Psychische Folgen Zöliakie

Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart

Zöliakie: Welche psychischen Folgen können auftreten? Was kann helfen?

Sie erwähnten die Gefahr der Angststörungen bei Zöliakie - wie äußern sich diese?

Angststörungen können sich dadurch äußern, dass die Betroffenen sich grundsätzlich "ängstlicher" in verschiedensten Lebensbereichen verhalten. Menschen mit Zöliakie können aber auch mit Ängsten reagieren, wenn trotz glutenfreier Ernährung die Symptome nicht abklingen.

Konkret können Zöliakiepatienten aber auch Angst vor möglichen Folgeerkrankungen der Zöliakie entwickeln, z.B. als Folge von Diätfehlern. In diesem Zusammenhang berichten viele Patienten insbesondere über ihre Angst vor möglichen Tumorerkrankungen.

Auch jüngere Patienten, die vielleicht gerade eine Familie gegründet haben, entwickeln nicht selten Ängste. Zum einen fürchten sie, als Folge der Zöliakie an zusätzlichen Unverträglichkeiten, wie z.B. Laktoseintoleranz, Fructosemalabsorption oder Histaminintoleranz zu erkranken und sich somit weiter in ihrer Ernährung einschränken zu müssen. Des Weiteren spielt auch die Angst vor anderen Autoimmunerkrankungen oder einem Tumor eine Rolle. Zum anderen haben junge Erwachsene oft Angst davor, dass sie die Erkrankung an ihre Kinder vererben könnten.

Manche von Zöliakie Betroffene entwickeln auch große Angst vor einer möglichen Kontamination ihrer Nahrung im eigenen Haushalt oder sie trauen sich aus Angst vor Kontaminationen nicht mehr, außer Haus essen zu gehen.

Menschen mit Zöliakie sind ja gehalten, lebenslang auf Gluten zu verzichten und die entsprechenden Nahrungsmittel strikt zu meiden. Wie weiß der Patient, ob sein Verhalten noch gerechtfertigt ist oder ob er in Gefahr ist zu große Ängste zu entwickeln?

Es kann für Zöliakiepatienten ausgesprochen schwierig werden, gesunde Vorsicht von übergroßer Angst zu unterscheiden. Es kommt ja schließlich nicht so selten vor, dass die Erkrankung Zöliakie vom Umfeld nicht ernst genommen wird. Wenn man als Zöliakie-Betroffener erlebt, dass es Menschen gibt, die glauben, dass geringe Mengen an Gluten auch Menschen mit Zöliakie "sicher nicht schaden können", gerät man leicht in eine defensive Position gegenüber seinem Umfeld und bestätigt vehement die diätetischen Anforderungen für die eigene Gesundheit.

Meist merkt der Patient selbst nicht, dass er eine zu große Angst entwickelt hat und es sind eher die Menschen in seinem Umfeld, denen ein verändertes Verhalten auffällt. Deshalb könnte z.B. ein behutsames Nachfragen von engen Freunden oder Verwandten ein erster Hinweis für die Betroffenen sein.

Ein Schutz vor dieser Angst kann das verlässliche Wissen darüber sein, was gefahrlos gegessen werden kann und was nicht. Hier ist die fachliche Beratung eines spezialisierten Arztes und Ernährungsberaters eine große Hilfe.

Ein sicherer Hinweis darauf, dass es Zeit ist, sich professionelle Hilfe zu suchen, ist, wenn das Thema Zöliakie alle Gedanken beherrscht und der Leidensdruck trotz aller beschriebenen Maßnahmen zu groß wird. Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn ein Zöliakie Patient aus Angst vor Kontamination kein Besteck mehr benutzen möchte, ist das ein Zeichen für übergroße Ängste.

Was empfehlen Sie Ihren Zöliakiepatienten, wenn Sie den Eindruck haben, dass psychische Beschwerden überhand nehmen?

Zunächst ist es wichtig zu klären, um welche Ängste es sich konkret handelt. Ist es die Angst vor körperlichen Symptomen, vor Folgeerkrankungen oder vor gesellschaftlicher Ausgrenzung, die dem Patienten das Leben schwer macht? Wenn es fest steht, wovor der Patient Angst hat, ist der nächste Schritt die medizinische Aufklärung. Hier ist es wichtig, dem Patienten konkret darzulegen, welche Risiken vorhanden sind und in welchem Maße. In vielen Fällen zeigt sich dann, dass das Risiko, z.B. als  Folge einer Zöliakie an einem Tumor zu erkranken, nicht so groß ist, wie befürchtet.

Eine weitere Maßnahme wäre, eine qualifizierte Ernährungsberatung und eventuell auch eine Begutachtung des Haushalts, um Kontaminationsquellen zu ermitteln bzw. Schwachstellen zu beseitigen. Ist der eigene Haushalt "sicher", schafft dies auch persönliche Sicherheit bzw. Freiräume.  

Sollten sich die psychischen Beschwerden aber nicht bessern, würde ich eine Behandlung bei einem Psychologen, Neurologen oder Experten für psychosomatische Erkrankungen empfehlen.

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