Kinder Säuglinge Ernährung Ernährungskompetenz

Prof. Michael Melter zur Frage der Ernährungskompetenz!

Kinder richtig ernähren: Fehlt die Ernährungskompetenz?

Wie ernähre ich mein Kind richtig? Viele Eltern stellen sich diese Frage und die Auswahl an Ernährungsempfehlungen scheint groß zu sein. Gleichzeitig fällt es Vielen zunehmend schwer, Nahrungsmittel richtig einzuordnen und zu bewerten, es fehlt die Ernährungskompetenz. So kann es leicht passieren, dass viele Kinder, trotz bester Absicht, unausgewogen ernährt werden. Univ.-Prof. Dr. med. Michael Melter, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität Regensburg (KUNO-Kliniken) sprach mit MeinAllergiePortal darüber, wie man Säuglinge und Kinder richtig ernähren kann und wo es uns an Ernährungskompetenz fehlt.

Herr Prof. Melter, die Ernährung steht aktuell stark im Fokus, beobachten Sie im Hinblick auf die Kinderernährung neue Trends?

Es gibt bestimmte Gruppen, bei denen Ernährungstrends eine sehr große Rolle spielen, aber beim Großteil der Bevölkerung ist dies nicht der Fall. Man kann sogar sagen, dass das allgemeine Unwissen über Ernährung in Deutschland ziemlich ausgeprägt ist.

Ein Beispiel: Schon bei der ersten Vorsorgeuntersuchung U2 beim Kinderarzt, die im Alter von drei bis zehn Tagen durchgeführt wird, sollte die Familie über eine gesunde Säuglingsernährung aufgeklärt werden. Dies ist aber viel zu selten der Fall, weil viele Ärzte das Thema offensichtlich als zu banal oder zu selbstverständlich empfinden, oder selbst unsicher sind. In der Aus- und Weiterbildung für Ärzte, bzw. Kinderärzte, spielt das Thema Ernährung leider auch keine große Rolle. Die Folge ist: Die Eltern orientieren sich eher an der Werbung, an Freunden oder an Informationen, die sie unter anderem auch im Internet finden. Die Ernährung eines Kindes ist deshalb sehr abhängig vom jeweiligen sozialen Umfeld.

Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, es gibt Trends, die in „aller“ Munde sind, aber das war auch vor vierzig Jahren schon so. Nur die Trends ändern sich, nicht jedoch die Tatsache, dass es sie gibt. Auf der anderen Seite fehlt dem Großteil der Familien eine „ausreichende“ Ernährungskompetenz. Gerade auch in der Kinder- und Jugendmedizin beschäftigt man sich viel zu sehr mit Erkrankungen und viel zu wenig mit der Erhaltung von Gesundheit und Prävention.

 

Wie kann es sein, dass so vielen Familien die Ernährungskompetenz fehlt?

Für eine Mutter ist es ein genetisch festgelegter wesentlicher „Antrieb“, ihr Kind bestmöglich zu ernähren und gesund zu erhalten. Selbst wenn die „Kinder“ längst erwachsen sind, sorgen sich die Mütter stets darum, dass sie sich „gesund ernähren“. Dabei sollte man bedenken, dass die Muttermilch die natürliche Nahrung für Säuglinge ist und dass noch vor 100 Jahren ein Drittel der Kinder das erste Lebensjahr nicht überlebt hat und dies meist deshalb, weil sie nicht ernährt werden konnten, wenn Muttermilch bzw. Frauenmilch („Ammen“) nicht zur Verfügung stand. Der unreife Organismus des Säuglings war ohne Muttermilch bzw. Frauenmilch nicht überlebensfähig, einen gleichwertigen Ersatz hatte man nicht.

Mütter reagieren deshalb äußerst sensibel, wenn es um die Ernährung ihres Kindes geht und bieten so eine große Angriffsfläche für eine Vielzahl von Ernährungskonzepten. Wenn die Werbung oder bestimmte Ernährungskonzepte glaubhaft vermitteln, gesund für das Kind zu sein, sind Mütter hierfür äußerst vulnerabel. So kann es passieren, dass Lebensmittel gewählt werden, die nicht wertig und gesund für das Kind sind, obwohl genau das das Ziel der Mutter ist.

Wie stark ist dann der Einfluss von Werbung und wie stark ist der Einfluss von Ernährungstrends?

Die Werbung beeinflusst den Großteil der Bevölkerung und so erhalten viele Kinder „Junkfood“ an Stelle einer ausgewogenen Ernährung. Ein kleiner Teil von „vermeintlich Informierten“ orientiert sich aus Weltanschauungsgründen an aktuellen Ernährungstrends. Dies kann zu einer exzessiven Reduktion der Nahrungsmittelvielfalt führen. Im Ergebnis kann das bei beiden Gruppen dazu führen, dass die Kinder nicht ausreichend gut ernährt sind, erstere, weil sie schlechte „Nahrung“ erhalten und letztere, weil ihre Ernährung falsch zusammengesetzt ist. Eine Ursache dafür ist die Vielfalt an Informationen, die uns heutzutage zur Verfügung steht, die per se aber noch kein „Wissen“ darstellt.

Kann man denn abschätzen, wie groß die Anzahl der Familien ist, die sich richtig bzw. gesund ernähren?

Diese Frage untersuchen wir gerade anhand einer Neugeborenen-Kohorte an insgesamt 10.000 Kindern über die nächsten 20 Jahre. Mit dieser reinen Beobachtungsstudie wollen wir ermitteln, wie viele Kinder entsprechend der Empfehlungen der deutschen diesbezüglichen Fachgesellschaften ernährt werden. In diesem Zusammenhang wollen wie auch prüfen, ob und wie eine Ernährungsberatung erfolgt. Schon jetzt konnten wir bereits für die ersten sechs Lebensmonate Abweichungen von den Empfehlungen feststellen, z.B. dass Kinder bereits in dieser Zeit mit reiner Kuhmilch gefüttert werden, was deutlich zu früh ist. Für uns war das überraschend, denn die Ernährungsempfehlungen für Säuglinge in den ersten vier bis sechs Monaten sind relativ simpel – vier Monate ausschließlich stillen oder, wenn das nicht möglich ist, ein spezielle Säuglingsmilch auf Kuhmilchbasis. Wir hatten erwartet, dass dies relativ flächendeckend umgesetzt wird.

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