Allergen- statt Pollenflugvorhersage

Prof. Dr. rer. pharm. Jeroen Buters, Toxikologe am Zentrum Allergie & Umwelt (ZAUM), Technische Universität & Helmholtz Zentrum München

Reicht die Pollenflugvorhersage oder brauchen wir die Allergenvorhersage?

Was versteht man unter "Gewitter-Asthma" und wo ist der Zusammenhang mit der Pollenpotenz?

Man hat festgestellt, dass es bei Gewittern während der Pollensaison vermehrt zu Asthma-Anfällen kommen kann, deshalb Gewitter-Asthma. Es kommt jedoch nicht bei jedem Gewitter zu Gewitterasthma. Außerdem haben wir beobachtet, dass die veränderte Pollen häufig nicht während des Gewitters auftreten, sondern bereits im Vorfeld.

Der ausschlaggebende Faktor beim Gewitter-Asthma scheint zu sein, dass die Pollen aufreißen und damit hohe Mengen an Allergenen frei setzen. Normalerweise werden Allergene aus den Pollen freigesetzt, indem sie durch die Außenhaut der Pollen diffundieren. Das Aufreißen der Pollenhaut sorgt also für eine plötzliche Entladung, was offensichtlich wiederum heftige Symptome bei Asthmatikern auslösen kann. Die Ursache für das Aufreißen der Pollen ist jedoch anscheinend nicht das Gewitter selbst, sondern eine plötzliche Veränderungen der Luftfeuchtigkeit. Wir vermuten, dass dieses Phänomen auch unabhängig von einem Gewitter auftreten kann und dann ebenfalls zu starken Symptomen bei Asthmatikern führen kann. Welche Mechanismen hier ausschlaggebend sind wissen wir jedoch noch nicht. Wir stehen hier mit unseren Forschungsarbeiten noch ganz am Anfang.

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem biologischen Exposom und der Feinstaubbelastung?

Zum einen gibt es hier ein Wahrnehmungsproblem. Während man in der Europäischen Luftqualitätsrahmenrichtlinie Grenzwerte für die Feinstaubbelastung bzw. den Anteil der chemischen Belastung der Luft festgelegt hat, fehlt nach wie vor der Fokus auf die biologischen Bestandteile der Luft. Obwohl es unstrittig ist, dass Pollen Allergene enthalten und diese Allergien, also erhebliche Erkrankungen, hervorrufen, kommen biologische Bestandteile der Luft auch in der neuen Richtlinie nicht vor. Die Konsequenz ist, dass man vom Gesamtexposem, dem der Mensch ausgesetzt ist, nur einen Teil in Betracht zieht, den chemischen Teil, der leichter zu messen ist. Das Ignorieren des biologischen Exposoms – denn außer den Pollen wird hier bis jetzt nichts gemessen - kann aber dazu führen, dass ein wesentlicher Teil des Gesamtexposoms einfach nicht erforscht wird und somit Ursache einer schädlichen Entwicklung werden kann.

Zum anderen weiß man, dass es eine Wechselwirkung zwischen Feinstaub und bestimmten Erkrankungen gibt. Zum einen kann Feinstaub die Entstehung von Sensibilisierungen befördern, zum anderen können Allergiesymptome dadurch verstärkt werden. Hier gibt es auch eine Schnittmenge zum biologischen Exposom, denn Feinstaub kann sich verstärkend auf die Allergenität der im biologischen Exposom vorhandenen Allergene und damit auf die Allergiesymptome auswirken.

Wie sieht die Pollenflugvorhersage der Zukunft aus?

Momentan ist die Messung der Allergene noch ein Forschungsprojekt – noch müssen wir nachweisen, dass die Messung der Allergen und nicht die der Pollen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen sollte.

Ziel für die nächsten 10 Jahre ist es, die Pollenflugvorhersage genauer und verlässlicher zu gestalten. Ein Vorbild kann hier die Vorgehensweise bei der Wettervorhersage sein. Bei der Wettervorhersage für Deutschland wird z.B. das aktuelle Wetter mit Windrichtung und Windgeschwindigkeit korreliert und daraus ergibt sich die Vorhersage für die nächsten Tage. Das gleiche Prinzip sollten wir auch für die Pollenflugvorhersage nutzen. Wir brauchen hierfür eine schnellere Technologie, die eine Online-Erfassung des Pollenflugs ermöglicht und in die Modelle der Wettervorhersage einfließen lässt. So würde die Pollenflugvorhersage quasi simuliert und damit präziser.

Ein weiteres Ziel ist die weitere Individualisierung der Pollenflugvorhersage. Jeder Heuschnupfen-Patient hat seine individuelle Allergen-Toleranzgrenze und durch die Kombination von Pollenflugvorhersage und den persönlichen Symptomen sollte es möglich sein, eine präzise persönliche Symptomvorhersage zu ermöglichen. Dies hilft den Heuschnupfenpatienten dann auch bei der Dosierung der benötigten Medikamente. Dafür müssen wir jedoch zunächst noch untersuchen, welche Wetterfaktoren welche Einflüsse auf die Pollenpotenz haben.
Ganz wichtig ist es festzuhalten, dass wir zwar das aktuelle Modell der Pollenflugvorhersage optimieren, nicht aber ersetzen wollen. Wie gesagt, ist unser System der Pollenflugvorhersage sehr effizient und gilt anderen Ländern als Vorbild. Man muss sich aber bewusst machen, dass dieses ausgeklügelte System sich maßgeblich auf private Initiativen stützt, es sind interessierte Privatpersonen, die die Pollenfallen betreuen und so die Basisdaten für die Vorhersage liefern. Deshalb an dieser Stelle an die Politik appellieren, endlich die nötigen Mittel zum Erhalt dieses Systems bereit zu stellen.

Herr Prof. Buters, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

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