Allergische Rhinitis kognitive Fähigkeiten

Univ.-Prof. Dr. med. Bernd Kremer, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie am Universitätsklinikum Maastricht

Allergische Rhinitis: Wie stark werden kognitive Funktionen beeinträchtigt?

Im Zusammenhang mit Heuschnupfen werden oft Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit und eingeschränkte Leistungsfähigkeit genannt. Welche Erkenntnisse konnten Sie in Ihren Untersuchungen hierzu gewinnen?

Wir haben das Thema Schlafstörungen anhand einer Literaturstudie untersucht, d.h. wir haben mehrere Studien zu dieser Fragestellung analysiert. Dabei haben wir uns auf die Frage konzentriert, inwiefern der Grund für die verminderte Leistungsfähigkeit, von der viele Heuschnupfen-Patienten berichten, nachgewiesen werden konnte.

In einer Gruppe von Publikationen wird unterstellt, dass es die Schlafstörungen sind, die dazu führen, dass die Patienten tagsüber müde und folglich weniger leistungsfähig sind. Liest man die Literatur aber kritisch, findet man in keiner Studie einen Nachweis dafür, dass der nächtliche Schlaf von Pollenallergikern tatsächlich so stark gestört ist, dass dies die Tagesmüdigkeit rechtfertigen würde. Zum Beispiel findet man bei Untersuchungen im Schlaflabor keine so starken Abweichungen beim Schlafverhalten von Heuschnupfen-Patienten und Nicht-Erkrankten, dass dies die Tagesmüdigkeit hinreichend erklären würde.

Es gibt jedoch andere Untersuchungen, die zeigen, dass Mediatoren, die bei der allergischen Reaktion eine Rolle spielen, zu einer Tagesmüdigkeit führen. Es gibt außerdem viele Publikationen zum sogenannten Sickness Behaviour, die unserer Meinung nach eine  wahrscheinlichere Erklärung für die Tagesmüdigkeit und Leistungseinschränkung der Heuschnupfen Patienten liefern.

Was bedeutet Sickness Behaviour im Zusammenhang mit Pollenallergien?

Bei jeder Krankheit  konzentriert der Körper all seine Energie auf die Bekämpfung der Erkrankung. Die Kranken werden dann müde und haben das Bedürfnis zu schlafen, damit der Körper die Erkrankung bekämpfen und sich erholen kann – man nennt dies „Sickness Behaviour“. Auch bei viralen und bakteriellen Erkrankungen spielt sich dieser Prozess ab, und es ist allgemein akzeptiert, dass man bei diesen Erkrankungen wenig Energie hat und das Bett hütet.

Diese natürlichen Mechanismen, die einsetzen, wenn der Körper seine Selbstheilungskräfte aktiviert, könnten auch bei Allergien, d.h. bei allergischen Entzündungen stattfinden. Auch bei einer Pollenallergie könnte der Körper die täglich benötigte Energie zu Gunsten der Allergenbekämpfung, d.h. der Bekämpfung der Erkrankung, abziehen. Die Reaktionen bei der Bekämpfung viraler Infektionen und bei allergischen Reaktionen sind durchaus vergleichbar, aber Müdigkeit wird bei Pollenallergikern bisher nicht als „normales“ Allergiesymptom anerkannt. Diese Faktoren erklären die Tagesmüdigkeit aber weitaus plausibler als die nächtlichen Schlafstörungen.

Was ist der nächste Schritt in Ihrer Forschung?

ir werden uns darauf konzentrieren, unsere Fahrstudien weiterzuführen und weitere Faktoren in die Untersuchungen zu integrieren.

Bisher haben wir darauf geachtet, dass unsere Probanden nicht unter dem Einfluss anderer Faktoren standen. Der nächste Schritt wäre zu untersuchen, wie unsere Tests zum Fahrvermögen ausfallen, wenn ein pollenallergischer Fahrer die erlaubte Alkoholmenge zu sich genommen hat. Auch die Auswirkungen von für den Straßenverkehr zugelassen Medikamenten, bei denen „Müdigkeit“ eine Nebenwirkung ist, wollen wir in Bezug auf die Verkehrssicherheit  von Patienten mit allergischer Rhinitis untersuchen.

Weiter planen wir eine Serious Gaming-Studie. Mit Serious Gaming simuliert man z.B. die Auswirkungen von Stress im Zusammenhang mit einer Pollenallergie. Dafür werden die Studienteilnehmer mit Smartphones ausgestattet und bekommen über den Tag verteilt und ohne Vorankündigung SMS zugeschickt. In den SMS bekommen sie Aufgaben gestellt, die sie sofort lösen müssen. Zwischendurch fragen wir bei den Patienten die Allergiesymptome bzw. die Befindlichkeit ab. Die Frage ist: Sind Pollenallergiker in der Lage, Stress im Alltag genauso zu bewältigen wie nicht Erkrankte und welche Unterschiede gibt es?

Damit wollen wir ermitteln welche gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen unbehandelte Pollenallergien haben. Die nächste Frage wäre dann: Wie muss eine politische Weichenstellung aussehen, um diese Schäden zu verhindern oder zu minimieren?

Herr Prof. Kremer, herzlichen Dank für dieses Gespräch!


Quellen:
1)    Disturbed cognitive functions after nasal provocation in patients with seasonal allergic rhinitis, Hartgerink-Lutgens I, Vermeeren A, Vuurman E, Kremer B., Clin Exp Allergy. 2009 Apr; 39(4):500-8. doi: 10.1111/j.1365-2222.2009.03200.x. Epub 2009 Feb 16.

2)    Allergic rhinitis is a risk factor for traffic safety, Vuurman EF, Vuurman LL, Lutgens I, Kremer B., Allergy. 2014 Jul;69(7):906-12. doi: 10.1111/all.12418. Epub 2014 May 9. 

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