Diabetes mellitus

Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart

Zöliakie und Diabetes mellitus: Wie häufig treten sie zusammen auf?

Besteht bei Diabetes und Zöliakie das Risiko für weitere Erkrankungen?

Es gibt bei den endokrinologischen Autoimmunerkrankungen Syndrome, die besonders häufig zusammen auftreten und zwar Zöliakie, Diabetes und Hashimoto. Dabei können die Erkrankungen in unterschiedlichen Kombinationen auftreten und nicht immer müssen alle drei gemeinsam auftreten. Häufig findet man jedoch zwei der genannten Autoimmunerkrankungen kombiniert.

Eine holländische Studie hat die Zusammenhänge zwischen Diabetes und anderen Autoimmunerkrankungen untersucht. Daraus geht hervor, dass ca. 5 bis 30 Prozent der Typ 1-Diabetes-Patienten autoimmune Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow  entwickeln. Bei 5 bis 10 Prozent kommt es zu einer chronischen Gastritis und/oder einer Perniziösen Anämie. Bei 4 bis 9 Prozent der Diabetiker wird eine Zöliakie festgestellt, bei 0,5 Prozent kommt es zu Morbus Addison und bei 2 bis 10 Prozent der Patienten tritt Vitiligo auf, auch Weißfleckenkrankheit genannt.1)

Gibt es Dinge, auf die Diabetiker mit Zöliakie besonders achten müssen?

Die Symptome bzw. die mit der glutenfreien Ernährung einhergehenden Probleme sind bei Diabetikern mit Zöliakie die gleichen wie bei anderen Zöliakie-Patienten.

Bei Diabetikern mit Zöliakie kann es aber vorkommen, dass die Diabetes vor der Zöliakie-Diagnose besser eingestellt war. Der Grund: Die glutenfreie Diät kann sich auf die diabetische Stoffwechsellage auswirken, weil die bei Zöliakie gestörte Darmschleimhaut eben auch die Kohlenhydrate aus der Nahrung nicht so gut aufgenommen hat. Erholt sich die Schleimhaut, verbessert sich auch die Kohlenhydrataufnahme und es kann zu einem erhöhten Insulinbedarf  kommen. Gerade zu Beginn der glutenfreien Diät können die Zuckerwerte eines Diabetikers etwas schwanken.

Eine bei Diabetikern häufige Diabeteskomplikation, die dann auftritt, wenn der Patient schlecht  eingestellt ist, sind Mikroangiopathien, d.h. Gefäßveränderungen der kleinen Blutgefäße. Besteht zusätzlich zur Diabetes eine Zöliakie, von der die Erkrankten nichts wissen oder halten sie die glutenfreie Diät nicht gut ein, kommt es deutlich häufiger zu diesen Gefäßveränderungen. Gleiches gilt übrigens auch für die diabetische Retinopathie und Nierenschäden. Deshalb ist es für Diabetiker sehr wichtig zu wissen, ob sie auch eine Zöliakie haben.

Die größte Herausforderung im Alltag liegt bei Diabetikern darin, eine gute glutenfreie Ernährung zu gestalten. Das liegt daran, dass sich die Ernährungsanforderungen der beiden Erkrankungen Diabetes und Zöliakie ein wenig „in die Quere kommen“. Bei Diabetes strebt man eine relativ gleichmäßige und langsame Resorption der Kohlenhydrate an der Schleimhaut an. Das soll gewährleisten, dass der Blutzuckerspiegel im Anschluss an eine Mahlzeit nicht so rasch ansteigt. Ein zu hoher Blutzuckerspiegel muss über eine Insulingabe abgefangen werden, sinkt dadurch stark ab und ein Kreislauf beginnt. Insgesamt führt dieser Kreislauf immer wieder zu Ausschlägen des Blutzuckerspiegels und zu hohen Insulingaben. Man versucht also bei Diabetes, genau diesen Kreislauf zu vermeiden und dabei hilft ballaststoffreiche Mahlzeiten, z.B. mit Vollkornbrot, die den Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen lassen. Glutenfreie Produkte sind aber meist eher arm an Ballaststoffen und die enthaltenen Kohlenhydrate werden dadurch sehr schnell resorbiert. Dies kann man eventuell durch höhere Gaben an Fett und Eiweiß ausgleichen. Man muss aber aufpassen, dass dies keine negativen Auswirkungen auf das Gewicht hat. Diabetiker mit Zöliakie profitieren deshalb von der Beratung durch eine Ernährungsfachkraft.

Frau Dr. Baas, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Type 1 diabetes and autoimmune polyglandular syndrome: a clinical review, Van den Driessche A, Eenkhoorn V, Van Gaal L, De Block C., Neth J Med. 2009 Dec;67(11):376-87

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