Leaky Gut löchriger Darm Tight Junctions

PD Dr. Miriam Stengel, Vorsitzende von MAGDA – das Patientenforum für MAGen-DArm-Störungen der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) und Ärztin an der Klinik für Innere Medizin am Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin

Leaky Gut-Syndrom – Tight Junctions – was ist dran an diesem Krankheitsbild?

Wie stellt man denn fest, dass der Patient einen „Leaky Gut“ hat bzw. dass der Darm durchlässig ist?

Mit einer normalen Darmspiegelung lässt sich ein „Leaky Gut“ nicht feststellen – um die „Löcher“ zu sehen, benötig man ein Elektronenmikroskop.

Mit einer molekularbiologischen Untersuchung, einer sogenannten PCR (Polymerase Chain Reaction), d.h. einer Polymerase-Kettenreaktion, kann man messen, dass verschiedene Tight Junction-Proteine bei CED-Patienten vermindert sind. Diese Untersuchungen sind jedoch sehr aufwändig und werden im Rahmen von Studien, nicht aber routinemäßig im klinischen Alltag durchgeführt.

Oft wird den Patienten angeboten, zur Diagnose eines Leaky Gut Syndroms das Zonulin im Blut zu bestimmen. Zonulin ist zwar ein „Tight Junction“-Protein, es ist aber auch ein sogenanntes „Akute-Phase-Protein“, d.h. es kann aus vielerlei Gründen erhöht sein. Dieser Laborwert hat deshalb im Zusammenhang mit den „Tight Junctions“ bisher noch keine wissenschaftlich-fundierte Relevanz und ist kein etablierter Marker.

Jedoch stellte kürzlich die Gruppe um Professor Giovanni Barbara aus Italien eine neue Studie vor, in welcher u.a. Messungen des Proteins Zonulin im Blut von 15 Gesunden, 15 Zöliakiepatienten und 15 Diarrhoe-prädominanten Reizdarmpatienten (RDS-D) verglichen wurden. Hier zeigte sich, dass sich die Zonulinproteinkonzentration im Blut deutlich unterschied: am höchsten war sie bei Zöliakie, gefolgt von RDS-D und Kontrollen.1) Möglicherweise gibt es hier bald weitere Neuigkeiten.

Kollegen an der Berliner Charité führen Tests durch, anhand derer man messen kann, welcher Teil des Magen-Darm-Traktes eine erhöhte Darmpermeabilität zeigt.  Dafür müssen die Patienten bestimmte Zuckerlösungen zu sich nehmen. Mit Sukrose, d.h. mit Haushaltszucker, überprüft man z.B. die Durchlässigkeit des Magens, mit Laktulose und Mannitol  die Permeabilität des Dünndarms und mit Sukralose die Durchlässigkeit des Dickdarms. Diese Untersuchungen werden bei mangelernährten bzw. untergewichtigen Patienten eingesetzt.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie vermuten, dass ein Patient eine Störung der „Tight-Junctions“ hat?

Eine Störung der „Tight Junctions“ ist aus meiner Sicht immer nur ein Teil der Erkrankung. Allein mit einem „durchlässigen Darm“ lässt sich das gesamte Ausmaß der Probleme eines Patienten nicht erklären. Es ist aus meiner Sicht deshalb nicht zielführend, sich mit der Therapie ausschließlich darauf zu konzentrieren, wie man die „Tight Junctions“ wieder „dicht“ bekommt. Vielmehr ist es wichtig, die eigentliche Ursache der Permeabilitätsstörung des Darms zu behandeln.

Insgesamt gibt es aktuell nur wenige Studien, die nachweisen können, wie sich die „Tight Junctions“ „dichter“ machen lassen bzw. wie sich eine erhöhte Durchlässigkeit des Darms vermindern lässt.

Man weiß aus Studien, dass Kortison, das zur Behandlung von CED eingesetzt wird, dazu führt, dass der auf den Epithelzellen des Darms sitzende Natriumtransporter vermehrt im Darm ausgebildet wird und dass es dadurch zu einer Symptomlinderung, speziell bei Durchfall, kommt.

Auch bestimmte Probiotika sollen dafür geeignet sein, die Zellkontakte der „Tight Junctions“ wieder zu normalisieren. Insbesondere bei Blähungen und Schmerzen, die auch Ausdruck einer erhöhen Durchlässigkeit des Darms sein können, soll es positive Effekte geben. Die aktuelle Studienlage hierzu ist jedoch nicht eindeutig.  

Kürzlich wurden erste Ergebnisse aus einer Studie zum Medikament Larazotid bei Zöliakie berichtet.2) Larazotid reguliert „Tight Junctions“, indem es die Integrität der Darmwand verbessert, Immunreaktionen reduziert und somit weniger Glutenmoleküle durchlässt. In der klinischen Studie wurde es über 12 Wochen bei Patienten mit Zöliakie, die trotz glutenfreier Ernährung noch Symptome hatten, dreimal täglich verabreicht und führte zu einer signifikanten Reduktion gastrointestinaler und nicht-gastrointestinaler Symptome.

Insgesamt gibt es derzeit viele wissenschaftliche Entwicklungen zum Thema „Leaky Gut“, sodass es sicherlich bald neues zu vermelden gibt.

Frau Privatdozentin Stengel, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen

1) Barbara G, et al. Abstract OP269. UEG Week; Okt. 24-27, 2015; Barcelona, Spain

2) (Referenz: Gastroenterology. 2015 Jun;148(7):1311-9.e6. doi: 10.1053/j.gastro.2015.02.008. Epub 2015 Feb 13. PMID: 25683116).

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