Kitchenpunk Bea Schulz

Kitchenpunk Bea Schulz kocht "frei von"

Kitchenpunk Bea Schulz zur „Frei von“-Restaurant-Szene in Deutschland

Du bist viel unterwegs, wie sieht der Umgang mit Intoleranzen in der Gastronomie des Auslands aus?

bea schulz beim marktcheckBea Schulz beim Stöbern nach interessanten ProduktenIm Sinne von Aufklärung und Wahrnehmung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten in der Gastronomie würde ich England ganz klar auf Platz 1 setzen. In jedem Restaurant gibt es glutenfreie Speisekarten und alles ist gekennzeichnet. Selbst in jedem Pub weiß die Kellnerin Bescheid. Mein Lieblingsbeispiel: Domino’s Pizza ist eine typische Fast Food Kette, die aber nichtsdestotrotz glutenfreie Pizza im Angebot hat. Der Pizzateig wird fachgerecht auf separaten Brettern verarbeitet und kommt auf separaten Blechen in den Ofen. Einmal wollte ich es wirklich wissen und bin mitten in der Nacht in eine der Domino’s Pizza Filialen gegangen und hab eine Pizza Peperoni bestellt. Daraufhin hat mir der Mitarbeiter erklärt, ich könnte fast jeden Belag wählen, aber leider nicht Peperoni, weil in der Wurst Gluten enthalten ist. Das ist ein unfassbar hohes Awareness Niveau im Vergleich zu Deutschland!

Nach England sind Spanien und Italien auch sehr gut, wenn es um die Allergenkennzeichnung geht, diese Länder sind aus meiner Sicht auf Platz 2. Amerika würde ich auf den dritten Platz setzen, allerdings nur in bestimmten Regionen. In Bundesstaten, die sehr „health- und lifestyleorientiert sind“, wie z.B. Kalifornien und New York, ist das Niveau sehr hoch und im Mittleren Westen, z.B. in Oregon und Nebraska gibt es sogar komplett glutenfreie Restaurants. Andere Bundesstaten wiederum, wie z.B. New England und New Hampshire sind noch nicht so weit. Deutschland kommt dann irgendwo unter „ferner liefen“.

Der Event Director der Allergy & Free From Messe, David McAllister hat mich gefragt, wann aus meiner Sicht Deutschland den Level in Bezug auf Allergy Awareness den Level von England erreichen wird und ich denke das wird noch drei bis vier Jahre dauern.

Gibt es in England denn nicht, ähnlich wie in Deutschland, administrative Auflagen, die den Wirten das Leben schwer machen?

In England herrscht ein knallharter Konkurrenzkampf und die Gastronomie dort ist extrem transparent. Jedes Restaurant hat seine Speisekarte auf der Homepage und es wird permanent über alles getwittert. Egal, wie gut in einem Restaurant gekocht wird, wenn in England ein Szenerestaurant aufmacht und ein Foodblogger bekommt dort kein glutenfreies Angebot oder trifft auf einen uninformierten Kellner, wird das Restaurant sofort „verrissen“ und verliert sofort Kunden. Es liegt also im eigenen Interesse der Restaurants, wirklich alles dafür zu tun, dass alle Kunden jederzeit zufrieden gestellt werden – und das gilt nicht nur in Bezug auf glutenfreie Angebote.

Der Gastronomiemarkt in England, insbesondere London, ist einer der kompetitivsten weltweit. Die Gastronomen gehen deshalb mit einem unvorstellbar hohen Anspruch an ihre Projekte heran – wenn man das nicht will oder kann, sollte man gar nicht erst anfangen, weil man sofort untergeht.

Bedeutet das, wir brauchen in Deutschland mehr Konkurrenz in der Gastronomie oder sollten deutsche Kunden mehr fordern?

Das größte Problem in Deutschland ist, dass es hier unglaublich kompliziert ist, ein gastronomisches Gewerbe zu eröffnen. Zunächst muss man mit einer Investition von ca. 250.000 € rechnen, um das erste Jahr auch sicher zu überleben – und ich rede hier nicht von einem Gourmet Tempel. Und dann hatten wir ja schon darüber gesprochen, dass in Deutschland ein ganzer Rattenschwanz an Bürokratie auf die Gastronomen zukommt. In England ist das anders. Dort braucht man auch eine Konzession und auch das Kapital, aber dann kann man einfach loslegen, ohne bürokratische Hürden. Das Gründertum und der Pioniergeist wird in England einfach mehr unterstützt. Ich kann mir deshalb auch nicht vorstellen, jemals selbst ein Restaurant in Deutschland aufzumachen.

Und was viele nicht wissen: Die britische Regierung hat ein substanzielles Budget für gesundheitliche Aufklärung bereitgestellt. Schon für Grundschulen gibt es Kampagnen, in denen Kinder z.B. über Zöliakie und Laktoseintoleranz aufgeklärt werden, damit es nicht zu Mobbing kommt.

Wer führt in England diese Kampagnen, z.B. zu Zöliakie, durch?

Die CoeliacUK, die englische Zöliakie-Organisation, führt diese Kampagnen für Zöliakie an den Schulen durch. Vorgegeben werden die Kampagnen jedoch von der Regierung, die das Thema auch über die Krankenkassen und Ortsverbände unterstützt. Die Kampagnen in England finden also von Anfang an auf einem viel höheren Level statt.

Man vergleiche: In Deutschland ist die Deutsche Zöliakie Gesellschaft ein Verein, der aus eigenen Kräften die Aufklärung übernehmen muss – ein himmelweiter Unterschied!

Aber auch der TV-Koch Jamie Oliver hat mehrere Kampagnen gestartet, um das Essen an den Schulen zu verbessern. Das hat viele wachgerüttelt und ganz generell zum Umdenken beigetragen.

Liebe Bea, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.