Probiotika Allergien

Prof. Dr. Markus Rose, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Sana Klinikum Offenbach und Leiter der Pädiatrischen Infektiologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt

Allergien: Welche Rolle spielen Probiotika & Co. bei der Behandlung? - Was ist bei Allergien und Unverträglichkeiten wirksamer, ...

Was ist bei Allergien und Unverträglichkeiten wirksamer, probiotische Medikamente oder die "normalen" Milchprodukte, wie z.B. Joghurt?

Man würde in Bezug auf Probiotika bzw. Metabiotika nicht von "Medikamenten" sprechen, sondern von probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln. Diese enthalten jedoch so hohe Dosierungen an kolonieformenden Einheiten, das ist die Maßeinheit für probiotische Bakterien, dass sie wie Medikamente wirken. Deshalb werden sie in der Allergiebehandlung bzw. zur Behandlung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten eingesetzt.

Eine übliche Verzehrmenge an normalem Kefir oder Joghurt entspricht ca. 100 ml. Diese Menge an Joghurt oder Kefir enthält ca. 105 kolonieformende Einheiten der milchsäurebildenenden Bakterien. Ein probitiosches Präparat in Pulverform oder als Granulat enthält dagegen 109 bis 1011 kolonieformende Einheiten. Erst in dieser Größenordnung entfaltet sich die therapeutische Wirksamkeit und in dieser Dosierung werden die milchsäurebildenden Bakterien auch bei anderen entzündlichen Erkrankungen, z.B. bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder akuter infektiöser Gastroenteritis, d.h. Brech-Durchfall, eingesetzt.

Das heißt also es reicht nicht aus, einfach Joghurt zu essen, um eine Allergie wirksam zu behandeln?

Eine Studie, die Prof. Schretzenmeir in Kiel an Senioren durchgeführt hat, zeigte, dass man täglich 1 kg Joghurt – das entspricht einem Liter - zu sich nehmen müsste, um dem Darm eine Menge an milchsäurebildenden Bakterien zuzuführen, die eine entsprechende therapeutische Wirkung erzielt. Natürlich ist der Verzehr von Joghurt und Kefir immer sinnvoll. Für eine wirksame Intervention benötigt man allerdings größere Mengen oder eben entsprechende probiotische Präparate.

Warum werden Probiotika & Co. unter Experten kontrovers diskutiert?

Die Probiotika enthalten Substanzen, die teilweise noch  vermehrungsfähig sind. Bei Baterienlysaten ist dies nicht der Fall. In Insiderkreisen wird deshalb diskutiert, ob die Bakterienlysate wirksam sein können, obwohl sie keine vermehrungsfähigen Bakterien enthalten. Dem zugrunde liegt die These, dass nur die lebenden Bakterien eine nutzenbringende Wirkung entfalten können. In diesem Zusammenhang wird auch diskutiert, ob die Probiotika die Passage durch den Magen überhaupt überleben, denn der Magensaft enthält ja Salzsäure, die alles abtötet.

Eine andere Fraktion in der wissenschaftlichen Gemeinde argumentiert, dass bereits die Bakterienbestandteile, das sind z.B. bakterielle Endotoxine aus den Zellwänden der gramnegativen Bakterien, ausreichen, um eine Immunmodulation zu bewirken, auch wenn sie nicht in einer vermehrungsfähigen Form verabreicht werden. Hier setzt auch die sogenannte Hygienehypothese an.

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