Kinder- und Jugendärzte: Insektensterben bedroht die Zukunft

Insektensterben dezimiert auch die Vogelwelt

Die gravierenden Veränderungen der Biomasse und der Insektenzusammensetzung haben enorme mittel- und langfristige Konsequenzen: Wildbienen bestäuben zusammen mit ihren domestizierten Verwandten und anderen Insekten geschätzte 35% der weltweiten Kulturpflanzen [8], darunter viele vitaminreiche Lebensmittel. Der vermutete monetäre Wert von Kulturpflanzen, welche direkt von Bestäubern beeinflusst werden, liegt jährlich bei 235 − 557 Milliarden US-Dollar [4]. Dieser Sektor der Landwirtschaft ist in den letzten 50 Jahren um 300% angewachsen und somit überproportional zum Wachstum der gehaltenen Bienenvölker [9]. Auch fast 90% der wildblühenden Pflanzen sind in gewissem Maße von Tierbestäubung abhängig [4]. In der Folge bewirkt das Insektensterben eine ökologische Kettenreaktion: Die Zahl und Vielfalt von Wildkräutern nimmt genauso ab wie die der Vögel.

Umbau der landwirtschaftlichen Produktionsweise

Eine sinnvolle Maßnahme, die den massiven Rückgang an Insekten aufhalten könnte, ist z. B. die Förderung blühender Feldgrenzen. Eine kürzlich erschienene Publikation belegt, dass Kulturlandschaften, die eine höhere Dichte an Feldgrenzen haben, auch einen höheren Wildbienenreichtum aufweisen und dadurch die Bestäuberbewegung über größere Flächen erleichtert wird [10]. Als wichtiger Nebeneffekt könnte so auch ein Teil der Biodiversität von Wildpflanzen in Agrarlandschaften gewahrt werden.

Dieses Vorgehen entspricht prinzipiell auch der publizierten Sichtweise des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Danach steht ökologischer Landbau für ein „Wirtschaften im Einklang mit der Natur“, bei dem die natürlichen Ressourcen geschont und erhalten werden. So soll durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und durch ein niedriges Düngeniveau eine, im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Flächen, erhöhte Artenvielfalt erreicht werden [11].

 

Im Einklang mit der Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Frau Prof. Beate Jessel, fordern die Unterzeichner deshalb ein rasches und grundlegendes Umdenken in der Agrarpolitik. Jessel betont bei der Vorstellung einer Publikation zu „Naturschutz in der Agrarlandschaft“ am 4.6.2018: „Die EU sollte kein Geld mehr in Direktzahlungen stecken, die nach dem Gießkannenprinzip auf Landwirtschaftsflächen verteilt werden – weitgehend unabhängig davon, wie naturfreundlich oder -schädlich sie bewirtschaftet werden.“ Zusammen mit etlichen Experten fordert sie die Notwendigkeit einer deutlich verbesserten Finanzmittelausstattung für den Naturschutz mit gezielten Förder-programmen für die nachhaltige und naturschonende Bewirtschaftung und die ländliche Entwicklung und lehnt damit Kürzungen ab, wie sie der Entwurf der EU-Kommission zur Haushaltsplanung ab 2021 vorsieht [12].

Die Unterzeichner sind davon überzeugt, dass nur durch den konsequenten, ökologischen Umbau der landwirtschaftlichen Produktionsweise die biologische Diversität der Insekten-, Vogel- und Pflanzenwelt in Deutschland und Europa und damit eine enkeltaugliche Zukunft unserer Kinder gesichert werden kann!

Unterzeichner:

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte – www.bvkj.de

Gesellschaft Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin – www.gpau.de

Kinderumwelt gGmbH - www.kinderumwelt.de

Verfasser:

Dr. Thomas Lob-Corzilius, Kinder- und Jugendarzt, Allergologie, Kinderpneumologie, Umweltmedizin, Osnabrück

Ricarda Dehmer, Bachelor of Science Biologie (TU Darmstadt) Frankfurt

Literatur:

[1] Hallmann CA, Sorg M, Jongejans E et al. More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. Plos One 2017; 285(1872)

[2] Van Engelsdorp D, Underwood R, Caron D, Hayes J Jr. An estimate of managed colony losses in the winter of 2006-2007: A report commissioned by the apiary inspectors of America. American Bee Journal 2007; 147(7): 599-603

[3] Goulson D, Nicholls E, Botías C et al. Bee declines driven by combined stress from parasites, pesticides, and lack of flowers. Science 2015: 347 (6229) 1255957-1255957

[4] http://www.fao.org/news/story/en/item/384726/icode/ (Stand April 2018)

[5] Tomizawa M, Casida JE. Neonicotinoid Insecticide Toxicology: Mechanisms of Selective Action. Annual Review of Pharmacology and Toxicology 2005: 45(1), 247-2 68

[6] https://www.efsa.europa.eu/de/press/news/180228 (Stand April 2018)

[7] www.sueddeutsche.de/wirtschaft/pestizide-eu-staaten-verbieten-bienenschaedliche-neonikotinoide-1.3959435

[8] Klein AM, Vassière BE, Cane JH et al. Importance of pollinators in changing landscapes for world crops. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 2007; 274(1608): 303-313

[9] Happe AK, Riesch F, Rösch V et al. Small-scale agricultural landscapes and organic management support wild bee communities of cereal field boundariesAgriculture, Ecosystems and Environment 2017: 254: 92–98

[10] Hass AL, Kormann UG, Tscharntke T et al. Landscape configurational heterogeneity by small-scale agriculture, not crop diversity, maintains pollinators and plant reproduction in western Europe. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 2018: 285(1872)

[11] https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Oekolandbau/_Texte... (Stand April 2018)

[12] https://www.bfn.de/presse/pressemitteilung.html (Stand Juni 2018)

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