Glutensensitivität

Prof. Dr. med. Wolfgang Holtmeier, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Diabetologie und Innere Medizin im Krankenhaus Porz am Rhein in Köln.

Glutensensitivität – ein umstrittenes Krankheitsbild

Die Glutensensitivität wird unter Experten kontrovers diskutiert. Das liegt unter anderem an der Art und Weise, wie die Glutensensitivität aktuell diagnostiziert wird, denn dies erfolgt lediglich über Ausschlussdiagnosen. Man geht dann davon aus, dass eine Glutensensitivität vorliegt, wenn die Tests auf Zöliakie und Weizenallergie negativ verliefen, unter einer glutenfreien Diät jedoch eine Besserung der Symptome eintritt. Es handelt sich bei der Glutensensitivität also – ähnlich wie bei der Histaminintoleranz - um eine Erkrankung, die zwar zunehmend in Erscheinung tritt, aber nicht eindeutig diagnostizierbar ist. Lediglich die Symptombesserung unter glutenfreier Diät gilt als Nachweis. Über ein noch nicht vollständig erforschtes Krankheitsbild sprach MeinAllergiePortal mit Prof. Dr. med. Wolfgang Holtmeier, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Diabetologie und Innere Medizin im Krankenhaus Porz am Rhein in Köln.

Herr Prof. Holtmeier, das Krankheitsbild Glutensensitivität ist unter Experten umstritten. Wie beurteilen Sie das Krankheitsbild? Wie beurteilen Sie die Diskussionen?

Die z.T. recht "aufgeregt" geführte Diskussion um die Glutensensitivität erklärt sich u.a. dadurch, dass es sich bei der Diagnose um eine Ausschlussdiagnose handelt. Das heißt, es gibt für die Glutensensitivität keinen Befund oder Laborwert, der eine eindeutige Diagnose ermöglicht. Diese Situation ist für die Ärzteschaft aus medizinischer Sicht nicht zufriedenstellend, denn man ist in der Medizin ja bestrebt, etwas Konkretes "in der Hand" zu haben.

Interessanterweise liegt beim Krankheitsbild "Reizdarm" eine ähnliche Situation vor. Auch hier gibt es keine Laborwerte, die einen Reizdarm zweifelsfrei nachweisen könnten und eine Diagnose ist auch hier ausschließlich über eine Ausschlussdiagnose möglich. Mittlerweile ist das Krankheitsbild dennoch in der Ärzteschaft akzeptiert, was in früheren Zeiten nicht immer der Fall war.

Aus meiner Sicht gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen den Krankheitsbildern "Glutensensitivität" und "Reizdarm". Ich halte es für durchaus denkbar, dass bei einem Teil der Reizdarm-Patienten tatsächlich eine Glutenunverträglichkeit vorliegt. Das bedeutet, man kann diesen Patienten sehr leicht, kostenneutral und ohne Einsatz von Medikamenten helfen, indem man ihnen für einen kurzen Zeitraum von ca. zwei Wochen eine glutenfreie bzw. glutenarme Ernährungsweise empfiehlt. Dieser Zeitraum ist völlig ausreichend um herauszufinden, ob eine Besserung eintritt. Die Zurückhaltung mancher Kollegen bzgl. der Akzeptanz des Krankheitsbildes Glutensensitivität kann ich deshalb nicht ganz nachvollziehen, schließlich ist doch entscheidend, was dem Patienten hilft.

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber wie häufig ist das Krankheitsbild aus Ihrer Sicht?

Zurzeit wird diskutiert, dass 1 bis 5 Prozent der Bevölkerung in Europa und den USA an einer Art Weizenallergie oder Unverträglichkeit von Weizenbestandteilen leiden. Es ist jedoch noch völlig offen, ob Gluten bei der Glutensensitivität überhaupt eine Rolle spielt. Bei der Zöliakie sind die auslösenden Mechanismen bekannt und man weiß, dass das Gluten die Ursache für die Beschwerden ist. Bei der Glutensensititvität konnte man dies jedoch noch nicht nachweisen, denn es gibt noch sehr viele andere Bestandteile des Weizens, die Unverträglichkeitsreaktionen auslösen könnten.

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