ATI Zöliakie Weizensensitivität

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan

ATIs: Ein Faktor bei Zöliakie und Weizensensitivität

Inwieweit ist das Krankheitsbild Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität in der Ärzteschaft bekannt?

Die Daten aus unseren Untersuchungen sind noch relativ neu und die meisten Daten haben wir noch gar nicht publiziert. Dementsprechend ist das Krankheitsbild Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität in der Ärzteschaft noch nicht so bekannt. Auch unter den Ernährungsberatern herrscht in Bezug auf die Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität noch viel Unsicherheit. U.a. auf ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen kann ich dies aber zunehmend vermitteln.

In der Presse konnte man lesen, dass es sich bei den ATIs um Proteine von Genen handelt, die in den Weizen "hineingekreuzt" wurden, um dessen Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge zu erhöhen….

Das ist so nicht richtig, wird aber in der Presse immer wieder falsch wiedergegeben. Die ATIs sind spontan vorhandenen Gene, die nicht „hineingekreuzt“ wurden, sondern schon immer da waren, zumindest in den etwas kultivierteren Weizensorten.

In ganz alten Weizensorten findet man im Vergleich zum modernen Weizen nur 1/5 Anteil an ATIs. Beim Einkorn, das ist eine Ursorte des Weizens, der heute selbst im Reformhaus kaum noch erhältlich ist, gibt es sogar eine alte Sorte, die keinerlei ATIs enthält.

In den moderneren Weizensorten ist der Anteil dieser Gene durch Züchtung lediglich etwas bzw. zum Teil deutlich erhöht, maximal jedoch nur um den Faktor 2 oder 3. Das ist relevant, aber nicht dramatisch.

Zum Vergleich: Dinkel enthält ca. halb so viel und Emmer enthält etwa ein Drittel oder ein Viertel der ATIs von modernem Weizen. Letztendlich enthalten alle glutenhaltigen Getreidesorten ATIs, die modernen Getreidesorten in höherem Maße als die älteren Sorten.

Sind ATIs außer im Weizen auch in anderen modernen Hochleistungsgetreidesorten enthalten, d.h. findet man sie auch in hochgezüchteten Gemüse- und Obstsorten?

Wir haben unsere Forschungen zu ATIs in Obst und Gemüsesorten bisher noch nicht publiziert, aber unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Obst und Gemüse keinerlei relevante ATI-Aktivität enthält. Relevant sind ATIs hauptsächlich bei Weizen, Gerste und Roggen, d.h. ihre Aktivität ist ganz stark an den Glutengehalt gekoppelt.

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Menschen, die generell auf Weizen verzichten…

Für über 90 Prozent der Bevölkerung ist Weizen wahrscheinlich nicht schädlich.

Deshalb sind pseudowissenschaftliche Bücher zum Thema Weizen nicht zu empfehlen. William Davis, z.B., der Autor von "Weizenwampe", ist Kardiologe und schreibt über metabolische Prozesse und insbesondere den Gastrointestinaltrakt. Ein weiterer Bestsellerautor ist ein Neurologe, David Perlmutter, der "steile" Hypothesen zur ursächlichen Rolle von Weizen bei sogenannten neurodegenerativen Erkrankungen (z.B. M. Alzheimer oder Demenz) aufstellt. Beide Autoren konnten ihre Theorien bisher allerdings nicht wissenschaftlich belegen.

Eine "kleine Wahrheit" enthalten solche Publikationen meist doch: "Wenn man zu viel Weizen, Kohlenhydrate etc. isst, nimmt man zu." "Wenn man überwiegend Vollkornprodukte isst, nimmt man weniger stark zu." Das sind aber Binsenweisheiten, die schon lange bekannt sind!

Und um auf die ATIs zurück zu kommen: Wenn im Weizen bzw. in bestimmten anderen Getreidesorten ATIs vorhanden sind, die Entzündungen verstärken, kann es bei Menschen, bei denen chronische Entzündungen bestehen – das sind ca. 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung, zu einer Verstärkung der Entzündungsreaktionen und so zu einer Verstärkung der Symptome kommen.

In unseren Tiermodellen haben wir diesen Effekt gesehen. Z.B. lassen sich bei der zentralnervösen entzündlichen Erkrankung Multiple Sklerose die Symptome durch die orale Zufuhr von ATIs verstärken, d.h. diese verstärkende Wirkung kann auch das Zentralnervensystem betreffen.

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