Heuschnupfen Selbstmedikation

Dr. med. Adam Chaker, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Allergologie, Oberarzt am Klinikum rechts der Isar

Heuschnupfen: Wann reicht Selbstmedikation, wann muss man zum Arzt gehen?

Worin besteht denn die Schwierigkeit beim Umgang mit Heuschnupfen-Medikamenten?

Die Selbstmedikation beim Heuschnupfen ist "kein Hexenwerk", aber wenn man die Medikamente effektiv einsetzen will, muss man individuelle Gegebenheiten berücksichtigen. Beim Heuschnupfen gibt es keine Standardtherapie, die für alle Patienten passt. Aber man kann sich zumindest an die ersten beiden der 3 Säulen der Allergietherapie halten: Vermeiden, symptomatisch behandeln und "impfen".

Man sollte versuchen, den Pollen auszuweichen, indem man sich z.B. überwiegend in geschlossenen Räumen aufhält, in Abhängigkeit vom Pollenflug lüftet und im Auto einen Pollenfilter nachrüstet. Des weiteren kann man vor dem Schlafengehen die Haare waschen und Nasenduschen durchführen, um nachts nicht einem "Dauerbeschuss" durch Pollen ausgesetzt zu sein.

Besteht das Hauptproblem beim Heuschnupfen darin, dass für wenige Tage die Nase völlig verstopft ist, dann kann ein Patient problemlos entsprechende abschwellende Nasentropfen benutzen, das entspricht sogar der Europäischen Leitlinie. Allerdings sollte man auch bei einem Heuschnupfen die Nasentropfen nicht länger als 5 Tage anwenden, denn sonst kann die Nasenschleimhaut dauerhaft geschädigt werden.

Zeigt sich der Heuschnupfen hingegen auch durch Juckreiz, Niesreiz und eine laufende Nase, kann ein freiverkäufliches Antihistaminikum eingesetzt werden. Bei leichten Heuschnupfen-Beschwerden und bedarfsweise eingesetzt, wird man mit Antihistaminika in vielen Fällen Symptomfreiheit erreichen. Je nach Symptomlage muss der Patient bei der Selbstmedikation also das richtige Medikament auswählen.

Handelt es sich um Heuschnupfen-Symptome, die über einen längeren Zeitraum bestehen, muss die Medikation allerdings anders aussehen. Auch hier ist eine Selbstmedikation möglich, der Patient benötigt dafür aber mehr Erfahrung und eine gute Instruktion durch den Arzt. Konkret heißt das: Der Patient muss wissen, welches Medikament er gegen welche Symptome, wann und in welcher Dosis einsetzt. Man könnte dann z.B. mit der Einnahme eines Antihistaminikums zu Beginn der Pollenflugsaison anfangen und dieses dann dauerhaft einnehmen. Zusätzlich, bei Bedarf, kann man weitere Medikamente im Sinne einer Stufentherapie einsetzen. Der Patient muss sich aber gut mit den jeweiligen Medikamenten auskennen und dies setzt eine Patientenschulung voraus, die aber leider viel zu selten stattfindet.

Sie haben betont, dass bei der Eigentherapie von Heuschnupfen zwischen einem kurzen und einem längeren Einsatz der Medikamente differenziert werden muss, warum ist diese Unterscheidung so wichtig?

Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sich nach diesen Kriterien auch die Therapie unterscheidet. Auch die EAACI, die Europäische Allergiegesellschaft und die Initiative ARIA (Allergic Rhinitis and its Impact on Asthma), haben deshalb für den Heuschnupfen in ihrer Leitlinie eine Differenzierung nach Dauer der Symptome festgelegt. Inzwischen teilen wir Symptome des Heuschnupfens in akut intermittierende und chronisch persistierende Symptome ein und differenzieren damit zwischen den Patienten, die gelegentlich und kurzzeitig Symptome haben und denjenigen, die chronisch langfristig unter Symptomen leiden.

Diese Einteilung trifft die individuellen Beschwerdebilder besser, als die alte Einteilung in saisonale Allergien, das wäre ein Heuschnupfen, egal auf welche Pollenart man allergisch ist und eine perenniale Allergie, das wären Allergien auf z.B. Hausstaubmilben oder Schimmelpilze, d.h. auf Allergene, mit denen man ganzjährig konfrontiert ist.   

Dazu zwei Beispiele, die nach der alten Einteilung beide als "saisonale Allergie" gelten:

Nicht jeder Patient, der z.B. nur leicht auf Birkenpollen allergisch reagiert, hat über den gesamten Zeitraum der Früh- und Mittelblüher-Zeit Heuschnupfen-Symptome. Es gibt Patienten, die abhängig vom Pollenflug und von der Exposition, mal mehr und mal weniger Beschwerden haben. Nach der Einteilung der Europäischen Allergiegesellschaft würden solche Patienten in die Kategorie der akut intermittierenden Symptome zugeordnet. Nach adäquater Diagnostik und allergologischer Aufklärung ist hier eine Selbstmedikation sehr gut möglich.

Wenn aber ein Patient gegen Frühblüher, Gräser und Kräuter allergisch ist – und das ist eine nicht seltene Kombination – hätte man dies vor 10 Jahren noch als "saisonale Allergie" bezeichnet. Das Argument: Die jeweiligen Pflanzen blühen ja nur ein paar Wochen im Jahr! De facto ist es jedoch so, dass die Frühblüher z.B. im Rheinland, im Januar anfangen zu blühen und die Kräuter im September aufhören. Der Patient wird also 9 Monate im Jahr mit Allergenen konfrontiert und das kann man nicht mehr als saisonale Allergie bezeichnen. Entsprechend der, aus meiner Sicht stimmigeren, EAACI-Definition, handelt es sich hier um chronisch persistierende Symptome.

Nach welchen Kriterien sollte ein Patient entscheiden, ob er zur Selbstmedikation greift, oder einen Arzt aufsucht?

Jeder Patient, der bemerkt, dass sein Heuschnupfen störend ist und dass er trotz fachkundiger Beratung in der Apotheke durch die Medikamente keine Symptomfreiheit erreicht, sollte sich an einen kundigen Allergologen oder allergologisch geschulten Arzt wenden. Wichtig ist zunächst eine akkurate Diagnostik, denn viele Patienten wissen im Grunde nicht, ob sie an einem Infekt leiden oder an einem Heuschnupfen.

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