Psychische Folgen Zöliakie

Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart

Zöliakie: Welche psychischen Folgen können auftreten? Was kann helfen?

Die Diagnose "Zöliakie" bedeutet für die Betroffenen, dass sie ihr Essverhalten radikal umstellen müssen. Auch das Essen in der Gemeinschaft und in Restaurants oder bei Freunden ist nicht mehr so einfach wie bisher. Nicht alle Menschen mit Zöliakie können sich so ohne weiteres mit diesen Einschränkungen abfinden und dadurch kann auch die Psyche leiden. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart über psychische Folgen bzw. Beschwerden, die im Zusammenhang mit Zöliakie auftreten können und wie man damit umgehen kann.

Frau Dr. Baas, weiß man wie viele Menschen mit Zöliakie auch psychisch unter der Erkrankung leiden?

Es gibt noch nicht so viele Untersuchungen zu der Frage, wie viele Menschen mit Zöliakie auch psychische Probleme haben und man kann vermuten, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist.

Wenn Studien zum Thema "Zöliakie und Psyche" durchgeführt werden, ist die Zahl derer, die angeben auch psychisch unter der Zöliakie zu leiden, beachtlich. Bei einer Studie aus dem Jahr 2012, z.B., an der  177 zöliakieerkrankte Frauen teilnahmen, berichteten 37 Prozent über depressive Beschwerden und 22 Prozent über Essstörungen.1)

Bei einer anderen Untersuchung aus dem Jahr 2010 wurde die Qualität des Schlafes von Zöliakiepatienten unter glutenfreier Diät und ohne glutenfreie Diät mit der Schlafqualität gesunder Menschen verglichen. Dabei hat sich gezeigt, dass Schlafstörungen bei Menschen mit Zöliakie ein häufiges Phänomen sind. Dies war selbst dann der Fall, wenn sie sich glutenfrei ernährten. Da Schlafstörungen in einem engen Zusammenhang mit Depressionen, Angststörungen und Fatigue, d.h. Erschöpfungszuständen, stehen, sind diese Studienergebnisse als Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Zöliakie und psychischen Beschwerden zu bewerten.2)

Grundsätzlich gibt es viele psychische Beschwerden, die im Zusammenhang mit einer Zöliakie auftreten können. Relativ häufig berichten die Patienten aber über Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen und Essstörungen, wobei letztere bisher selten untersucht werden.

Allerdings: Psychische Störungen können sich durchaus auch über organische Beschwerden bemerkbar machen – das wäre dann der Bereich Psychosomatik. Anhaltende Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder migräneartigen Beschwerden können z.B. psychische Ursachen haben. Auch eine Fibromyalgie, das ist eine Erkrankung, bei der u.a. Muskelschmerzen an unterschiedlichen Körperstellen auftreten können, oder Knochen- und Bindegewebsbeschwerden können mögliche Symptome sein. 

Sind Essstörungen bei Zöliakie denn auch ein häufiges Phänomen?

Wie gesagt, gibt es zum Thema Essstörungen und Zöliakie noch nicht so viele Studien. Allerdings liegt es nahe, dass es bei einer Erkrankung wie der Zöliakie, bei der die "richtige", nämlich die glutenfreie Ernährung, eine so zentrale Rolle im Leben der Patienten spielt, zu Essstörungen kommen kann. Schließlich müssen sich Zöliakie Patienten in erheblichem Maße mit ihrem Essverhalten umstellen und fühlen sich dadurch oftmals auch im Umgang mit ihrem sozialen Umfeld beeinträchtigt.

Insbesondere wenn Jugendliche mit der Diagnose Zöliakie konfrontiert werden, kann die Gefahr bestehen, dass sie eine Essstörung entwickeln. Jugendliche wollen "dazugehören" und wenn sie dann ihre gewohnte Ernährung radikal umstellen müssen, kann das durchaus zu Problemen führen. Mögliche Reaktionen können entweder eine schlechte Compliance sein, indem sie sich nicht immer an die Diät halten oder im anderen Extrem die Nahrungsverweigerung – beides ist gleichermaßen gefährlich.

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