ye X, Calafat AM, Lanphear BP, Prenatal bisphenol A exposure and early childhood behavior, Environ Health Perspect. 2009 Dec;117(12):1945-52. doi: 10.1289/ehp.0900979. Epub 2009 Oct 6, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20049216

7) Thomas Mani, Armin Hauk, Ulrich Walter & Patricia Burkhardt-Holm, Microplastics profile along the Rhine River, Scientific Reports volume 5, Article number: 17988 (2015), https://www.nature.com/articles/srep17988

8) Plastik auch auf deutschen Äckern, Umwelt + Natur, 19. Dezember 2018, https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/plastik-auch-auf-deutschen-aeckern/

9) Zacharias Steinmetz, Claudia Wollmann, Miriam Schaefer, Christian Buchmann, Jan David, Josephine Tröger, Katherine Muñoza, Oliver Frör, Gabriele Ellen Schaumann, Plastic mulching in agriculture. Trading short-term agronomic benefits for long-term soil degradation, Science of The Total Environment, Volume 550, 15 April 2016, Pages 690-705, https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2016.01.153

10) Anderson Abel de Souza Machado, Chung Wai Lau, Jennifer Till, Werner Kloas, Anika Lehmann, Roland Becker and Matthias C. Rillig, Impacts of Microplastics on the Soil Biophysical Environment, Environ Sci Technol. 2018 Sep 4; 52(17): 9656–9665, Published online 2018 Jul 27. doi: 10.1021/acs.est.8b02212

11) Aaron Lechner, Hubert Keckeis, Franz Lumesberger-Loisl, Bernhard Zens, Reinhard Krusch, Michael Tritthart, Martin Glas, Elisabeth Schludermann, The Danube so colourful: A potpourri of plastic litter outnumbers fish larvae in Europe's second largest river, Environmental Pollution, Volume 188, May 2014, Pages 177-181, https://doi.org/10.1016/j.envpol.2014.02.006

12) Leo Hornak, Will there be more fish or plastic in the sea in 2050?, BBC News, 15 February 2016, https://www.bbc.com/news/magazine-35562253

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