Kaiserschnitt Antibiotikaprophylaxe Allergierisiko

Prof. Andreas Müller zum Thema: Kaiserschnitt & Antibiotikaprophylaxe - Steigt das Allergierisiko?

Kaiserschnitt & Antibiotikaprophylaxe: Steigt das Allergierisiko?

Wäre es denn auch möglich, die Anzahl der Kaiserschnittgeburten zu reduzieren?

In vielen Fällen sind Kaiserschnittentbindungen notwendig und haben auch zur Verringerung von Geburtskomplikationen und der Prävention von Erkrankungen beim Kind geführt. Ein Beispiel dafür ist die durch die Kaiserschnittgeburten gesunkene Rate der Kinder mit Asphyxie, das heißt Kinder, die unter der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten haben.

Was weiß man zurzeit über die Mikrobiom-Veränderungen, die eine Kombination aus Antibiotikaprophylaxe und Kaiserschnittgeburt mit sich bringen?

Wir wissen, dass es durch die Antibiotikagabe zu Veränderungen im Mikrobiom des Kindes kommt, indem das Verhältnis verschiedener Bakterien zueinander verschoben wird.

Zum Beispiel findet man im Magen-Darm-Trakt gramnegative Bakterien, sogenannte Proteobakterien, wie E. coli-Bakterien und sogenannte Firmicuten, wie zum Beispiel die Clostridien. Außerdem gibt es noch die sogenannten Actinobakterien, dazu zählen unter anderem die Bifidobakterien, die als die „positiven“ Bakterien gelten. Durch die Gabe von Antibiotika verschiebt sich die Proportion dieser drei Bakteriengruppen zueinander. Unter Umständen steigt die Anzahl der Proteobakterien bzw. der gramnegative Keime. Andere Bakteriengruppen, wie zum Beispiel die Bacteroide, kommen hinzu und Bifidobakterien findet man in einer geringeren Anzahl in der Darmflora der Kinder.

Welche Folgen hat das veränderte Bakterienverhältnis im Mikrobiom der Kinder nach einer Kaiserschnittgeburt?

Das veränderte Verhältnis der Keime zueinander kann dazu führen, dass bestimmte inflammatorische Geschehen stattfinden. Zum Beispiel kann sich das Verhältnis bestimmter Immunzellen zueinander verändern, was einen langfristigen Einfluss auf bestimmte Erkrankungen, wie zum Beispiel Übergewicht oder atopische Erkrankungen haben kann.

Sind diese Veränderungen im Mikrobiom Kaiserschnitt entbundener Kinder dauerhaft?

Bei manchen durch Kaiserschnitt entbundenen Kindern normalisieren sich die Veränderungen im Mikrobiom im Laufe der Zeit wieder. Wie lange dies dauert, ist individuell sehr unterschiedlich. Bei Adipositas vermutet man, dass es nicht zu einer Normalisierung des Darmmikrobioms kommt, allerdings spielt hier unter anderem auch die Ernährung eine Rolle. Aber auch dann hat perinatal bereits ein Trigger stattgefunden, der zum Beispiel langfristig zu einer erhöhten Rate von Allergien führt. Das bedeutet nicht, dass alle Kinder, die durch Kaiserschnitt zur Welt kommen, Allergien oder Adipositas entwickeln, aber das Risiko ist erhöht.

Was weiß man über den Einfluss von Probiotika auf die Normalisierung des Mikrobioms?

Ob Probiotika einen normalisierenden Effekt auf das Mikrobiom des Darms haben, wird zurzeit untersucht. Dabei spielen viele verschiedene Effekte eine Rolle, und es gibt eine Reihe unbeantworteter Fragen. Ein Beispiel dafür ist, wann die Gabe der Probiotika erfolgen sollte, bereits pränatal an die Mutter oder hilft allein postnatal? All diese Fragen sind noch Gegenstand der Forschung.

Zudem ist die Datenlage ist nicht ganz eindeutig. Zum einen sind die Studien nicht immer vergleichbar, zum anderen kommt man zu widersprüchliche Studienergebnissen. Studien aus Finnland haben gezeigt, dass man mit Probiotika einen positiven Einfluss auf allergische Erkrankungen hat. Andere Studien an anderen Bevölkerungsgruppen konnten dies jedoch nicht bestätigen. Dies könnte auch ein Hinweis darauf sein, dass dabei verschiedene Wirkfaktoren eine Rolle spielen. Eine Empfehlung für Probiotika bei Kaiserschnitt-Kindern gibt es deshalb zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Extrem wichtig ist nach einer Kaiserschnitt-Geburt jedoch das Stillen, das grundsätzlich einen nachgewiesen positiven Effekt auf die Allergieprävention hat. Nach einer Kaiserschnittentbindung mit Antibiotikaprophylaxe ist dies umso wichtiger, zumal dadurch auch ein normalisierender Einfluss auf das Mikrobiom zu erwarten ist.

Herr Prof. Müller, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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