Zöliakie Verlaufskontrolle

Univ.-Prof. Dr. K.-P. Zimmer, Abt. Allgemeine Pädiatrie & Neonatologie, Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin am UKGM Gießen und Kongresspräsident DGKJ 2015 München

Zöliakie-Verlaufskontrolle: Wie gut ist die kinderärztliche Betreuung?

Was macht die Zöliakie-Verlaufskontrolle so zeitintensiv?

Wenn ein Kind die glutenfreie Diät nicht einhält, liegt das oft nicht daran, dass es glutenhaltige Nahrungsmittel nicht erkennt. Oft sind es psychosoziale Probleme, die der Compliance im Wege stehen.

Ein Beispiel: Eine 16-jährige Patientin, die sich weigert, die glutenfreie Diät einzuhalten, kam mit einem daraus resultierenden blutenden Magengeschwür und einer Blutungsanämie zu uns. Auf die Frage nach dem Grund für ihr Verhalten gab sie an, die glutenfreie Diät würde „nicht schmecken“. Dieses Argument ist jedoch nicht nachvollziehbar, denn „lecker Kochen“ kann man auch glutenfrei. Zum Beispiel bietet die Deutschen Zöliakie Gesellschaft viele glutenfreie Rezepte und es gibt mittlerweile sogar Star-Köche wie Marcus Beran, die sich auf glutenfreie Küche spezialisiert haben.

Durch intensives Nachhaken stellte sich schließlich heraus, dass der „mangelnde Geschmack“ eine Schutzbehauptung war. Die 16-jährige lebt in extrem schwierigen Familienverhältnissen, hat massive Schulprobleme und würde dringend ein Umfeld benötigen, das ihr Bestätigung gibt und sie in die Lage versetzt, die glutenfreie Diät umzusetzen. Gerade bei jungen Menschen ist es sehr tragisch, wenn die Chance, durch die glutenfreie Diät gesund zu werden, nicht genutzt wird, zumal dann das Risiko für Folgeerkrankungen wie z.B. Lymphdrüsenkrebs, sehr hoch ist.  

Um all dies „herauszukitzeln“ benötigt man aber Zeit – in 8 Minuten erfährt man solche Dinge nicht.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Kinder mit Zöliakie besser betreut werden?

Wenn man den Arzt als unabhängige Instanz und als vertrauensvollen Ansprechpartner für den Patienten erhalten würde, wäre dies ein großer Qualitätsgewinn in der Grundversorgung. Außerdem wäre der Preis, den die Kassen dafür zahlen müssten, deutlich niedriger als dies heute der Fall ist. Das Element des Vertrauens, das verloren gegangen ist, wird heute durch teure Diagnostik bzw. Apparatemedizin ersetzt.

Den Patienten ist dabei häufig nicht bewusst, dass die Technik oder die Diagnostik heute Leistungen ersetzen, die früher ein Arzt durch Erfahrung, Zeit und Kenntnis des Patienten viel besser erbringen konnte.

Die Patienten bemerken es oft nicht, wenn sie gewisse Leistungen, die früher selbstverständlich waren, nicht mehr in gleichem Umfang erhalten, weil dies nicht mehr abrechenbar ist. Patienten sollten deshalb sehr kritisch hinterfragen, ob die Leistung, die sie bekommen, wirklich eine gute Leistung ist.

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