Dr. Thomas Potrafke, Hals-Nasen-Ohrenarzt und Allergologe, HNO-Praxis im Ärztehaus Zuffenhausen und Mitglied im Allergozentrum Stuttgart zur spezifischen Immuntherapie bei Gräserpollen-Allergie!

Gräserpollen-Allergie: Wann hilft die spezifische Immuntherapie?

Kann eine spezifische Immuntherapie bei Gräserpollen-Allergikern auch die Symptome der Kreuzallergie lindern?

Ob auch Kreuzallergiesymptome durch die Immuntherapie gelindert werden, ist im Einzelfall unsicher. Manchmal ja, manchmal nein. Das hängt vom Verwandtschaftsgrad der Allergenmoleküle im Pollen und den kreuzallergisch reagierenden Pflanzen und es hängt von der Intensität der behandelten Allergie ab.

Aus der Erfahrung kann man sagen, dass manchmal eine spezifische Immuntherapie nicht nur die Beschwerden der behandelten Allergie, sondern auch Allergiebeschwerden anderer Allergien, die gar nicht behandelt wurden, lindert. Man kann aber nicht voraussagen, ob dies eintrifft.

Ursache ist dann wohl, dass die Gesamtsituation mit Ausschüttung und Aktivierung von allergievermittelnden Botenstoffen und Immunzellen im Körper allgemein gebremst wird.

Zurück zu den unterschiedlichen Applikationsformen der spezifischen Immuntherapie, was sind jeweils die Vor- und Nachteile?

Nachteil der subcutanen Applikation ist, dass man sich die Spritze immer bei einem Arzt geben lassen muss und anschließend sicherheitshalber noch 30 Minuten in der Arztpraxis warten muss, ob vielleicht doch eine allergische Reaktion auf die Spritze auftritt. Die Sublingualtablette kann man selber zu Hause nehmen - muss dies aber jeden Tag tun.

Schwere allergische Nebenwirkungen treten bei der sublingualen Applikation noch seltener auf als bei der subcutanen Therapie. Aber oft ist das Auftreten lokaler Nebenwirkungen mit Brennen und Schwellungsgefühl im Mund sehr lästig und man muss drei Jahre lang jeden Tag die Tablette nehmen, während man sich die Spritze nur alle 4 bis 6 Wochen geben lässt.

Für den Arzt und die Praxis ist der Aufwand einer subcutanen Immuntherapie wesentlich größer: Die Patienten müssen regelmäßig in der Praxis erscheinen, der Arzt muss die Spritze geben, Patienten warten 30 Minuten in der Praxis, man muss Notfallsituationen trainieren und die Notfallkoffer vorhalten. Trotzdem führen die meisten Allergologen lieber eine subcutane Immuntherapie durch, weil der Kontakt zum Patienten direkter ist und die Erfolgschancen überzeugend sind - dies muss sich bei der sublingualen Immuntherapie erst noch sicher und auf die Dauer erweisen.

Sie hatten erwähnt, dass schweres, unkontrolliertes Asthma eine Kontraindikation für die spezifische Immuntherapie ist. Was sind die Gründe dafür?

Zum Ersten ist ja das Ziel einer Immuntherapie, die Entwicklung der nasalen Allergie zum allergischen Asthma zu vermeiden. Das Ziel ist also die Vermeidung dieses sogenannten Etagenwechsels der Allergie: Von den oberen Luftwegen in die tiefere Etage der Lunge. Bei leichten Asthmaformen bzw. bei Vorstufen von Asthma, also wenn z. B. Husten in der Allergiesaison auftritt, als erstes Signal, dass die Bronchien allergisch mitreagieren, dann leiten wir die Immuntherapie mit guten Erfolgsaussichten ein.

Wenn aber starkes Asthma besteht, und vor allem schwer kontrollierbares Asthma, ist die Frage schwierig. Dies ist ein heißes Eisen - einerseits wünscht man sich gerade beim schweren Asthmatiker eine bessere Therapie und Symptomkontrolle und eine Reduktion des Medikamentenbedarfs - andererseits kann die Immuntherapie aber oftmals nicht durchgeführt werden, wegen schwerer allergischer Nebenwirkungen oder einer Verschlechterung des Asthmas unter der Therapie. Hier muss sehr sorgfältig in enger Zusammenarbeit zwischen Allergologen und Lungenfacharzt abgewogen werden, ob vielleicht doch ein Therapieversuch in Frage kommt.

Unter Umständen würde man dann eine sublinguale Immuntherapie starten, denn diese hat seltener schwere systemische Nebenwirkungen

Kann man sagen, wie lange die Wirkung der spezifischen Immuntherapie anhält?

Ich bin nun seit 25 Jahren Allergologe in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde: Wir Praktiker kennen viele Patienten, bei denen der Erfolg der subcutanen Immuntherapie über viele Jahre oder das ganze Leben lang anhält.

Ob die Langzeitwirkung der sublingualen Immuntherapie genauso gut ist, wissen wir einfach noch nicht, das bleibt abzuwarten.

Aber auch nach subcutaner Immuntherapie können nach einigen Jahren wieder Allergiesymptome auftreten. Wenn dies eintritt, erneut sehr belastend ist und medikamentös nicht gut einstellbar ist, kann man eine erneute Immuntherapieserie als Boostertherapie über ein paar Monate oder auch wieder komplett über drei Jahre problemlos wiederholen. Dies ist aus meiner Erfahrung aber nur selten nötig.

Herr Dr. Potrafke, herzlichen Dank für dieses Interview!

Quellen:

1)    http://www.enzyklopaedie-dermatologie.de/artikel?id=15562 

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