RETTET DIE MEDIZIN

Prof. Peter P. Pramstaller: Vortragsthema „RETTET DIE MEDIZIN. Sie braucht es!"

Medizin ist für Patienten da? Was läuft schief im System?

Der Saal war voll, als die DGIM-Vorsitzende, Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger, den Referenten begrüßte und die Zuhörer auf ein Thema einstimmte, das die Fachgesellschaft DGIM schon seit langem beschäftigt: Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitssystems und deren Folgen. „Seit Jahren verschiebt sich der Fokus mehr und mehr in Richtung Apparatemedizin, während beratungsintensive Bereiche, wie z.B. die Diabetologie, aus dem medizinischen Betrieb herausgedrängt werden“ so Prof. Schumm-Draeger. Jahr für Jahr wird die Kritik am aktuellen Gesundheitssystem unter der Ärzteschaft lauter, und so hatten die Organisatoren mit dem Vortragsthema „RETTET DIE MEDIZIN. Sie braucht es!“ offensichtlich einen Nerv getroffen. Mit Prof. Peter P. Pramstaller, dem  Autor eines kürzlich zu diesem Thema erschienen Buches, hatte man zudem für den 123. DGIM-Kongress in Mannheim einen Referenten verpflichtet, der es verstand, „den Finger auf die Wunde“ zu legen.

Die Rolle des Arztes: Vom Hauptakteur zum Spielball!

Was hat sich im Laufe der vergangenen Jahre geändert in der Medizin? Ein zentrales Problem sieht Prof. Pramstaller in der Verschiebung der Prioritäten. Während vor 30 bis 40 Jahren noch eine optimale medizinische Versorgung der Patienten im Mittelpunkt des Gesundheitssystems stand, hat sich der Fokus heutzutage deutlich verschoben. Zunehmend geraten insbesondere Klinikärzte unter Druck, ihr Handeln einer betriebswirtschaftlichen Nutzenoptimierung unterzuordnen. Nicht mehr das Urteil des Arztes ist ausschlaggebend für die Behandlung der Patienten, sondern die von Klinikmanagement und –controlling definierten Profitabilitätsvorgaben. Damit hat sich die Rolle des Mediziners verändert, „vom Hauptakteur zum Spielball“, so Prof. Pramstaller. Den Vorgaben des Genfer Ärztegelöbnisses, im Dienste der Menschlichkeit zu wirken, kann ein Klinikarzt aus seiner Sicht heute nur schwer gerecht werden und so fragen sich viele Kollegen, ob ihre aktuelle Tätigkeit als Arzt dem ursprünglichen Berufswunsch eigentlich noch entspricht.  

 

Medizinisch fragwürdig, nicht patientengerecht und ökonomisch nicht sinnvoll – wo bleibt die Menschlichkeit?

Ein wesentliches Problem der aktuellen Entwicklung des Gesundheitssystems sieht Prof. Pramstaller darin, dass beim vielleicht gut gemeinten Versuch, das Gesundheitswesen zu verschlanken, auf Strategien der Industrie Industrie zurückgegriffen wurde, die auf das Gesundheitswesen nicht übertragbar sind. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten DRGs (Diagnostic Related Groups), feste Fallpauschalen für bestimmte stationäre Behandlungen, wie z.B. eine Blindarmoperation, die einen Standardprozess abbilden bzw. dessen Kosten abdecken, Besonderheiten jedoch nicht berücksichtigen.

Die DRGs bergen deshalb einerseits das Risiko für eine Unterversorgung bestimmter Patienten und können andererseits Fehlanreize für das Durchführen nicht notwendiger Behandlungen mit sich bringen. So kritisiert Prof. Schumm-Draeger „absurde Vergütungspauschalen, die die Amputation eines Fußes höher vergüten, als Maßnahmen, die dies verhindern könnten“. Beides führt letzten Endes zu höheren Kosten, so dass das eigentliche Ziel, das Gesundheitssystem wirtschaftlicher zu gestalten, nicht nur nicht erreicht, sondern ad absurdum geführt  wird. Hinzu kommt, dass durch die starke Kostenfokussierung bzw. deren nicht praxisgerechte Umsetzung, nicht nur der Patient leidet, auch Ärzte und Pflegepersonal bekommen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens zu spüren – immer weniger Personal soll für immer mehr Patienten sorgen und das nach Regeln, die von den Medizinern z.T. als menschlich grenzwertig angesehen werden.  

Der „Tipping Point“ ist erreicht: ein Appell an die Arztkollegen!

In Krisensituationen neigt der Mensch dazu, zu altbewährten Mitteln zu greifen. Die Politik versucht deshalb, durch diverse Maßnahmen und Budgeterhöhungen in ausgesuchten Bereichen, die Effizienz des Gesundheitssystems zu verbessern. Aus Sicht von Prof. Pramstaller wird „more oft he same“ die Probleme des Gesundheitswesens jedoch nicht lösen. Er sieht die Ärzte in der Pflicht, einen grundlegenden Gesinnungswandel herbeizuführen. Erst wenn die Ärzte sich quasi „selbst retten“ und die Entscheidungshoheit über die Therapie der Patienten von Klinikmanagement und Politik zurückerobern, kann dies die Medizin retten und damit das Gesundheitssystem.  

Erste Initiativen gibt es, so arbeitet die DGIM angesichts der zunehmenden Brisanz der Ökonomisierung an einem ethikbezogenen Kodex, der der Ärzteschaft einen Orientierungsrahmen und Hilfestellung anbieten soll und der in Kürze zur Verfügung stehen wird. Allerdings scheint Eile geboten, denn die öffentliche Kritik an einer falschen Priorisierung, an Fehlanreizen und an einer Patientenversorgung, die den eigenen Qualitätsansprüchen nicht mehr im gleichen Maße genügt, wird immer massiver.

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