Schleimhautschwächling, keine Allergie

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Schleimhautschwächling: Allergieähnliche Symptome, aber keine Allergie!

Zurück zur Diagnose: Was macht sie so schwierig?

Ein Arzt, der nicht auf den Bereich Hals-Nasen-Ohren spezialisiert ist, wird sich mit der Diagnose "nichtallergische Rhinitis" eher schwer tun, selbst wenn die Allergietests alle negativ sind, denn das Krankheitsbild "nicht-allergische Rhinitis" ist eher bei den HNO-Fachärzten bekannt.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Häufigkeit, mit der hierzulande allergische Sensibilisierungen auftreten. Bei 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung findet man mittlerweile eine Sensibilisierung auf mindestens ein Allergen! Damit sind diese Menschen zwar "allergiebereit" aber nicht alle entwickeln auch tatsächlich eine Allergie, das ist nur bei der Hälfte der Sensibilisierten der Fall.

Wenn nun Menschen mit unspezifischen Beschwerden zusätzlich Zeichen der Allergiebereitschaft zeigen, wird die Diagnose schwierig, denn wenn ein Schleimhautschwächling bei einem Allergietest positiv auffällt, kann er von einem unerfahrenen Arzt leicht fälschlich als Allergiker eingestuft werden, obwohl seine Beschwerden gar nicht allergisch begründet sind.

Ein konkretes Beispiel: Ein Patient leidet das ganze Jahr über unter gleichbleibenden rhinitischen Beschwerden, die sich im Sommer nicht verschlimmern. Im Zuge der Diagnose macht der Arzt einen Allergietest und der Patient reagiert "positiv" auf ein Pollenallergen. Ein unerfahrener Arzt könnte daraus den Schluss ziehen, dass der Patient eine Pollenallergie hat. Tatsächlich zeigt der Test aber nur eine Sensibilisierung an, so wie sie bei vielen anderen Menschen auch vorhanden sein kann und die eigentlichen Beschwerden des Patienten rühren vielleicht von der nichtallergischen Rhinitis. Wenn der Patient dann noch mit einer allergenspezifischen Immuntherapie behandelt wird, muss es zu Enttäuschungen kommen, denn eine SIT ist aufwändig und kann in diesem Fall eigentlich nicht erfolgreich sein.

Noch schwieriger wird es bei den ganzjährigen Allergien wie z.B. bei der Hausstaubmilbe. Diese Allergie ist ganzjährig relevant und Menschen mit chronischen Allergien entwickeln durch die Entzündungsmechanismen zwangsläufig auch einen gewissen unspezifischen Anteil bei ihrem Beschwerdebild – die Allergie senkt hier die Reizschwelle. Bei den meisten Allergikern lösen im Rahmen der Allergie auch die genannten Umweltreize Beschwerden aus, die dann aber nicht direkt allergiebedingt sind.

Nur durch ein intensives Anamneseespräch, bei dem der Arzt sich viel Zeit nehmen muss, und einer erweiterte Diagnostik z.B. mit sogenannten Provokationstests, kommt man hier zu einer verlässlichen Einschätzung.

Wie erfolgt die Therapie beim Schleimhautschwächling?

Einige der Augentropfen, die für die Behandlung einer allergischen Konjunktivitis gedacht sind, können auch zur Behandlung der unspezifischen Konjunktivitis  eingesetzt werden. Dazu gehören die sogenannten Mastzellenstabilisatoren, d.h. die Cromone, wie z. B. das Nedocromil. Ihre Wirkung beruht wahrscheinlich darauf, dass sie das Einströmen von Chlorid-Ionen in die Zellen verhindern.

Inwieweit Mastzellenaktivitäten beim Schleimhautschwächling eine Rolle spielen, weiß man zurzeit nicht. Man geht davon aus, dass dies nicht in gleichem Maße wie bei den Allergien der Fall ist. In den Fällen, in denen die Mastzellen aktiviert sind und Histamin freisetzen, helfen möglicherweise Antihistaminika.

In manchen Fällen sprechen die unspezifischen Beschwerden auf Kortison an. Kortison ist für eine Therapie an den Augen langfristig nicht geeignet, aber wenn es als Nasenspray lokal eingesetzt wird, kann Kortison bei der unspezifischen Rhinitis sehr hilfreich sein.

Bei manchen Patienten, bei denen die Schleimhautschwäche in einer unspezifischen Rhinitis besteht, tropft die Nase "wie ein Wasserhahn". Hier kann man einen Wirkstoff einsetzen, der lokal den Parasympathikus blockiert und so das vegetative Nervensystem genau da "ruhig stellt", wo dies erwünscht ist. Der Wirkstoff Ipratropiumbromid wird dann als Nasenspray eingesetzt und ist ein sogenanntes Parasympatholitikum. Obwohl in Deutschland hergestellt, gibt es dieses Medikament nur im Ausland. In Deutschland ist der Wirkstoff Ipratropiumbromid nur in Form einer Inhalationslösung zur Behandlung der chronischen Bronchitis bzw. einer COPD zugelassen. Man muss sich deshalb bei der Behandlung der unspezifischen Rhinitis damit behelfen, dass man nach Verschreibung der Inhalationslösung das Präparat vom Apotheker in eine Nasensprayflasche umfüllen lässt. Man nutzt das Medikament sozusagen "off-label", d.h. für eine Indikation, für die es nicht zugelassen ist. Insbesondere bei Patienten, bei denen die Nase unentwegt läuft und die bis zu 20 Taschentuch-Päckchen pro Tag verbrauchen, kann dieser Wirkstoff aber sehr segensreich sein, zumal das Ipratropiumbromid nur lokal wirksam ist und nicht von der Schleimhaut aufgenommen. Abgesehen davon, dass die Nase sehr stark austrocknen kann ist der Wirkstoff weitgehend nebenwirkungsfrei.

Zeigt sich die Schleimhautüberempfindlichkeit an den Bronchien, gibt es ebenfalls Behandlungsmöglichkeiten, um die Entzündung zu mildern. Bei der unspezifischen bronchialen Hyperaktivität kann man auf Präparate wie antientzündliche kortisonhaltige Inhalationssprays oder -pulver zurückgreifen. Die typischen Symptome wie Husten oder Schweratmigkeit lassen sich mit Beta-2-Sympathomimetika oder auch die Parasympatholitika lindern; letztere sind allerdings bisher nur bei der chronischen Bronchitis zugelassen und beim Asthma noch "off-label" eingesetzt. Die Vorbereitungen für die Zulassung dieser Wirkstoffe beim Asthma laufen allerdings bereits.Man könnte das so sehen. Bei der unspezifischen Rhinitis, der  unspezifischen Konjunktivitis, der unspezifischen bronchialen Hyperaktivität und dem "unspezifischen" Reizdarm, bei dem es ja um fehlregulierte Darmbewegungen geht, handelt es sich um Störungen, bei denen eine nervös lokale Dysregulation und eine gestörte Barrierefunktion eine Rolle spielen. Entzündungsforscher sprechen auch von einer "neurogenen Entzündung". Erst in den letzten Jahren konnte dieses neue Gebiet erfolgreich untersucht werden und es scheint so zu sein, dass Entzündungsmechanismen und lokale Nerven eng "zusammenarbeiten".

Herr Privatdozent Kleine-Tebbe, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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