Zöliakie Glutensensitivität extraintestinale Symptome

Prof. Dr. med. Yurdagül Zopf, Leiterin des Schwerpunktes Ernährung und Fachärztin für Innere Medizin am Universitäts-klinikum Erlangen

Zöliakie – Glutensensitivität: Es gibt auch extraintestinale Symptome!

Heißt das, es wäre sinnvoll, Patienten mit psychischen Problemen grundsätzlich auf eine eventuelle Zöliakie oder Glutensensitivität zu untersuchen?

Es wäre durchaus eine sinnvolle Maßnahme, Patienten mit psychischen Störungen wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken und Burnout auf Zöliakie und Glutensensitivität zu untersuchen und es gibt bereits Kliniken, die das systematisch machen.

Es gibt übrigens auch noch andere Erkrankungen bei denen man festgestellt hat, dass eine glutenfreie Kost die Symptome lindern kann. Dies ist z.B. beim Fibro-Myalgie-Syndrom (FMS) der Fall. Dabei handelt es sich um ein Schmerz-Syndrom, mit einer bestimmten Schmerzkonstellation, die sich durch diffuse Schmerzen, u.a. an den Gelenken auszeichnet. Da man einen Zusammenhang zwischen dem FMS und der Ernährung vermutete, hat man in Kliniken, die sich auf das Fibro-Myalgie-Syndrom spezialisiert haben, eine Studie durchgeführt, in der man diese Patienten auf eine glutenfreie Ernährung umgestellt hat. Ein ganz großer Anteil dieser Patienten hatte unter glutenfreier Kost keine Schmerzen mehr.

Treten diese extraintestinalen Symptome dann zusammen mit den intestinalen Symptomen auf oder kann es auch sein, dass man bei Zöliakie oder Glutensensitivität keinerlei intestinale Beschwerden hat?

Sowohl bei der Zöliakie als auch bei der Glutensensitivität können die Patienten primär extraintestinale Symptome aufweisen, auch ohne zusätzlich intestinale Beschwerden zu haben. Z.B. gibt es Patienten, die nur eine leichte Depression haben.

Es gibt auch Patienten, die eigentlich gar keine Beschwerden hatten, z.B. wenn Zöliakie eine Zufallsdiagnostik ist und die sich dann unter glutenfreier Kost mental besser und leistungsfähiger fühlen. Zu einer solchen Zufallsdiagnostik kann es z.B. dann kommen, wenn im Rahmen von Zöliakieerkrankungen bei Kindern nahe Verwandte ebenfalls auf Zöliakie untersucht werden und sich dabei zeigt, dass sie ebenfalls eine Zöliakie haben.

Ein anderer Fall aus meiner Praxis ist eine 67-jährige Patienten, die massiven Haarausfall hatte. Auch hier ergaben die Untersuchungen, dass sie unter einer Zöliakie litt. Sie war erst mit 67 Jahren erstmals auf diese Erkrankung untersucht worden. Dies ist ein weiteres Beispiel für Symptome der Zöliakie, die eben nicht den Magen-Darm-Trakt betreffen.

Heißt das, dass es in diesen Fällen zu keinen intestinalen Beschwerden kommt, so dass der behandelnde Arzt eine Zöliakie nicht in Erwägung zieht?

Ganz genau. Viele Kollegen, die sich mit Erkrankungen wie Zöliakie oder Glutensensitivität nicht so oft beschäftigen, gehen davon aus, dass der Magen-Darm-Trakt involviert sein muss. Deshalb denken sie nicht an diese Diagnose und führen auch die entsprechenden Untersuchungen nicht durch.

Hinzu kommt, dass manchmal nicht adäquat ausgebildete Berater Ernährungsempfehlungen aussprechen, ohne zuvor eine solide Diagnose gestellt zu haben. Ohne Diagnostik sollte man aber nicht auf eine glutenfreie Ernährung umstellen u.a. auch deshalb, weil dies eine Diagnose unmöglich macht.

Ein weiterer Punkt ist, dass Untersuchungen zur Diagnose von Zöliakie auch von Medizinern manchmal nicht korrekt durchgeführt werden. Wenn ein Patient sich bereits glutenfrei ernährt, liegen die im Blut vorhandenen Antikörper unterhalb der Bestimmungsschwelle und sind nicht mehr nachweisbar. Das Ergebnis der Blutuntersuchungen wird dann falsch negativ sein. Genauso ist bei einer Biopsie des Dünndarms eine Entzündung der Darmschleimhaut nicht mehr nachweisbar.

Um eine valide Diagnose durchführen zu können, müssen die Patienten dann für vier Wochen täglich mindestens 10 bis 15 g Gluten essen, damit man die Antikörper wieder nachweisen kann. Es werden jedoch von nicht spezialisierten Ärzten immer wieder Zöliakie Untersuchungen durchgeführt, obwohl der Patient unter glutenfreier Kost ist und das führt dann natürlich zu falschen Diagnosen.

Hinzu kommen die IgG-Tests, die aus medizinischer Sicht allgemein nicht anerkannt sind. In diesen Tests werden viel zu viele falsch positive Werte angegeben. Es gibt zwar immer wieder Patienten, die berichten, dass es ihnen deutlich besser ging, nachdem sie alle Lebensmittel, die im IgG-Test als problematisch ausgewiesen wurden, weggelassen haben. Dies liegt aber daran, dass bei der Vielzahl der verbotenen Nahrungsmittel die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass auch das unverträgliche Nahrungsmittel dabei ist. Eine gezielte Diät ist das aber nicht und irgendwann stellt sich dann eine Mangelernährung ein, die auch wiederum Beschwerden verursachen.

All diese Gründe führen dazu, dass auch heute noch zwischen 5 und 10 Jahren dauern kann, bis eine Zöliakie-Diagnose gestellt wird. Es ist unglaublich, dass die Diagnose teilweise noch so lange dauert. Bei den intestinalen Beschwerden denkt man noch am ehesten an die Zöliakie. Aufgrund der extraintestinalen Symptome stellen sich die Patienten nicht immer primär bei einem Gastroenterologen vor. Kollegen aus den anderen Fachbereichen denken wahrscheinlich nicht so sehr an die Zöliakie.

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