Zöliakie Folgeerkrankungen

Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart

Zöliakie und Folgeerkrankungen: Womit muss man rechnen? Was ist selten?

Bestand die Zöliakie bei Patienten, die erst in höherem Lebensalter diagnostiziert wurden, schon ein Leben lang oder kann die Zöliakie auch erst dann aufgetreten sein?

Beides ist theoretisch möglich. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit größer, das die Zöliakie erst im späteren Lebensalter aufgetreten ist. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Mensch von Kindheit an Probleme hat und erst im höheren Alter wird eine richtige Diagnose gestellt. Allerdings muss man aus heutiger Sicht sagen, dass es vor sechzig Jahren noch keine guten diagnostischen Möglichkeiten für die Zöliakie gab. Deshalb mag es den ein oder anderen spät entdeckten Fall geben. Ich höre immer wieder von Patienten, dass sie ihr ganzes Leben lang Magen-Darm-Probleme hatten. Aber gerade bei älteren Patienten tritt die Zöliakie auch als neue Manifestation auf, so dass man bei der Diagnostik unklarer Beschwerden bis ins hohe Lebensalter eine Zöliakie in Betracht ziehen muss.

Häufiger gibt es jedoch die Fälle, dass Patienten als Kinder mit Zöliakie diagnostiziert wurden und man dann in der Pubertät sagte, dass die Zöliakie sich "verwachsen" habe. Damals ging man davon aus, dass sich die Zöliakie wieder verliert. Heute, im Alter von ca. 30, 40 bis 50 Jahren, zeigt sich bei diesen Patienten die Zöliakie plötzlich wieder, obwohl sie über einen längeren Zeitraum mehr oder weniger beschwerdefrei waren.

Kann man denn eine Zöliakie haben, ohne dass Beschwerden auftreten?

Es gibt tatsächlich Zöliakie Patienten, die keinerlei Beschwerden haben. Auch bei einer glutenfreien Diät bemerken diese Patienten keinerlei Veränderung ihres Befindens, weder positiv noch negativ. Trotzdem rät man Patienten mit einer solchen silenten (stummen) Form der Zöliakie, die keine Symptome haben, zu einer glutenfreien Diät, denn der Darm ist dennoch beeinträchtigt.

In manchen Studien konnte man auch nachweisen, dass diese Patienten eine schlechtere Knochendichte, Schilddrüsenunterfunktion, ein niedrigeres Gewicht und niedrigere Eisenwerte haben. Daran zeigt sich, dass es sich auf die Dauer doch negativ auswirkt, wenn die Darmschleimhaut beeinträchtigt ist. Patienten mit einer silenten Zöliakie sollten deshalb auch regelmäßig untersucht werden.

Bei der latenten Zöliakie, d.h. wenn man Antikörper im Blut nachweisen kann, die Schleimhaut aber völlig intakt ist und resorbieren kann, bedürfen die Patienten zunächst lediglich einer engmaschigen Betreuung und dürfen weiter glutenhaltig essen. Man muss aber den Zeitpunkt rechtzeitig erfassen, an dem die Schleimhaut sich verändert.

Wir kennen auch Betroffene, die z.B. im Rahmen von Familienuntersuchungen gescreent wurden und bei denen auf diese Weise erst eine Zöliakie festgestellt wurde. Wenn diese Patienten dann eine glutenfreie Diät beginnen, bemerken sie häufig eine deutliche Verbesserung ihres Wohlbefindens, obwohl sie zuvor ihre Beschwerden nicht bemerkt hatten bzw. ihre gelegentlichen Beschwerden gar nicht als Problem wahrgenommen hatten.  
Es gibt aber auch Patienten, bei denen eine Zöliakie diagnostiziert wurde, die irgendwann wieder anfangen, Gluten zu essen und dann ihre Beschwerden nicht wahrnehmen wollen, mehr oder weniger unbewusst.  

Dazu kommt, dass die Symptome bei der Zöliakie nicht immer nur im Magen-Darm-Trakt angesiedelt sind, sondern sich auf vielfältige Weise bemerkbar machen. Wenn z.B. eine Frau wegen Infertilität zum Gynäkologen geht, liegt die Diagnose Zöliakie nicht unbedingt nahe. Ähnlich ist es bei einer Migräne.

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