Kaiserschnitt Allergie

Prof. Dr. Matthias Kopp, Leiter des Schwerpunktes Pädiatrische Pneumologie und Allergologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKSH Campus Lübeck

Kaiserschnitt + Allergie: Beeinflusst der Geburtsmodus die Atopieneigung?

Bei der Frage nach den Ursachen für eine Atopieneigung bei Kindern maß man in der Vergangenheit der Genetik eine sehr große Rolle zu. Mittlerweile hat sich jedoch erwiesen, dass die Genetik zwar eine Rolle spielt, dieser Einfluss alleine aber bei weitem nicht so groß ist, wie einst angenommen. Dafür hat sich gezeigt, dass die Art und Weise wie ein Kind auf die Welt kommt, durchaus einen Einfluss auf die Entwicklung des Immunsystems haben kann. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Matthias Kopp, Leiter des Schwerpunktes Pädiatrische Pneumologie und Allergologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKSH Campus Lübeck über die Rolle des Kaiserschnitt.

Herr Prof. Kopp, wie hoch ist die Neigung zu Allergien bei Kindern, die durch einen Kaiserschnitt zur Welt kommen, im Vergleich zu vaginal geborenen Kindern?

Leider haben wir hier keine genauen Zahlen, denn die meisten Untersuchungen zu dieser Frage erfolgten retrospektiv. Anhand großer Geburtskohorten wurde ermittelt, welche Kinder per Kaiserschnitt bzw. "normal" zur Welt kamen und wie sich dies auf die Neigung an Allergien zu erkranken auswirkt. Es gibt bisher aber noch keine wirklich gute prospektive Studie, die untersucht hat, wie sich die Geburt auf die Atopieneigung auswirkt.

Bei den retrospektiven Daten gibt es auch etwas unterschiedliche Aussagen, je nachdem wie lange die Nahbeobachtung erfolgte und welcher Endpunkt im Zentrum der Beobachtung stand. Generell kann man sagen, dass die retrospektiven Daten zeigen, dass das Risiko für allergischen Erkrankungen bei Kindern, die mittels Kaiserschnitt auf die Welt kamen ca. 10 bis 30 Prozent höher liegt – bei Asthma liegt das Risiko etwa 20 Prozent höher.

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Gibt es auch einen Unterschied in Bezug auf Hausgeburten und Krankenhausgeburten?

Die überwiegende Anzahl der Geburten findet in Krankenhäusern statt, deshalb gibt es auch hier keine guten Zahlen. Es kann jedoch durchaus möglich sein, dass auch bei Hausgeburten ein Schutzeffekt zu verzeichnen ist. Als Kinderärzte stehen wir Hausgeburten allerdings skeptisch gegenüber, denn nach der Geburt kann es zu unvorhergesehenen Situationen kommen, die einen Kinderarzt erforderlich machen, der die Situation meistern kann. Man sollte hier das Allergierisiko und das Risiko von Komplikationen nach der Geburt gegeneinander abwägen.


Welche Allergien treten bei Kaiserschnitt-Kindern vermehrt auf?

Die Untersuchungen zeigen vor allem ein erhöhtes Risiko für Allergisches Asthma bronchiale und für die Allergische Rhinitis. Bei der Atopischen Dermatitis sind die Effekte nicht so eindeutig.

Im Gegensatz zu den durch Kaiserschnitt zur Welt gekommenen Kindern verfügen vaginal entbundene Kinder im Darm über eine sogenannte Bifidus-Flora. Was genau ist das und welche Funktion hat sie?

Bei der Bifidus-Flora handelt es sich um grammpositive Stäbchenbakterien, die wir typischerweise bei Säuglingen finden, die über die Muttermilch ernährt werden. Es gibt unterschiedliche Bakterienstämme, bei muttermilchernährten Säuglingen finden wir überwiegend die Stämme Bifidobakterium bifidum und Bifidobakterium infantis.

Bei den Neugeborenen sind diese Bifido-Bakterien die vorherrschenden Bakterien im Darm. Bei den Erwachsenen findet man Bifidobakterium longum als Vertreter dieser Gruppe – hier nimmt die Zahl der Bifidobakterien aber eher ab.

Kinder, die auf vaginalem Wege zur Welt kommen sind typischerweise zunächst mit den Keimen besiedelt, die auch in der Vaginalflora der Mutter zu finden sind. Durch Kaiserschnitt entbundene Kinder sind hingegen eher mit den Keimen besiedelt, die auf der Haut der Mutter zu finden sind oder die man in der Krankenhausumgebung findet. Hier unterscheidet sich also das Bakterienspektrum, abhängig vom Geburtsweg.


Gibt es weitere Einflussfaktoren auf die Darmflora der Kinder?

Es gibt sehr viele Faktoren, die die Bakterienflora des Kindes beeinflussen und wir kennen noch längst nicht alle. Wahrscheinlich gibt es auch schon vor der Geburt Einflüsse, z.B. während der Schwangerschaft. Z.B. wissen wir, dass die mehrmalige Einnahme von Antibiotika der Mutter im Verlauf der Schwangerschaft zur Veränderung von Darmflora und Vaginalflora führen kann. Dies kann sich dann auch auf die Darmflora des Kindes auswirken. Der nächste Einfluss ist der Geburtsmodus und der nächste wichtige Faktor ist die Ernährung des Säuglings, denn es wirkt sich auf die Besiedlung des Darms des Säuglings aus, ob er mit Muttermilch oder mit Formula-Nahrung ernährt wird.

Der vierte wichtige Faktor ist die Umgebung, in der das Kind aufwächst. Gibt es viele Haustiere mit denen das Kind in Kontakt kommt? Gibt es ältere Geschwister? Wachsen die Kinder auf dem Bauernhof auf? All diese Faktoren können die Besiedlung des Magen-Darm-Traktes der Kinder beeinflussen. Wir stehen noch ganz am Anfang und haben dieses komplexe Gefüge und seinen Einfluss auf das Allergiegeschehen noch nicht vollständig verstanden. Um das ganze unter dem Stichwort Hygiene-Hypothese zusammenzufassen: All diese Umweltfaktoren haben einen Einfluss auf das Mikrobiom der Kleinkinder.

Wie sieht die Darmflora der durch Kaiserschnitt entbundenen Kinder im Vergleich zu der "normal" entbundener Kinder aus?

In den Untersuchungen hat man festgestellt, dass durch Kaiserschnitt entbundene Kinder eine geringere Anzahl an Bifidobakterien oder auch Bacterioides species aufweisen. Dafür sind sie häufiger mit Bakterien des Stammes Clostridium difficile besiedelt. Das sind Bakterien, die zum Beispiel im Darm vorkommen. Man kann also sagen, dass Kaiserschnitt-Kinder ein anderes Muster in Bezug auf ihre Bakterienzusammensetzung aufweisen, als vaginal entbundene Kinder. Wir müssen aber noch verstehen, welche Einflüsse diese unterschiedlichen Muster auf die Toleranzentwicklung bzw. die Allergieentstehung haben. Das ist ein sehr spannendes Feld, aber wir sollten uns davor hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen.

Hat die Geburt durch Kaiserschnitt in Vergleich zur Vaginalgeburt ausschließlich Auswirkungen auf die Darmflora des Neugeborenen oder gibt es im gesamten Mikrobiom Unterschiede?

Wir wissen das noch nicht mit Sicherheit. Es gibt aber spannende Daten und ich würde davon ausgehen, dass sich nicht nur die Besiedlung im Darm sondern auch das gesamte Mikrobiom unterscheidet. Es gibt hierzu aber noch keine verlässlichen Informationen.

Um das Entstehen einer Allergie bei Kindern zu vermeiden, wird in der Regel empfohlen, das Kind vier Monate zu stillen. Lassen sich durch das Stillen die möglichen Nachteile einer Kaiserschnittgeburt oder Schwangerschaft kompensieren?

Tatsächlich spielt die Ernährung in der frühen Kindheit eine sehr wichtige Rolle. Muttermilchernährte Kinder haben im Gegensatz zu formulaernährten Kindern eine geringere Diversivität, d.h. eine geringere Bakterienvielfalt, in Bezug auf ihre bakterielle Darmbesiedelung. Sie haben auch mehr Bifidobakterien in ihrer Flora als Kinder die formulaernährt sind. Ob man mit der Ernährung etwas kompensieren kann weiß man jedoch nicht.


Wie sind in diesem Zusammenhang die Hydrolysat-Nahrungen zu beurteilen, die man ja bei atopiegefährdeten Kindern einsetzt?

Die hydrolysierten Nahrungen sind heute meist mit Probiotika angereichert. Man versucht damit dieses Problem zu lösen und die Besiedlung des Darms mit den Bifidobakterien zu unterstützen.

Probiotika sollen ja dazu beitragen, die fehlenden Keime im Darm aufzubauen und die Entstehung atopischer Erkrankungen zu vermeiden. Allerdings wird dies noch kontrovers diskutiert. Erhofft man sich mehr von Bakterienlysaten?

Es gibt viele klinische Untersuchungen zu Probiotika. Zu Bakterienlysaten gibt es eine Studie, die 2012 von Frau Prof. Lau aus Berlin publiziert wurde. In der Studie wurden Neugeborene untersucht, die ein erhöhtes familiäres Allergierisiko hatten. Die Kinder wurden von Beginn der fünften Lebenswoche bis zum Ende des siebten Lebensmonats mit hitzeinaktivierten Bakterienlysaten aus Escherichia coli und Escherichia faecalis behandelt. Im Hinblick auf eine Ausprägung des atopischen Ekzems gab es in der Gesamtgruppe keinen signifikanten Effekt beim Vergleich mit der Placebogruppe. Bei einer Teilgruppe der Studie, den Kindern mit einer einfachen familiären Belastung durch nur ein Elternteil, war ein Effekt zu sehen. Aus dieser Studie würde ich deshalb nicht ableiten, dass die Bakterienlysate den Probiotika überlegen seien.

Die Gruppe der Probiotika ist sehr groß und besteht aus sehr vielen unterschiedlichen Stämmen, wie z.B. Laktobazillen, Bifidobakterien etc.. Man findet deshalb in den Studien auch widersprüchliche Daten und dies führt dazu, dass Probiotika umstritten sind. Das Konzept der Probiotika ist jedoch durchaus sinnvoll und unsere Aufgabe besteht jetzt darin, den richtigen Probiotika Stamm für ein Kind so auszuwählen, dass es davon profitieren kann.  

Welchen Rat geben Sie werdenden Müttern, die eventuell mit einem Kaiserschnitt rechnen müssen?

Es gibt Gründe, die einen Kaiserschnitt unumgänglich machen. Es gibt aber auch eine gewisse Tendenz zur Großzügigkeit bei der Indikation des Kaiserschnitts. Aus Sicht der Kinderärzte ist es mir deshalb wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Kaiserschnitt-Geburt nicht der natürliche Geburtsmodus ist. Beim Kind kann es zu gesundheitlichen Problemen, wie der verstärkten Allergieneigung, kommen und daran denkt man bei der Entscheidung für einen Kaiserschnitt vielleicht nicht unbedingt.  

Herr Prof. Kopp, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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