Probiotika Allergien

Prof. Dr. Markus Rose, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Sana Klinikum Offenbach und Leiter der Pädiatrischen Infektiologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt

Allergien: Welche Rolle spielen Probiotika & Co. bei der Behandlung? - Wie genau lassen sich Metabiotika zur Behandlung von Allergien einsetzen?

Wie genau lassen sich Metabiotika zur Behandlung von Allergien einsetzen?

Im Prinzip können Probiotika in jedem Lebensalter positive Kräfte entfalten. Das gilt sowohl für die Prävention im Säuglingsalter, z.B. bei Kindern atopischer Eltern, als auch bei der Therapie bestehender Allergien – es gibt auch Studien zum Einsatz von Probiotika bei Erwachsenen mit Heuschnupfen.

Auch als Präventionsmaßnahme in der "Erkältungssaison" haben sie sich bewährt. Nicht umsonst hat der Nobelpreisträger, Ilya Ilitch Metchnikov, seinerzeit anhand der Bevölkerung von Bulgarien festgestellt, dass die Menschen, die täglich große Mengen an Kefir und Sauermilch zu sich nehmen häufig über 100 Jahre alt werden und sich guter Gesundheit erfreuen.

Innerhalb der Prävention gibt es unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten der Metabiotika - es gibt die Primärprävention, die Sekundärprävention und die Tertiärprävention. Primärprävention bedeutet, dass man das Ausbrechen der Krankheit verhindert. Bei der Sekundärprävention versucht man bei vorhandener Veranlagung für eine bestimmte Erkrankung das Ausbrechen zu verhindern. Bei der Tertiärprävention wird versucht, den Patienten bei einer bereits vorhandenen Erkrankung bei der Heilung zu unterstützen und Rückfälle zu verhindern. Metabiotika unterstützen bei allen drei Präventionsarten, und dies nicht allein bei allergischen Erkrankungen, sondern z.B. auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder Gastroenteritis (Brechdurchfall).

Es gibt mittlerweile sogar Erkenntnisse, dass der Einsatz von Metabiotika bei Antibiotika-assoziierter Gastroenteritis wirksam ist. Das ist dann der Fall, wenn ein Patient nach der Einnahme von Antibiotika unter Darmproblemen und Durchfällen zu leiden hat. Bei gleichzeitiger Einnahme von Antibiotika und Metabiotika lassen sich diese Beschwerden verhindern. Das ist insofern eine spannende Erkenntnis, als man früher der Meinung war, man könne nicht zeitgleich mit der Antibiotikabehandlung mit Metabiotika therapieren. Man ging davon aus, dass man mit der metabiotischen Darmrekonstitution bis zum Abschluss der Antibiotikatherapie warten muss, aber dies ist offensichtlich nicht der Fall. 

Hält die Wirkung von Metabiotika dauerhaft an oder muss die Behandlung regelmäßig wiederholt werden?

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Aussicht auf eine Wirksamkeit der Behandlung umso größer ist, je länger sie erfolgt. Allerdings vaiiert auch die Wirksamkeit von Probiotika mit dem Lebensalter. Eine Allergentoleranz-induzierende nachhaltige Wirkung erzielt man in prägungssensiblen Lebensabschnitten - man bezeichnet das auch als "window of oportunity" ("Gelegenheitsfenster"). Dabei handelt es sich wahrscheinlich um die ersten Lebensmonate, aber auch um die Zeit der Schwangerschaft. Man spricht hier von "fetaler Programmierung", d.h. von der Prägung des Kindes im Mutterleib durch Umwelteinflüsse, durch die Nahrung der Mutter, Genetik etc. die das immunologische "Rüstzeug" des Kindes beeinflussen.

Diese Idee steckt auch hinter der Hygiene-Hypothese, die besagt, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, weniger Allergien entwickeln, als andere Kinder – dies wurde auch in Studien nachgewiesen. Probiotisch arbeitende Wissenschaftler greifen diese Idee auf und behandeln Babies, die nicht auf Bauernhöfen groß werden, in den ersten Lebensmonaten möglichst lange und häufig mit Bakterienlysaten oder Symbiotika. Dadurch soll die natürliche Toleranzentwicklung simuliert werden.

Säuglingsnahrung ist heutzutage häufig mit Probiotika & Co. angereichert. Sollten Eltern atopischer Kinder diese Produkte bevorzugen?

Nach aktueller Datenlage ist es ganz klar, dass sich Probiotka vorteilhaft auf die Vermeidung von Allergien auswirken. Für den Einsatz von Metabiotika spricht auch, dass sie auf keinen Fall schaden, es ist gut verträglich und stimuliert die Immunregulation. Außerdem gibt es kaum noch Säuglingsnahrungen, die keine metabiotischen Zusätze enthalten.

Eltern können aber noch etwas tun, um das Allergierisiko ihres Kindes zu senken. Die Hygiene-Hypothese hat gezeigt, wie wichtig die Lebensumstände sind, unter denen ein Kind aufwächst. Ein "zu viel" an Sauberkeit und Desinfektionsmitteln kann dazu führen, dass der Darm des Kindes trotz Metabiotika  keine gesunde Bakterienbesiedlung entwickeln kann. Eine gewisse Großzügigkeit der Eltern im Umgang mit Zivilisationshygiene ist deshalb von Nutzen für das Kind. Die etwas "schmuddeligeren" Kinder sind oftmals die "gesünderen" Kinder - hier müssen wir lernen, umzudenken.

Herr Prof. Rose, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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