Allergische Rhinitis kognitive Fähigkeiten

Univ.-Prof. Dr. med. Bernd Kremer, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie am Universitätsklinikum Maastricht

Allergische Rhinitis: Wie stark werden kognitive Funktionen beeinträchtigt?

Welche Erkenntnisse ergaben sich aus Ihrer Fahrstudie mit AR-Patienten?

Es hat sich gezeigt, dass die Patienten mit allergischer Rhinitis, die mit Placebo provoziert wurden, erwartungsgemäß ein normales Fahrverhalten zeigten. Provoziert man Pollenallergiker jedoch mit Verum, d.h. mit „ihrem Allergen“ und sie zeigen eine allergische Reaktion, entspricht ihre Fahrleistung unbehandelt ungefähr der eines Fahrers mit einem Blutalkoholspiegel von 0,4 Promille. Stellt man den Probanden während des Fahrens eine Gedächtnisaufgabe, das ist ungefähr vergleichbar mit einem intensiven Telefongespräch, bei dem man sich etwas merken möchte, entspricht das Fahrverhalten der Probanden dem eines Fahrers mit 0,5 Promille Alkohol im Blut.

Wie wirkte sich die Behandlung mit antiallergischen Tabletten und Nasensprays auf das Fahrverhalten aus?

Die Behandlung mit Tabletten und Nasespray war bei den mit Verum provozierten Probanden in der Lage, das Fahrvermögen so weit zu verbessern, dass es einem Blutalkoholspiegel von 0,2 Promille entsprach – eine hochsignifikante Verbesserung. Zu einer 100prozentigen Normalisierung führte die Medikation jedoch nicht.

Die Tatsache, dass unsere Studie gezeigt hat, dass antiallergische Tabletten und Nasensprays die kognitiven Beeinträchtigungen durch die allergische Rhinitis reduzieren, ist für die Patienten von großer Bedeutung. Vor einigen Jahren, als man bei allergischer Rhinitis noch mit Antihistaminika der alten Generation therapiert hat, war Müdigkeit eine sehr unangenehme Nebenwirkung der Medikation. Dies hat die Patienten oft dazu veranlasst, die Tabletten nicht zu nehmen.

Müdigkeit tritt bei den heutigen modernen Antihistaminika nicht mehr auf. Dennoch haben Antihistaminika noch immer den „Ruf“ müde zu machen und manche Patienten haben tatsächlich den Eindruck, auch von modernen Antihistaminika müde zu werden. Dies scheint jedoch nicht der Effekt der Medikation zu sein, sondern ein Symptom der Allergie. In unserer Studie gab es keinen einzigen Fall, in dem Patienten, die mit Antihistaminika der neuen Generation behandelt wurden, bei den Tests schlechter abschnitten, als die unbehandelten Patienten.

Welche Konsequenzen haben die Ergebnisse Ihrer Studien für die Patienten mit allergischer Rhinitis?

Zunächst eine wichtige Information: Die Studien wurden doppelblind-placebo-kontrolliert durchgeführt, d.h. weder der Patient noch der Behandler wussten, ob jeweils gerade mit Verum oder mit Placebo behandelt wurden. Dadurch wurde jede Beeinflussung der Studienergebnisse ausgeschlossen. Unsere Studien liefern so ein starkes Argument, die allergische Rhinitis zu behandeln, denn die Studie zum Fahrverhalten konnte zeigen, dass eine Medikation der Pollenallergie zu einem besseren Fahrvermögen führt.

Eine weitere wichtige Konsequenz aus unseren Studien für Pollenallergiker:  Unsere Ergebnisse zum Fahrvermögen lassen sich auf andere Alltagssituationen übertragen. Z.B. lässt sich daraus ableiten, was es für die Leistungsfähigkeit bedeutet, wenn Schüler mit einer Pollenallergie mitten in Zeit des Pollenfluges „ihres Allergens“ Klassenarbeiten schreiben oder gar Abitur machen. Die Studien zeigen deutlich, wie stark die kognitiven Fähigkeiten von Pollenallergikern während der Pollenflugsaison beeinträchtigt sind und wie sinnvoll es ist, die Symptome adäquat zu behandeln.

Das Fazit: durch antiallergische Nasensprays, aber auch durch Antihistaminika besteht eben gerade keine Gefahr, müde zu werden, durch die unbehandelte Pollenallergie kann die Beeinträchtigung jedoch erheblich sein.

Gerade bei der Behandlung von Heuschnupfen ist für die Patienten die Compliance oft sehr schwierig, d.h. die Patienten nehmen ihre Medikamente nicht regelmäßig genug. In Anbetracht Ihrer Studienergebnisse ist das wohl noch gravierender….

Es ist eigentlich sehr schade, dass es den Patienten bei Pollenallergie oft schwer fällt, compliant zu sein. Sie verzichten dadurch auf die Möglichkeit, ihre Lebensqualität zu verbessern. Und: Wenn ein Heuschnupfen-Patient seine Medikamente nicht nimmt, leidet er nicht nur stärker unter den typischen Heuschnupfen-Beschwerden, sondern er büßt auch an Leistungsfähigkeit ein.

Sie haben Ihre Studie an Patienten mit intermittierender allergischen Rhinitis und außerhalb der Pollensaison durchgeführt und mit dem jeweils relevanten Allergen provoziert. Könnte man vermuten, dass die Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen noch gravierender wäre, wenn die Tests innerhalb der Pollenflugzeit durchgeführt worden wären?

Zunächst eine Information zum Studiendesign: Wir haben den Test außerhalb der Pollensaison mit gezielter Provokation durchgeführt, weil wir dadurch klar definieren konnten, wann der Patient mit welchem Allergen und welcher Allergendosis konfrontiert wird. Die Heuschnupfen-Symptome unserer Studienteilnehmer waren so eindeutig zuordenbar. Hätte man den Test während der Pollensaison, d.h. bei „natürlichem“ Pollenflug, durchgeführt, wäre die Pollenload, d.h. die Pollenmenge, der ein einzelner Patient ausgesetzt war, nicht so klar abgrenzbar gewesen. Auch den Zeitpunkt des Pollenkontaktes hätte man nicht so gut kontrollieren können, wie bei der Provokation außerhalb der Pollensaison.

Aber das bedeutet: Unsere Studie lässt keine wissenschaftlich fundierte Aussage darüber zu, wie sich die langandauernde Konfrontation mit Pollen auf die kognitiven Funktionen von Pollenallergikern auswirkt. Ich würde jedoch erwarten, dass die Unterschiede zwischen gesunden Probanden und Patienten, die chronisch, über mehrere Wochen hinweg an allergischen Reaktionen leiden, noch wesentlich deutlicher hervortreten, als in unserer Untersuchung.

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