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Kaiserschnitt Antibiotikaprophylaxe Allergierisiko

Prof. Andreas Müller zum Thema: Kaiserschnitt & Antibiotikaprophylaxe - Steigt das Allergierisiko?

Kaiserschnitt & Antibiotikaprophylaxe: Steigt das Allergierisiko?

Eine Geburt per Kaiserschnitt kann das Allergierisiko des Kindes erhöhen. Ursächlich dafür ist jedoch wahrscheinlich nicht nur der Geburtsmodus, sondern auch die Tatsache, dass bei Kaiserschnittgeburten routinemäßig eine Antibiotikaprophylaxe durchgeführt wird. Diese Antibiotikaprophylaxe senkt das Infektionsrisiko der Mutter, hat aber auch einen Einfluss auf das Mikrobiom des Kindes und damit auf das Risiko, Erkrankungen wie zum Beispiel Allergien und Adipositas zu entwickeln. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Andreas Müller, Leiter der Abteilung Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Bonn.

Herr Prof. Müller, kann man sagen, was genau das Mikrobiom eines Neugeborenen in stärkerem Maße beeinflusst, die Kaiserschnittgeburt oder die präventive Gabe von Antibiotika?

Wahrscheinlich spielen beide Faktoren eine Rolle.

Zum einen beeinflusst bereits die Kaiserschnittgeburt das Mikrobiom des Kindes, da der normale Geburtsvorgang nicht stattfindet. Bei der normalen Geburt kommt das Kind in Kontakt mit dem Vaginalsekret, das Bakterien wie zum Beispiel Laktobazillen enthält. Diese Laktobazillen sind anteilig am Aufbau des Mikrobioms des Kindes beteiligt. So führt der normale Geburtsvorgang beim Kind zu einer Bakterienbesiedlung des Darmes, was bei einer Kaiserschnittgeburt nicht der Fall ist.

Zum anderen hat auch eine Antibiotikatherapie einen pränatalen, perinatalen und postnatalen Einfluss auf das Mikrobiom. Deshalb hat auch die perioperative Antibiotikaprophylaxe bei Kaiserschnittentbindungen einen Einfluss darauf, wie die Bakterienbesiedlung des Kindes erfolgt.

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Wann genau wird die perioperative Antibiotikaprophylaxe durchgeführt?

Entsprechend der vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) publizierten Vorgaben erfolgt die perioperative Antibiotikaprophylaxe grundsätzlich zwei Stunden bis 30 Minuten vor dem Beginn der Operation und, bei Bedarf, auch während der Operation. Dies ist ein grundsätzlicher Standard bei allen Operationen, bei denen man von einer erhöhten postoperativen Infektionsrate ausgeht.

Eine Alternative dazu wäre die Antibiotikagabe nach dem Clamping der Nabelschnur, das heißt nachdem die Nabelschnur durchtrennt wurde. Die allgemeine Empfehlung lautet jedoch, die Antibiotikaprophylaxe im Vorfeld des Eingriffs durchzuführen. Studien aus dem englischsprachigen Raum haben gezeigt, dass die Infektionsrate bei Patientinnen, die erst nach Abklemmen der Nabelschnur Antibiotika erhielten, höher ist, eine Arbeit aus dem deutschsprachigen Raum, aus Österreich hat diesen negativen Effekt nicht gezeigt. Die Studienlage ist also nicht einheitlich.

Welche Risiken sollen durch die  perioperative Antibiotikaprophylaxe verhindert werden?

Mit der perioperativen Antibiotikaprophylaxe soll verhindert werden, dass postoperativ Wundinfektionen auftreten, wie zum Beispiel Wundinfektionen, Endometritiden oder Harnwegsinfektionen.

Der Nebeneffekt ist jedoch, dass wir in Deutschland bei ca. 785.000 Geburten in 2017 und einer 30-prozentigen Sektiorate etwa 262.000 Kinder bereits perinatal mit Antibiotika konfrontiert werden - eine sehr hohe Zahl!

Mit unserer Stellungnahme der Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen bei der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) wollten wir deshalb das Thema zur Diskussion stellen. Die Frage lautet: Reicht die aktuelle Datenlage aus, um bei der Empfehlung der perioperativen Antibiotikaprophylaxe zu bleiben oder würde man mit der Antibiotikagabe nach Abklemmen der Nabelschnur ähnliche Resultate erzielen? Um diese Frage zu beantworten wären weitere Studien nötig. Allerdings: Viele Studien werden im englischsprachigen Sprachraum generiert, aber wir wissen nicht, ob deren Ergebnisse wirklich auf hiesige Verhältnisse übertragbar sind.

Daneben gibt es jedoch noch weitere Möglichkeiten, das postoperative Infektionsrisiko bei Kaiserschnittgeburten durch lokale Maßnahmen zu reduzieren. Auch dies sollte Inhalt von Studien sein, um zu verhindern, dass diese große Anzahl von Kindern schon vor der Geburt mit Antibiotika konfrontiert wird.


Wäre es denn auch möglich, die Anzahl der Kaiserschnittgeburten zu reduzieren?

In vielen Fällen sind Kaiserschnittentbindungen notwendig und haben auch zur Verringerung von Geburtskomplikationen und der Prävention von Erkrankungen beim Kind geführt. Ein Beispiel dafür ist die durch die Kaiserschnittgeburten gesunkene Rate der Kinder mit Asphyxie, das heißt Kinder, die unter der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten haben.

Was weiß man zurzeit über die Mikrobiom-Veränderungen, die eine Kombination aus Antibiotikaprophylaxe und Kaiserschnittgeburt mit sich bringen?

Wir wissen, dass es durch die Antibiotikagabe zu Veränderungen im Mikrobiom des Kindes kommt, indem das Verhältnis verschiedener Bakterien zueinander verschoben wird.

Zum Beispiel findet man im Magen-Darm-Trakt gramnegative Bakterien, sogenannte Proteobakterien, wie E. coli-Bakterien und sogenannte Firmicuten, wie zum Beispiel die Clostridien. Außerdem gibt es noch die sogenannten Actinobakterien, dazu zählen unter anderem die Bifidobakterien, die als die „positiven“ Bakterien gelten. Durch die Gabe von Antibiotika verschiebt sich die Proportion dieser drei Bakteriengruppen zueinander. Unter Umständen steigt die Anzahl der Proteobakterien bzw. der gramnegative Keime. Andere Bakteriengruppen, wie zum Beispiel die Bacteroide, kommen hinzu und Bifidobakterien findet man in einer geringeren Anzahl in der Darmflora der Kinder.

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Welche Folgen hat das veränderte Bakterienverhältnis im Mikrobiom der Kinder nach einer Kaiserschnittgeburt?

Das veränderte Verhältnis der Keime zueinander kann dazu führen, dass bestimmte inflammatorische Geschehen stattfinden. Zum Beispiel kann sich das Verhältnis bestimmter Immunzellen zueinander verändern, was einen langfristigen Einfluss auf bestimmte Erkrankungen, wie zum Beispiel Übergewicht oder atopische Erkrankungen haben kann.

Sind diese Veränderungen im Mikrobiom Kaiserschnitt entbundener Kinder dauerhaft?

Bei manchen durch Kaiserschnitt entbundenen Kindern normalisieren sich die Veränderungen im Mikrobiom im Laufe der Zeit wieder. Wie lange dies dauert, ist individuell sehr unterschiedlich. Bei Adipositas vermutet man, dass es nicht zu einer Normalisierung des Darmmikrobioms kommt, allerdings spielt hier unter anderem auch die Ernährung eine Rolle. Aber auch dann hat perinatal bereits ein Trigger stattgefunden, der zum Beispiel langfristig zu einer erhöhten Rate von Allergien führt. Das bedeutet nicht, dass alle Kinder, die durch Kaiserschnitt zur Welt kommen, Allergien oder Adipositas entwickeln, aber das Risiko ist erhöht.

Was weiß man über den Einfluss von Probiotika auf die Normalisierung des Mikrobioms?

Ob Probiotika einen normalisierenden Effekt auf das Mikrobiom des Darms haben, wird zurzeit untersucht. Dabei spielen viele verschiedene Effekte eine Rolle, und es gibt eine Reihe unbeantworteter Fragen. Ein Beispiel dafür ist, wann die Gabe der Probiotika erfolgen sollte, bereits pränatal an die Mutter oder hilft allein postnatal? All diese Fragen sind noch Gegenstand der Forschung.

Zudem ist die Datenlage ist nicht ganz eindeutig. Zum einen sind die Studien nicht immer vergleichbar, zum anderen kommt man zu widersprüchliche Studienergebnissen. Studien aus Finnland haben gezeigt, dass man mit Probiotika einen positiven Einfluss auf allergische Erkrankungen hat. Andere Studien an anderen Bevölkerungsgruppen konnten dies jedoch nicht bestätigen. Dies könnte auch ein Hinweis darauf sein, dass dabei verschiedene Wirkfaktoren eine Rolle spielen. Eine Empfehlung für Probiotika bei Kaiserschnitt-Kindern gibt es deshalb zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Extrem wichtig ist nach einer Kaiserschnitt-Geburt jedoch das Stillen, das grundsätzlich einen nachgewiesen positiven Effekt auf die Allergieprävention hat. Nach einer Kaiserschnittentbindung mit Antibiotikaprophylaxe ist dies umso wichtiger, zumal dadurch auch ein normalisierender Einfluss auf das Mikrobiom zu erwarten ist.

Herr Prof. Müller, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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