Spezifische Immuntherapie SIT Kinder

Prof. Dr. Ulrich Wahn, Direktor a.D. an der Klinik für Pädiatrie Pneumologie/Immunologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin

SIT bei Kindern: Ab wann ist eine spezifische Immuntherapie möglich?

Auch bei der spezifischen Immuntherapie kann es zu unerwünschten Begleitreaktionen kommen…

Bei der spezifischen Immuntherapie kann es zu Nebenwirkungen kommen, die aus der Konfrontation mit dem Allergen resultieren. Die modernen Allergenextrakte, die bei der SIT eingesetzt werden, sind sehr gut standardisiert, was eine befriedigende Sicherheit der Behandlung gewährleistet. Dennoch können alle Beschwerden, die in einem natürlichen Umfeld durch die Allergenexposition ausgelöst werden können, z.B. durch bestimmte Pollen, auch im Rahmen der spezifischen Immuntherapie auftreten. Dies können Lokalreaktionen aber auch allergische Allgemeinreaktionen sein, wie z.B. Nießen, eine blockierte Nase, Hautquaddeln oder, in seltenen Fällen, auch Asthma. Theoretisch kann es auch zu einer Anaphylaxie kommen – Einzelfälle sind beschrieben. Ich selbst habe dies in 40 Jahren allerdings noch nie erlebt.

Lassen sich allergische Symptome im Rahmen der SIT unterdrücken?

Wie bei Erwachsenen auch lassen sich die Allergiesymptome bei Kindern durch entsprechende Medikamente unterdrücken. Ich halte es für sinnvoll, zunächst die etwaigen Nebenwirkungen zu sehen und dann erst entsprechend zu reagieren. Antihistaminika können jedoch auch prophylaktisch, vor der Allergenverabreichung, gegeben werden. In jedem Fall sollte der Arzt nach jeder Applikation sorgfältig dokumentieren, ob und welche Symptome auftreten und stets nachfragen, ob die vorherige Gabe gut vertragen wurde.  

In einer Studie1) konnte gezeigt werden, dass man bei Kindern bereits Jahre vor dem ersten Auftreten allergischer Symptome Immunglobulin E im Blut feststellen kann, ist eine möglichst frühe spezifische Immuntherapie sinnvoll?

Die Risikokinder für die Entwicklung einer späteren bleibenden Atemwegserkrankung erkennt man meist bereits in den ersten zwei Lebensjahren. Hinweise können die elterliche Veranlagung, eine Frühmanifestation allergischer Symptome, z.B. an der Haut oder eine Nahrungsmittelallergie sein. Versucht man dann über einen Allergietest zu ermitteln, ob sich eine allergische Sensibilisierung „zusammenbraut“ kann man anhand all dieser Kriterien eine Risikoabschätzung vornehmen.     

Deshalb beschäftigt man sich mit der Frage, ob diese Risikokinder von einer frühen Immuntherapie profitieren könnten. Ob dies erfolgreich sein wird, müssen wir abwarten – zunächst muss die wissenschaftliche Evidenz nachgewiesen werden.

In der klinischen Praxis wird eine solch frühe Immuntherapie aber noch nicht durchgeführt?

Für die frühestmögliche Durchführung der spezifischen Immuntherapie gilt die bereits genannte Angabe der Leitlinie „ab dem 6. Lebensjahr“. Alles andere wäre eine „off label“-Therapie, für die auch kein Anspruch auf die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen besteht.

Herr Prof. Wahn, herzlichen Dank für dieses Interview!

Quellen:

1)    Molecular spreading and predictive value of preclinical IgE response to Phleum pratense in children with hay fever, Laura Hatzler, Valentina Panetta, Susanne Lau, Petra Wagner, Renate L. Bergmann, Sabina Illi, Karl E. Bergmann, Thomas Keil, Stephanie Hofmaier, Alexander Rohrbach, Carl Peter Bauer, Ute Hoffman, Johannes Forster, Fred Zepp, Antje Schuster, Ulrich Wahn, Paolo Maria Matricardi, October 2012, Journal of Allergy and Clinical Immunology Vol. 130, Issue 4, Pages 894-901.e5

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.