Allergieforschung Allergieprävention Allergiker

Prof. Carsten Schmidt-Weber zum Thema: "Allergieforschung - Allergieprävention: Schlechte Zeiten für Allergiker?"

Allergieforschung - Allergieprävention: Schlechte Zeiten für Allergiker?

Mittlerweile weiß man, dass das Fortschreiten bestimmter Allergien vermeidbar ist, zum Beispiel der gefürchtete Etagenwechsel von der Pollenallergie zum Asthma. Die Voraussetzung: Eine frühe Diagnose und eine frühe Behandlung. Zudem mehren sich die Anzeichen, dass man Allergien sogar verhindern könnte. Nötig wäre qualitativ hochwertige Forschung, aber diese will finanziert sein und das ist schwierig. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Carsten Schmidt-Weber, Direktor des Instituts für Allergieforschung und Leiter des Zentrums Allergie und Umwelt der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München (ZAUM) über das Thema: Allergieforschung - Allergieprävention: Schlechte Zeiten für Allergiker?

Herr Prof. Schmidt-Weber, wie schätzen Sie die aktuelle Finanzierungssituation für die Allergieforschung zur Allergieprävention ein?

Die Schwierigkeit im Bereich Finanzierung liegt darin, dass Studien zur Allergieprävention sich über mehrere Jahre erstrecken. Die Studien sind dadurch sehr teuer und aus den regulären zur Verfügung stehenden akademischen Etats nicht durchführbar.

Auch von Seiten der Industrie ist eine Finanzierung von Allergiepräventionsstudien nicht zu erwarten. Zum einen entstehen den Herstellern von Therapieallergenextrakten bereits sehr hohe Kosten durch die klinischen Studien zur Zulassung der Präparate. Zum anderen handelt es sich oft um mittelständische Unternehmen, deren finanzielle Möglichkeiten bereits durch kleinere Studien ausgeschöpft sind.

 

Das sind keine guten Voraussetzungen für die Allergieprävention…

Definitiv nicht! Gerade beim Thema „Forschung zur Allergieprävention“ tut sich eine massive Finanzierungslücke auf.

Das ist ausgesprochen schade, denn wir sind überzeugt, dass eine Allergieprävention möglich wäre und wissen auch bereits, wie wir vorgehen müssten.

Schließlich birgt die Allergieprävention das Potenzial für Haushaltseinsparungen im Gesundheitsbereich in Milliardenhöhe. Allerdings brauchen wir die Unterstützung durch die öffentliche Hand und dafür braucht es den politischen Willen.

Allerdings müssten auch die Krankenkassen ihre Sichtweise überdenken.

Was müsste sich seitens der Krankenkassen ändern, um die Allergieprävention voranzubringen?

Leider zeigen die Krankenkassen bisher wenig Interesse an der Prävention von Allergien und auch die Ärztekammer unterstützt den Bereich Allergie nicht im nötigen Maße. Ein „Facharzt Allergologie“ so wie es ihn in anderen Ländern seit langem gibt, ist in Deutschland nicht zu realisieren, obwohl dies von der Europäischen Union eindeutig angemahnt wurde.

Hinzu kommt, dass der Deutsche Ärztetag gerade beschlossen hat, den Erwerb der Zusatz-Weiterbildung „Allergologie“ berufsbegleitend zu ermöglichen. Das bedeutet, die Zusatzausbildung zum Allergologen erfolgt nicht mehr konzentriert, sondern quasi „nebenbei“, was qualitative Einbußen zur Folge haben könnte.

Dabei rollte eine Allergiewelle ungeahnten Ausmaßes auf uns zu. Einen Vorgeschmack davon bekommt man zum Beispiel beim Blick auf Japan.

Sie rechnen also mit einer starken Zunahme von Allergien?

Aus noch unveröffentlichten Daten wissen wir, dass die Sensibilisierungsraten bei den Schulkindern stetig ansteigen. Mittlerweile sind knapp 50 Prozent der Schulkinder gegen mindestens ein Allergen sensibilisiert. Diese Sensibilisierungsrate lag vor nicht allzu langer Zeit bei ca. 20 Prozent, und wir wissen, dass davon 20 bis 30 Prozent eine Allergie entwickeln werden.

Das Beispiel Japan zeigt sehr deutlich, in welche Richtung wir uns in der westlichen Welt und auch in Deutschland bewegen. Japan ist in Bezug auf die Industrialisierung und in vielen anderen Aspekten der Lebensform, im Vergleich zu Deutschland weiter fortgeschritten. Dazu gehört zum Beispiel auch das dort übliche Hygienemanagement, das im Zusammenhang mit der Hygiene-Hypothese von Bedeutung ist.

In Japan ist die Zahl der Allergiker immens. So betrifft die Zedern-Allergie in Japan bereits 50 Prozent der Bevölkerung. Dementsprechend stark liegt der Fokus der Medizin auf dem Thema „Allergie“. Das zeigt sich schon allein daran, dass die allergologische Fachgesellschaft Japans mit über 8.000 Mitgliedern ungefähr genauso viele Mitglieder hat, wie unsere gesamteuropäische allergologische Fachgesellschaft. Das bedeutet, in Japan hat man erkannt, dass Allergien zu den größten Problemen des Gesundheitswesens gehören. Es wäre wünschenswert, dass man auch in Deutschland diesen Trend erkennt und beginnt, den nötigen politischen Willen zu entwickeln und vorzubeugen.

Gibt es weitere Länder, an deren Umgang mit allergischen Erkrankungen sich die deutsche Gesundheitspolitik orientieren sollte?

Hierfür ist Finnland ein gutes Beispiel, insbesondere bei der Asthmaprävention, wofür ein spezielles Präventionsprogramm aufgesetzt wurde. Auch Frankreich hat mit der Einführung der Spezialisierung „Facharzt Allergologie“ einen Schritt in die richtige Richtung getan und die Prävention in den Fokus gerückt. In Deutschland ist ein „Facharzt Allergologie“ bislang nicht durchsetzbar, weil dies gegensätzliche Interessenlagen teils der Fachgesellschaften, teils der Ärztekammer, verhindern. Aus meiner Sicht ist das grob fahrlässig und nicht im Sinne der Patienten. Gerade bei Allergien ist es zum Teil möglich, durch ein frühes Eingreifen das weitere Fortschreiten der Erkrankung, eine Chronifizierung, multiple Allergien oder einen Etagenwechsel zu verhindern. Das kann aber nur gelingen, wenn eine frühe Diagnose und eine effiziente Therapie durch gut ausgebildete und erfahrene Spezialisten erfolgen. Allergische Erkrankungen sind komplexe Erkrankungen, die mehrere Organe betreffen können und die oft auch einen multidisziplinären Ansatz erfordern. Ein Facharzt „Allergologie“ der eine gute fachliche Ausbildung genossen hat und in der Lage ist, die bei Allergien oft nötige Detektivarbeit zu verrichten, ist aus meiner Sicht ein „Muss“. Hinzu kommen die neuen Biologicals, oder monoklonale Antikörper, die gerade bei Allergien ganz neue therapeutische Möglichkeiten bieten. Die Biologicals stellen jedoch auch ganz neue Anforderungen an die Diagnose, denn nicht jeder Patient bzw. nicht jeder Endotyp ist für jede Therapie geeignet. Ein Facharzt „Allergologie“, der über die entsprechende Expertise verfügt, ist längst überfällig.

Wünschenswert wäre ein starker Gesundheitsminister, der den Handlungsbedarf beim Thema „Allergie“ erkennt und die entsprechenden Maßnahmen ergreift.

Herr Prof. Schmidt-Weber, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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