Zöliakie Folgeerkrankungen

Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart

Zöliakie und Folgeerkrankungen: Womit muss man rechnen? Was ist selten?

Mit Nahrungsmittelallergien und Unverträglichkeiten gehen unangenehme Symptome einher, die das Wohlbefinden massiv beeinträchtigen. Bei der Zöliakie, die zu den Autoimmunkrankheiten gehört, führt die Unverträglichkeit von Gluten zusätzlich zu einer Entzündung des Dünndarms bzw. der Dünndarmschleimhaut. Doch nicht allein die Symptome der Zöliakie selbst machen den Betroffenen zu schaffen. Es gibt bei der Zöliakie negative Begleiterscheinungen, auf die man achten sollte. MeinAllergiePortal sprach mit Frau Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart über mögliche Folgeerkrankungen bei Zöliakie.

Frau Dr. Baas, welche Reaktionen finden im Körper statt, wenn Menschen mit Zöliakie Gluten zu sich nehmen?

Wenn Menschen mit Zöliakie Gluten essen, kommt es zu einem entzündlichen Geschehen im  Darm – die Zöliakie gehört zu den Autoimmunerkrankungen. Ausgelöst durch die Entzündung, kommt es zu einem vorzeitigen Absterben der Darmzellen.

Die Zellen der Darmschleimhaut unterliegen natürlicherweise einem gewissen Absterbeprozess. Eine Darmzelle lebt normalerweise etwa 28 Tage und wird dann abgeschilfert in das Darmlumen, d.h. sie wird ins Innere des Darms abgeschuppt. Der Körper produziert deshalb permanent neue Darmzellen.

Die Entzündung schädigt jedoch die Zellen und diese werden schneller abgestoßen. Je nachdem wie stark ausgeprägt die Entzündung ist, kann der Körper dies für einen gewissen Zeitraum kompensieren, indem er mehr Zellen nachproduziert. Wenn das Entzündungsgeschehen aber  weiter andauert, können die Zellen sehr rasch, nach wenigen Tagen oder gar Stunden, absterben.

Dies führt dazu, dass sich keine Darmzotten mehr aufbauen können, die Schleimhaut flacht immer mehr ab. Mit dem Abflachen der Schleimhaut fällt im Darm sehr viel an Resorptionsfläche weg. Der Körper kann deshalb die Nährstoffe aus der Nahrung nicht mehr aufnehmen – sie "rauschen" regelrecht durch den Darm durch! Dabei kann es zu Durchfällen kommen, dies ist aber nicht immer der Fall. Es kommt jedoch zu Defiziten wie vor allem Eisenmangel etc..

Welche negativen Begleiterscheinungen bzw. Erkrankungen gehen häufig mit einer Zöliakie einher? Gilt dies nur für die unbehandelte Zöliakie?

Überwiegend kommt es bei der unbehandelten Zöliakie zu negativen Begleiterscheinungen. Man kann die Folgen, die sich aus dem Entzündungsprozess ergeben, prinzipiell in vier Gruppen einteilen.

In die erste Gruppe fallen die Nährstoffdefizite bzw. die daraus resultierenden Folgen. Hier sind vor allem die Nährstoffe zu nennen, die im oberen Dünndarm aufgenommen werden, wie Eisen, Zink, Folsäure, Kalzium und Vitamin D. Damit verbunden sind z.B. bei Zinkmangel Hauterkrankungen wie z.B. Exantheme (Hautausschläge), bei Kalziummangel und Vitamin D-Mangel kann es zu Osteoporose kommen. Ein Mangel an Folsäure kann sich durch eine verminderte Bildung von weißen Blutkörperchen bemerkbar machen. Aber, und das ist gerade auch für Frauen im gebärfähigen Alter wichtig, bei Folsäuremangel der Mutter tritt beim ungeborenen Kind auch Spina bifida gehäuft auf – hier verschließt sich die Wirbelsäule des Embryos nicht richtig.

In die zweite Gruppe gehören die extraintestinalen Manifestationen. Damit sind die negativen Auswirkungen gemeint, die außerhalb des Magen-Darm-Traktes liegen und nicht direkt durch Nährstoffdefizite verursacht werden. Hier sind gynäkologische Probleme wie Infertilität, Fehlgeburten, Frühgeburten und Zyklusstörungen möglich. Es kann aber auch zu neurologischen Problemen, Depressionen, Migräne, Leberwerterhöhungen oder einer Dermatitis herpetiformis During kommen. Auch an anderen Organsystemen können Manifestationen der Zöliakie auftreten, diese sind allerdings nicht ganz so häufig. Leider sehen wir auch trotz guter Diätführung bei manchen Zöliakie-betroffenen neurologische Probleme, die von der Zöliakie herrühren. Ihre Entstehung ist bisher aber noch nicht gut untersucht.

Der dritte Komplex wird aktuell noch diskutiert. Man vermutet, dass eine über viele Jahre unbehandelte Zöliakie dazu führen kann, dass es eher zur Ausbildung weiterer Autoimmunerkrankungen kommt. Eine Studie scheint zu zeigen, dass es bei Kindern bei denen eine Zöliakie zu einem frühen Zeitpunkt diagnostiziert wird, im späteren Leben weniger häufig zu weiteren Autoimmunerkrankungen kommt als bei Erwachsenen, deren Zöliakie erst sehr spät erkannt wurde. Allerdings wird diese Aussage durch andere Studien nicht in dieser Form bestätigt – hier gibt es also keine eindeutige Aussage. Es ist aber schon so, dass Zöliakiepatienten zusätzlich andere Autoimmunerkrankungen entwickeln können. In erster Linie gehen Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto und Morbus Basedow oder Diabetes Typ 1 mit einer Zöliakie einher. Auch die chronisch entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn kommt in Verbindung mit Zöliakie etwas häufiger vor, jedoch nicht in gleichem Maße wie die Schilddrüsenerkrankungen und die Diabetes. Auch andere Autoimmunerkrankungen wie Leberautoimmunerkrankungen, Colitis Ulcerosa, Morbus Addison (autoimmunbedingte Nebenniereninsuffizienz), Vitiligo oder die Alopezia areata (kreisrunde Haarausfall) treten in Verbindung mit der Zöliakie durchaus häufiger auf.

Das vierte Gebiet der negativen Begleiterscheinungen macht ganz besonders vielen Zöliakie-Patienten Sorgen - die Ausbildung von Tumoren bei einer über lange Jahre unbehandelten Zöliakie. Hier sind deshalb auch eher Patienten im höheren Lebensalter betroffen, die erst im Alter von 50 bis 60 Jahren diagnostiziert wurden. Tumore sind in der Folge von Zöliakie zwar sehr selten, aber sie kommen vor.

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