Zöliakie Leitlinie

Frau Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart

Die neue Zöliakie-Leitlinie: Was ist wichtig für die Betroffenen?

Wird mit der neuen Zöliakie-Leitlinie die Diagnose der Zöliakie leichter?

Natürlich gibt es immer Untergruppen und komplexe Fälle, bei denen die Diagnose ausgesprochen schwierig zu stellen ist. Für den Großteil der Patienten ist die Leitlinie aber eine gute Grundlage für ein systematisches Vorgehen.

Erstmals wird in der Zöliakie-Leitlinie die Glutensensitivität oder auch Weizensensitivität erwähnt. Warum hat man sich entschlossen, dieses neue Krankheitsbild aufzunehmen?

Teil der Diagnose der Zöliakie ist es, die Erkrankung von anderen Krankheitsbildern, die ebenfalls mit Gluten in Verbindung stehen, abzugrenzen. Heutzutage ist diese Abgrenzung wichtiger denn je, denn wir wissen zunehmend mehr über die möglichen Auswirkungen von Gluten und die dadurch möglicherweise verursachten Krankheitsbilder.

Bei der Erarbeitung der Leitlinie war es uns wichtig, das Krankheitsbild Zöliakie exakt zu definieren und dazu gehört auch eine Abgrenzung und Beschreibung des Krankheitsbildes Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität. Im übertragenen Sinne könnte man sagen, wir haben die „Fahrbahnbegrenzung abgesteckt“ um die „Fahrtrichtung Zöliakie“ exakter definieren zu können. Umgekehrt ist es für die Patienten mit einer Weizensensitivität wichtig zu wissen, wie diese Erkrankung definiert wird und wie sie sich von der Zöliakie unterscheidet.

Weiß man, wie viele Menschen unter einer Weizensenitivität leiden?

Man kann vermuten, dass es sich bei den Patienten mit Weizensensitivität um eine relativ große Gruppe handelt. Prof. Alessio Fasano kam in einer Studie auf ca. 6 bis 7 Prozent der Bevölkerung in den USA. Hier werden weitere Untersuchungen wichtig werden, um diese Zahlen besser abschätzen zu können.

Diese Zahlen sind sehr schwierig zu ermitteln, solange es keinen definitiven Marker für die Erkrankung gibt. Umso wichtiger ist eine sichere Abgrenzung zur deutlich kleineren Gruppe der Zöliakie-Patienten.  

Hinzu kommt, dass sich in der Gruppe von Weizensensitivität-Patienten eventuell auch jene befinden, die eine nicht IgE-positive Weizenallergie haben oder die unter anderen Unverträglichkeitsreaktionen leiden. Es gibt auch andere Inhaltsstoffe des Weizens wie z.B. die Lektine, die für Symptome sorgen können. Auch FODMAP-Unverträglichkeiten, hervorgerufen durch einen zu hohen Kohlenhydrat-Konsum können zu Beschwerden führen. Gerade die glutenhaltigen Getreide enthalten einen recht hohen Anteil dieser Kohlenhydrate und mehrwertigen Alkohole. All diese Patienten würden unter einer glutenfreien und kohlenhydratarmen Diät beschwerdefrei. 

Man hat den Eindruck, dass bei der Weizensensitivität unter Experten recht kontrovers diskutiert wird, ob es die Erkrankung überhaupt gibt…

In seinem Buch „Die ganze Wahrheit über Gluten: Alles über Zöliakie, Glutensensitivität und Weizenallergie“ geht Prof. Alessio Fasano auf diese kontroverse Diskussion ein. Er beschreibt, dass er vor 15 Jahren in den USA die gleichen Diskussionen mit der Erkrankung Zöliakie erlebt hat. Damals gab es für die Zöliakie auch noch keinen sicheren Test, und viele Mediziner haben deshalb bestritten, dass es die Erkrankung gibt. Erst nachdem er den Nachweis antreten konnte, begann man, das Krankheitsbild zu akzeptieren.

Prof. Fasano sieht gewisse Parallelen zur damaligen Debatte in der aktuellen Diskussion zur Weizensensitivität.

Wie schon gesagt, können wir diese Diagnose ja bislang nur vermuten, wenn man andere Ursachen ausschließen kann. Die Überschneidung, dass die glutenhaltigen Getreide so viele Inhaltsstoffe haben, auf die potentiell reagiert werden kann, macht die Einschätzung tatsächlich schwierig. Reduziert man Gluten, werden auch viele andere Inhaltsstoffe vermindert. Neue Studien, die auch mit ATIs, den vermuteten Auslösern der Glutensensitivität, durchgeführt werden sollen, können uns vielleicht mehr Aussage bringen. Wenn man dann noch eindeutige Parameter hat, wird man hier klarer sehen.

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