Chronische Sinusitis Radio-Tympano-Sinu-Orthese RTSO

Dr. Norbert Czech, Facharzt für Nuklearmedizin am Zentrum für Nuklearmedizin und PET/CT Bremen

Chronische Sinusitis: Kann eine Radio-Tympano-Sinu-Orthese (RTSO) helfen?

Die Nase ist ständig verstopft, Stirn und Wangen schmerzen und der Hals scheint ein Kloß zu stecken: Eine chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen kann Betroffenen schwer zusetzen. Schätzungsweise drei Millionen Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an chronischer Sinusitis, wie der Fachbegriff lautet. Bringen weder Medikamente noch Operationen die ersehnte Erleichterung, könnte eine nuklearmedizinische Behandlung helfen – die Radio-Tympano-Sinu-Orthese (RTSO). Dabei bekämpfen radioaktive Partikel die entzündete Schleimhaut. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Norbert Czech, Facharzt für Nuklearmedizin am Zentrum für Nuklearmedizin und PET/CT Bremen über seine  Pilotstudie zur RTSO und den daraus gewonnenen Erkenntnissen.  

Herr Dr. Czech, wie kamen Sie auf die Idee, in einer Pilotstudie die Behandlung einer chronischen Sinusitis nuklearmedizinisch zu behandeln?

Ausschlaggebend für unsere Untersuchung war vor ca. 10 Jahren eine Patientin, die unter einer chronischen Sinusitis litt und bereits mehrfach im Bereich der Nasennebenhöhlen operiert worden war, ohne dass sich die Beschwerden gebessert hätten. Im Laufe der Zeit hatten sich bei der Patientin Riechstörungen eingestellt und sie konnte auch nicht mehr schmecken. Der Ehemann und behandelnder Arzt hatten von der Radio-Sinu-Orthese (RSO) zur Therapie von Arthritis gehört und uns gefragt, ob man diese Methode nicht auch bei einer chronischen Sinusitis anwenden könnte.

Wie funktioniert die Radio-Sinu-Orthese (RSO) zur Therapie von Arthritis?

Die Radio-Sinu-Orthese wird, wie gesagt zur Therapie von Arthritis, also entzündeten Gelenken eingesetzt. Dabei appliziert man eine radioaktive Therapiesubstanz mit einer bestimmten Strahlenqualität in das Gelenk. Aufgrund seiner Struktur wird die Radioaktivität durch Fresszellen an die Synovia, d.h. die Gelenkinnenhaut geklebt. Durch die Strahlung wird diese Schleimhaut, die die Entzündung trägt, daraufhin anschwillt und die Schmerzen verursacht, bestrahlt, verödet und dann großenteils bindegewebig ersetzt.  

Zurück zu Ihrer Patientin mit der chronischen Sinusitis – wie ging es weiter?

Gemeinsam mit dem behandelnden HNO-Arzt begannen wir zu untersuchen, wie man die RSO auf die Anwendung an den Nasennebenhöhlen übertragen könnte und haben die entsprechende Literatur studiert.

Interessanterweise stellte sich heraus, dass sich insbesondere Strahlentherapeuten schon vor langer Zeit mit dem Thema der Verödung der entzündlich veränderten Schleimhäute durch Strahlentherapie beschäftigt hatten.

Durch entsprechende Tests und Voruntersuchungen haben wir dann geprüft, wie sich eine Anwendung der RSO auf die Nasennebenhöhlen umsetzen ließe.

Schließlich haben wir erstmals die erwähnte Patientin mit der RTSO behandelt. Nach der vierten Behandlung hatte die Patientin keine Beschwerden mehr und war glücklich, wieder riechen und schmecken zu können. Letztendlich war diese Patientin der Auslöser für unsere Pilotstudie, denn es war uns bekannt, dass es viele Patienten gibt, die unter einer chronischen Sinusitis leiden, die konservativ medikamentös oder operativ nicht geheilt werden können.

Und daraufhin haben Sie die Pilotstudie gestartet?

Zusammen mit dem HNO-Kollegen, der aufgrund unserer ersten Patientin auf uns zukam, haben wir Patienten ausgesucht, die eine chronische Sinusitis hatten und am Ende einer langen Behandlungskaskade standen.

Bei fast allen Patienten konnten wir ein gutes bis sehr gutes Ergebnis erzielen und zwar sowohl nach einer subjektiven Skala, d.h. bei einer Bewertung durch die Patienten, als auch nach einer objektiven Skala, d.h. einer ärztlichen Bewertung u.a. durch HNO-Ärzte. Die Skala reichte von 0 = keine Veränderung, über 1 = geringfügige Verbesserung bis zu 2 = ausgezeichnete Verbesserung. Bei der von den Patienten bewerteten Subjektivskala lag die Bewertung bei  + 1,44. Bei der Objektivskala, die aufgrund der ärztlichen Bewertung erfolgte und die auf endoskopischen Untersuchungen, Hörtests etc. beruhte, lag der Wert bei + 0,81. Die Patienten gaben unisono an, die RTSO jederzeit wieder durchführen zu lassen.1)

Die Radio-Tympano-Sinu-Orthese (RTSO) würde aber nur in bestimmten Fällen zur Behandlung einer chronischen Sinusitis oder Mittelohrentzündung eingesetzt?

Eine RTSO kann bei allen Patienten eingesetzt werden, die seit sehr langer Zeit, d.h. seit Monaten oder Jahren, unter einer chronischen Sinusitis oder einer chronischen Mittelohrentzündung leiden, bei denen Medikamente nicht helfen und die mehrfach erfolglos operiert wurden.

Ist die Radio-Tympano-Sinu-Orthese auch für Patienten geeignet, deren chronische Sinusitis allergische Ursachen hat?

Grundsätzlich ist die RTSO auch für die Behandlung eines Allergikers geeignet, sofern bei ihm eine chronische Entzündung vorliegt und alle weiteren Therapien inklusive Operation erfolglos blieben. Erster Ansprechpartner ist daher immer der HNO-Arzt. Bleibt der Leidensdruck bestehen, können Betroffene einen Nuklearmediziner zu Rate ziehen, der sich auf die RTSO spezialisiert hat. Die Behandlung selbst sollte immer in Zusammenarbeit von HNO-Experten und Nuklearmediziner stattfinden.

Wie geht man bei der Radio-Tympano-Sinu-Orthese (RTSO) an den Nebenhöhlen oder im Mittelohr konkret vor?

Bevor man mit der Radio-Tympano-Sinu-Orthese (RTSO) beginnt, betäuben die Ärzte die Nasenhöhle des Patienten mit einem Spray. Anschließend saugt der HNO-Arzt den Hohlraum mit einem kleinen Schlauch ab, denn das Eingriffsgebiet muss sauber sein.

Sind die Nebenhöhlen betroffen, sind die Patienten durch die zahlreichen vorausgegangenen Operationen ideal auf die RTSO vorbereitet. Durch die bestehende Fensterung in den betroffenen Höhlen besteht bereits ein bestens geeigneter Zugang für das Endoskop. Bestehen die Probleme im Bereich des Mittelohrs, wurde durch vorangegangene Operationen ein Trommelfellröhrchen gesetzt, um die entzündlich bedingte Flüssigkeit abzuleiten, die nicht mehr über die Eustach‘sche Röhre (natürlicher Abflußweg) abfließen kann. Auch dadurch hat man ideale Zugangsmöglichkeiten. Aus diesem Grund kommt die RTSO auch nur für bereits operierte Patienten in Frage. Ansonsten wäre es ausgesprochen schwierig, das Endoskop über die gereizten, zugeschwollenen Kanäle einzubringen.

Anschließend verteilt der Nuklearmediziner die radioaktiven Substanz - als radioaktive Partikel kommen Erbium oder Rhenium in Frage - als feinen Sprühnebel auf die entzündete Schleimhaut. Dies geschieht mittels einer kleinen Sonde, mit der man eine Menge von zwei bis drei Tropfen aufsprüht. Danach wird die Fensterung mit Vaselinegaze verschlossen und am folgenden Tag wieder entfernt. Der Patient bleibt hierzu in der Klinik und wird über ein Wochenende beobachtet. Danach kann der Patient entlassen werden.  

In dieser Zeit nehmen die Fresszellen der entzündeten Schleimhaut die radioaktiven Partikel auf und die Schleimhautzellen sterben teilweise ab. Anschließend entsteht eine neue, gesunde bindegewebige Wundhaut, die die krankhafte Schleimhaut ersetzt. Im Ergebnis weicht die Entzündung, bakterielle Infektion und Schwellung klingen ab.

Wie lange dauert die RTSO-Behandlung und wie lange hält sie an?

Der gesamte Eingriff dauert nur Minuten und die Radio-Tympano-Sinu-Orthese (RTSO) ist ein halb-ambulantes Verfahren.

In unserer Pilotstudie haben wir bis zu 20 Monaten nachbeobachtet und konnten feststellen, dass bei den Meisten die Wirkung der RTSO noch anhielt. Bei einigen Patienten zeigten sich wieder Symptome, aber dann ist es problemlos, möglich die Therapie erneut durchführen.

Zieht man die langjährigen Erfahrungen zu Rate, die man bei der Therapie von Arthritis etc. mit RSO hat, kann man von Wirksamkeiten zwischen Monaten bis Jahren ausgehen.  

Ist das Einbringen radioaktiver Substanzen mit einem Risiko verbunden?

Für die Patienten ist die Therapie ungefährlich, die allgemeine Strahlenbelastung gering. Schon nach wenigen Tagen ist keine Radioaktivität mehr nachweisbar.

An wen müssen sich Patienten wenden, wenn Sie sich für die Radio-Tympano-Sinu-Orthese (RTSO) interessieren?

Die RTSO wird in spezialisierten Praxen und nuklearmedizinischen Kliniken angeboten. Allerdings handelt es sich hierbei noch um eine Anwendungsbeobachtung und noch nicht um ein evaluiertes und standardisiertes Verfahren. Das Medikament ist für die Anwendung an Hohlräumen zugelassen, und die Nasennebenhöhlen oder das Mittelohr fallen unter diese Definition.

Aus Sicht des Berufsverbandes der Deutschen Nuklearmediziner (BDN) wäre es aber sehr begrüßenswert, eine größer angelegte Studie an Patienten mit chronisch entzündlicher Erkrankung der Nasennebenhöhlen und/oder Mittelohren durchzuführen. Dabei könnte man die Behandlungsergebnisse z.B. mit der Wirkung eines Medikamentes oder der klassischen Operation vergleichen.

Angesichts der ausgesprochen großen Zahl von Patienten, die schon seit Jahren unter einer chronischen Sinusitis leiden, wäre es ausgesprochen wünschenswert, ein weiteres effektives standardisiertes Verfahren zur Hand zu haben.

Herr Dr. Czech, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1)    Die Radio-Tympano-Sino-Orthese – ein neues Verfahren zur Therapie von rezidivierender Otitis media und chronischer Sinusitis, N. Czech, G.S. Gudbersen, Der Nuklearmediziner 20016

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