Heuschnupfen Selbstmedikation

Dr. med. Adam Chaker, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Allergologie, Oberarzt am Klinikum rechts der Isar

Heuschnupfen: Wann reicht Selbstmedikation, wann muss man zum Arzt gehen?

Welche Rolle spielen IgG-Tests, die ja auch frei verkäuflich sind, in diesem Zusammenhang?

IgG-Tests werden zur Diagnose von Nahrungsmittelallergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten angeboten. Nach meiner Erfahrung gibt es jedoch keine IgG-vermittelte Allergie von klinischer Relevanz. Deshalb ist es aus fachlicher Sicht eher fragwürdig, was bei IgG-Tests eigentlich gemessen werden soll, außer vielleicht die "Toleranz" auf ein Lebensmittel und nicht die "Intoleranz".

Die Tests haben für den Patienten keinerlei Nutzen, was auch schon die allergologischen Fachgesellschaften in ihren Stellungnahmen so bestätigt haben. Ich bezweifele ernsthaft, dass uns dieses Instrument auch nur im Ansatz helfen kann, unseren Patienten zu helfen. Die IgG-Tests sind außerdem richtig teuer und können bis zu 500,- € kosten. Auch wenn der Fokus dieses Gespräches Selbstmedikation ist – die Selbstdiagnostik mit solchen Instrumenten ist nicht sinnvoll.

Sinnvoller, gerade für komplexere Diagnosen, ist hingegen die neue chipbasierte Allergiediediagnostik auf IgE-Basis, deren Kosten aber leider nur in Ausnahmefällen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Die chipbasierte Allergiediediagnostik testet eine repräsentative Auswahl an Allergenen. Mit nur einer Blutprobe bekommt der Patient ein sehr präzises Allergieprofil und erspart sich ca. 20 Bluttests auf Einzelallergene. Dieses sollte aber nicht als Screeningtest eingesetzt werden und gehört in die Hand erfahrener Allergologen.

Die Selbstmedikation bei Heuschnupfen haben wir ausführlich besprochen, welche Medikamente gegen Heuschnupfen bekommen die Patienten nur auf Rezept?

Mit der Selbstmedikation können die Patienten bis zu einem gewissen Grade versuchen, Symptome zu reduzieren, entweder durch Vermeiden des Allergens oder durch die besprochenen Medikamente.

Nur auf Rezept bekommen Heuschnupfen-Patienten die folgenden Medikamente:

Zunächst zu den kortisonähnlichen inhalativen Medikamenten: Häufig heißt es, man könne diese nicht rezeptfrei erwerben, was so nicht stimmt. Wenn man kortisonähnliche inhalative Medikamente aber in einer höheren Dosierung benötigt, in der sie übrigens eine ausgezeichnete Wirksamkeit zeigen, ist dies nur über eine ärztliche Verordnung möglich.

Zusätzlich sind z.B. auch Kombinationspräparate, wie z.B. Kombinationen aus topischen nasalen Steroiden und Antihistaminika in einer topischen Applikationsform nur auf Rezept erhältlich. Nach aktueller Studienlage sind diese Präparate bei den meisten Patienten sehr effektiv.

Die aktuell modernsten Antihistaminika der 3. Generation sind alle rezeptpflichtig und hier gibt es aus meiner Sicht sehr gute Präparate, die für die Patienten sehr gut verträglich sind.

Auch Leukotrienantagonisten, von denen manche Patienten deutlich profitieren, überwiegend Kinder mit Asthma, sind rezeptpflichtig.

Ebenso sind die inhalativen Kombinationspräparate für die Lunge rezeptpflichtig. Dies sind Kombinationen von lang wirksamen bronchienerweiternden Wirkstoffen (long acting beta agonists oder LABAs) mit topisch inhalativen Steroiden. Topisch inhalative Steroide wirken ähnlich wie Kortison, gehen aber nicht mit den dafür typischen Nebenwirkungen einher.

Auch die Notfallmedikation für Patienten mit Anaphylaxie ist nur über eine Verordnung durch den Arzt erhältlich. Dazu gehören z.B. die klassischen "alten" Antihistaminika, die man heutzutage nicht dauerhaft einsetzen würde, die aber als Notfallindikationen zugelassen und hier auch eine wichtige Funktion erfüllen.  Auch der Adrenalin-Pen fällt in diese Kategorie.

Schließlich gehört auch die Allergieimpfung oder Spezifische Immuntherapie (SIT) zu den Therapien, die nur nach einer präzisen allergologischen Diagnostik und Beratung vom Arzt verordnet und durchgeführt werden. Die SIT ist die einzige Therapie, die einen Heuschnupfen "an der Wurzel" bekämpft.

Bei Allergien besteht generell die Tendenz zu einer Ausweitung der Beschwerden. Oft beginnen die Heuschnupfensymptome an der Nase, dann kommen die Augen hinzu, dann folgen die Bronchien, dann Lebensmittelallergien etc. Dazu kommt, dass auch die Gefahr für eine fortschreitende Sensibilisierung gegen weitere Allergene besteht. Bisher kann nur die Allergieimpfung diesen Prozess aufhalten und diese Behandlung kann man nur bei einem Allergologen oder einem allergologisch versierten Arzt durchführen.  

Heißt das, durch die Selbstmedikation steigt das Risiko für Heuschnupfen-Patienten, weitere Allergien zu entwickeln?

Ja, denn man bekämpft mit den genannten Präparaten nur die Symptome, aber nicht die Ursachen. Allerdings muss man wissen: Auch die Allergieimpfung ist nicht immer zu 100 Prozent erfolgreich. In der Regel erreicht man mit der SIT eine Symptomreduktion, die zwischen 50 und 70 Prozent liegt. Viele Patienten denken deshalb, dass sie mit den Antihistaminika das gleiche Ergebnis erzielen, was zunächst auch stimmt.

Der signifikante Unterschied zwischen den beiden Therapieformen ist jedoch, dass die Antihistaminika die Entwicklung der allergischen Erkrankung nicht stoppen können. Für die SIT zeigen uns hingegen viele gute Studien, dass z.B. bei einem Großteil der jungen Patienten, die Neuentwicklung eines Asthmas, also der gefürchtete Etagenwechsel, verhindert werden kann. Das gilt auch für das Fortschreiten von Sensibilisierungen.

Wir wissen allerdings heute noch nicht, wie lange dieser protektive Effekt der Allergieimpfung anhalten kann. Bei regulären Impfungen lässt sich anhand des Blutes bestimmen, ob noch eine Immunität vorhanden ist, aber bei Allergien ist dies leider nicht möglich. Deshalb gehen wir hier am Klinikum Rechts der Isar und am ZAUM in einer aktuellen Studie der Frage nach: Wann ist der richtige Zeitpunkt, nach Abschluss einer Spezifischen Immuntherapie, erneut zu impfen?

Herr Dr. Chaker, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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