Keine Allergie-News verpassen!

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter!

Sie wollen stets zu Allergien und Intoleranzen informiert werden? Abonnieren Sie kostenlos unseren MeinAllergiePortal-Newsletter!

 

x

Precision Medicine: Personalisierte Medizin in der Allergologie

Neue Erkenntnisse zu den Pathomechanismen verändern auch die Allergietherapie. Mit Begriffen wie „Precision Medicine“, „personalisierte Medizin“ oder „Präzisionsmedizin“ gewinnen in der Allergologie Konzepte an Bedeutung, die man in der Onkologie schon länger verfolgt. Was bedeutet Precision Medicine für Allergiepatienten? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie, Molekulare Diagnostik am Standort Marburg, Universitätsklinikum Gießen und Marburg über Precision Medicine bzw. personalisierte Medizin in der Allergologie.

Herr Prof. Renz, was versteht man unter „Precision Medicine“ bzw. „Präzisionsmedizin in der Allergolgogie?

In der Allergologie versteht man unter Precision Medicine oder auch Präzisionsmedizin eine patientenorientierte, patientenzentrierte und passgenaue Allergietherapie, angepasst an die individuelle Patientensituation.

Advertorial

Wie unterscheidet sich die Precision Medicine von den traditionellen Allergietherapien?

Die bisherigen Therapiekonzepte in der Allergologie, z.B. die Asthmatherapie,  orientierten sich an anti-inflammatorischen Therapien mit topischen Steroiden, d.h. mit Kortison. Diese Behandlung galt lange Zeit als „Durchbruch“ bei der Behandlung der allergischen Entzündung.

Heute wissen wir, dass diese allergische Entzündung nicht bei jedem Patienten gleich ist. Es gibt sehr unterschiedliche immunologische Muster bei unterschiedlichen Patienten. Man unterscheidet dabei zwischen Th2 und nicht Th2-Mustern, wie z.B. Th1 und Th 17. Die molekulare und zelluläre Signatur der Entzündung nennt man Endotypen.

Der große Durchbruch bei der personalisierten Medizin ist, dass man jetzt nicht nur die Entzündung generell und allgemein, sondern, passgenau, das Entzündungsmuster therapieren möchte. Dafür reicht der Pauschalansatz einer Kortisontherapie nicht mehr aus, denn für diese Passgenauigkeit benötigt man hochspezialisierte Medikamente.

Mit welchen Medikamenten kann man allergische Entzündungen passgenau therapieren?

Die monoklonalen Antikörper bzw. die Biologika sind Medikamente, die ganz zielgerichtet einzelne Mediatoren bzw. Moleküle des Entzündungsgeschehens ausschalten. Eines dieser Moleküle ist das IgE, andere Moleküle sind z.B. die Zytokine der Th2-Zellen, Interleukin 4, Interleukin  5 und Interleukin 13 und deren Rezeptoren. All dies ist heute möglich oder wird es in allernächster Zukunft sein, und dies eröffnet völlig neue Therapiestrategien.


Sind denn alle Endotypen, die für Allergien bzw. allergische Entzündungen relevant sind, bereits entschlüsselt?

Nein, bei der Charakterisierung der Endotypen steht man noch ganz am Anfang.

Beim Asthma weiß man z.B., dass die Hälfte der Patienten den Th2-Endotyp aufweist, d.h. den Endotyp einer klassischen Allergie. Die andere Hälfte der Asthmapatienten bezeichnet man als „Non-Th2-Endotypen“, denn sie weisen andere Endotypen auf. Man kennt diese Endotypen noch nicht so gut, aber man kann davon ausgehen, dass sich ca. 4 bis 5 wichtigere Endotypen herauskristallisieren werden. Es wird sich zeigen, ob darunter auch besonders dominierende Endotypen sind.

Advertorial

 

Gibt es neben dem Asthma noch andere allergische Erkrankungen, bei denen man unterschiedliche Endotypen definiert hat?

Das Prinzip der Endotypen oder Signaturen ist ein universelles Konzept im Verständnis der Entzündung. Beim Asthma handelt es sich um eine Entzündung der Atemwege und bei der Neurodermitis ist die Haut entzündet. Auch bei den Nasenpolypen und den Allergien, die sich gastrointestinal äußern, ist eine Entzündung involviert.

Bei welchen allergologischen Erkrankungen ist man mit der Precision Medicine am weitesten?

Innerhalb der Allergologie ist man beim Asthma mit der Precision Medicine am weitesten vorangeschritten, auch in Bezug auf klinische Studien. Danach folgen Neurodermitis und Poliposis Nasi, d.h. die Polypen der Nase.

Welche Medikamente stehen im Rahmen der Precision Medicine zur Verfügung?

Omalizumab war das erste Biologikum, das das zentrale Molekül Immunglobulin E ausgeschaltet hat. Das bedeutet, Omalizumab ist für jene Patienten geeignet, die dem klassischen allergischen Th2-Endotyp entsprechen.

Die ersten „richtigen“ Biologika für Non-Th2-Endotyp-Patienten, die direkt in die Th2-Signatur eingreifen, sind die monoklonalen Antikörper gegen Interleukin 5 und Interleukin 5-Rezeptor mit dem Wirkstoff Mepolizumap und Benralizumab.


Welche Erkrankungen sind aktuell mit Precision Medicine-Präparaten behandelbar?

In Deutschland ist  Mepolizumab, ein monoklonaler Antikörper gegen Interleukin-5 (IL-5), zugelassen. Ein weiterer Wirkstoff, Benralizumab richtet sich gegen die Alpha-Kette des Interleukin-5-Rezeptors (CD 125) und befindet sich noch im Zulassungsprozess. Eingesetzt werden können diese Präparate bei Patienten mit eosinophilem Asthma, d.h. beim Asthma vom Th2-Endotyp. Als diagnostischer Biomarker für die Th2-Signatur gilt aktuell der eosinophile  Granulozyt,  eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, der Leukozyten. Der eosinophile  Granulozyt ist im Blut sehr gut messbar und gilt als Indikator für den Th2-Endotyp.

Advertorial

Bedeutet das, alle Patienten mit eosinophilem Asthma  können mit Mepolizumap oder Benralizumab behandelt werden?

Damit Mepolizumap und Benralizumab  bei einem Patienten eingesetzt werden dürfen, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Dazu gehört der Nachweis, dass der Patient tatsächlich diesen Endotyp aufweist. Darüber hinaus muss ein bestimmter Schweregrad der Erkrankung vorliegen und die klassischen Möglichkeiten der Asthmatherapie müssen ausgeschöpft sein, ohne dass die Asthmasymptome unter Kontrolle gebracht werden können.

Inwiefern könnte man Wirkstoffe wie Mepolizumap und Benralizumab auch für andere Erkrankungen einsetzen, die auf einem ähnlichen immunologischen Muster beruhen?

Wenn bei einem Patienten eine solche Fehlregulation besteht, ist dies eine Indikation für das entsprechende Medikament. Allerdings müssen Medikamente zugelassen werden und werden deshalb vor der Zulassung klinischen Prüfungen unterzogen. Diese klinischen Prüfungen erfolgen im Hinblick auf bestimmte Erkrankungen, z.B. für die Wirksamkeit einer Anti-IgE-Therapie bei schwerem allergischem Asthma vom Th2-Endotyp. Sind die Ergebnisse der klinischen Prüfungen positiv und verlaufen auch die Phase-II-Studien positiv, so dass die Zulassung beantragt wird, erfolgt diese nur für eine ganz bestimmte Indikation.

Zwar gibt es auch andere IgE-vermittelte Erkrankungen, aber dafür ist das Medikament formal nicht zugelassen. Ist der behandelnde Arzt dennoch der Meinung, dass der Patient von diesem Medikament profitieren könnte, muss dies im Rahmen eines individuellen Heilversuches bei der Krankenkasse beantragt werden, ein recht aufwändiger Prozess.

Grundsätzlich kann man sagen: Insbesondere dann, wenn Patienten von mehreren klinischen Erkrankungen parallel betroffen sind, kann ein solches Medikament hilfreich sein und auch für die „Begleiterkrankungen“ wirken. Bei allergischen Patienten ist dies häufig der Fall, z.B. tritt Asthma häufig parallel zum atopischen Ekzem auf oder die Neurodermitis mit Nahrungsmittelallergien.

Sie erwähnten, dass der eosinophile  Granulozyt als Indikator für den Th2-Endotyp gilt, gibt es noch weiter Marker für andere Endotypen?

Wie gesagt, ist der Th2-Endotyp am besten untersucht, etwa 50 Prozent unserer Patienten leiden darunter. Der beste Marker hierfür sind die Eosinophilen im Blut. Darüber hinaus stehen keine Marker zur Verfügung. Zu diesem Thema laufen viele Forschungsprojekte, aber noch gibt es wenig Greifbares, das im klinischen Alltag eingesetzt werden könnte.

Inwiefern fällt auch die molekulare Allergiediagnostik in den Bereich der Precision Medicine?

In gewisser Weise kann man die molekulare Allergiediagnostik durchaus unter dem Begriff Präzisionsmedizin subsummieren. Mit der molekularen Allergiediagnostik sind wir in der Lage, das Sensibilisierungsmuster und –spektrum eines Patienten sehr präzise zu erfassen. Gerade im Hinblick auf das Erfassen des Risikos für schwere allergische Reaktionen und für Kreuzrektionen ist der Einsatz rekombinanter Allergene bei der molekularen Allergiediagnostik als Teil der Precision Medicine zu sehen. Schließlich hat die molekulare Allergiediagnostik auch therapeutische Implikationen, wie z. B. Vermeidungsstrategien, Diätmaßnahmen und die Versorgung des Patienten mit Adrenalin-Autoinjektoren.     

Herr Prof. Renz, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.