Allergen- statt Pollenflugvorhersage

Prof. Dr. rer. pharm. Jeroen Buters, Toxikologe am Zentrum Allergie & Umwelt (ZAUM), Technische Universität & Helmholtz Zentrum München

Reicht die Pollenflugvorhersage oder brauchen wir die Allergenvorhersage?

Trägt ein Mensch das biologische Exposom in sich oder ändert es sich mit jedem Umzug?

Die neuesten Erkenntnisse zeigen, dass man das biologische Exposom auch in sich trägt – dies wäre dann das innere biologische Exposom. Bei Asthmatikern findet man z.B. eine höhere Anzahl bestimmter Bakterienstämme in der Lunge als bei Nicht-Asthmatikern. Die Frage ist hier nur, was war zuerst da? Die Henne oder das Ei? Das Asthma oder die veränderte Bakterienflora? Und: Ist diese verstärkte Besiedlung mit bestimmten Bakterien für den Asthmatiker gut oder schlecht?

Man weiß aber z.B. auch, dass manche Menschen bestimmte Bakterien mit sich tragen, die immer  wiederkehren. Auch wenn die Bakterien zuvor erfolgreich durch Antibiotika vernichtet wurden, kehren diese bestimmten Bakterien bei diesen Menschen immer wieder.  Es scheint so, als gäbe es hier individuelle Voraussetzungen, die die erneute Ansiedlung dieser speziellen Bakterienstämme begünstigen. 

Leider weiß man noch nicht, ob das Exposom sich im Laufe eines Lebens verändert - die Forschung am biologischen Exposom ist eine sehr neue Forschungsrichtung. Der Fokus unserer Studien liegt daher zunächst auf der Frage, was von außen kommt.  Z.B. findet man in der Außenluft auch tote Bakterien, die aber dennoch das Immunsystem stimulieren können.

Sie bewerten in Ihren Untersuchungen nicht allein die Pollenbelastung in der Luft, sondern auch die Pollenpotenz. Wie erfolgt diese Berechnung und wozu dient sie?

Der aktuelle Standard in Europa ist die Messung der Anzahl der Pollen pro Kubikmeter Luft. Damit ist Europa führend denn man ist z.B. in den USA nicht einmal in der Lage zu sagen, welche Pollenkonzentration in der Luft vorhanden ist, man weiß dort lediglich, ob viele oder wenige Pollen vorhanden sind.

In Europa sind wir jedoch noch einen Schritt weiter gegangen. Wir haben gerade ein großes Europäisches Forschungsprojekt abgeschlossen, das nicht die Messung der Pollen, sondern der Allergene pro m3 zum Ziel hatte. Aus dem Quotienten aus der Anzahl der Pollen und der Menge der Allergene ergibt sich dann die Pollenpotenz (Allergen pro Pollen).

Wie genau misst man den Allergengehalt der Luft und welche Erkenntnisse konnten Sie aus der Pollenpotenz-Studie gewinnen?

Noch sind die dafür nötigen Messungen sehr aufwändig. Zur Messung der Allergenkonzentration wird ein separates Gerät ca. in 5 m Abstand zu einer normalen Pollenfalle aufgestellt. Diese Apparatur misst dann im gleichen Luftabschnitt wie die Pollenfalle einen anderen Wert, d.h. nicht die Anzahl der Pollen, sondern die Menge der Allergene in der Luft.

Unsere Messungen der letzten Jahre haben bereits gezeigt, und dies gilt für ganz Europa, dass die Pollen eine sehr unterschiedliche Potenz aufweisen. Diese Potenz ändert sich von Tag zu Tag, von Land zu Land und von Jahr zu Jahr und kann sich um den Faktor 10 oder mehr unterscheiden.

Für den Patienten könnte dies heißen: Nicht die Pollenmenge oder der Pollenflug sind ausschlaggebend für den Schweregrad einer allergischen Reaktion, sondern die Menge an Allergen die durch die Pollenpotenz bestimmt wird. Dementsprechend müsste nicht die Anzahl der Pollen mit den Allergie-Symptomen der Heuschnupfen-Patienten korreliert werden, sondern die Alergenmenge. Schließlich sind es nicht die Pollen, die nur die Träger der Allergene sind, die die Beschwerden auslösen, sondern die Allergene selbst. Genau diesen Zusammenhang versuchen wir mit unseren Forschungen nachzuweisen und hierfür korrelieren wir die Pollenpotenz mit den Symptomen der Patienten.

Wie lange untersuchen Sie schon den Zusammenhang zwischen Pollenpotenz und den Heuschnupfen-Symptomen der Patienten und mit welchen Mitteln?

Die Untersuchungen laufen seit 2008 in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst in Berlin. Allerdings war es nicht so leicht für uns, Studienteilnehmer für eine Teilnahme zu gewinnen. Für die Studie müssten Heuschnupfenpatienten während der für sie relevanten Saison täglich ihre Symptome in ein Online Pollentagebuch eintragen. Nachdem wir über diverse Maßnahmen, wie die direkte Ansprache auf der Straße oder Hinweisen in Radio und Fernsehen nicht genügend Teilnehmer gewinnen konnten, haben wir in 2013 eine kostenlose App für Android und iPhone (Applet "Pollen") eingeführt, mit der Heuschnupfen-Patienten täglich sehr bequem und mobil ihre Symptome eingeben können – das dauert nur eine Minute pro Tag!

Für den Heuschnupfen-Patienten bzw. auch für den Asthma-Patienten bietet das Pollentagebuch den Vorteil, dass, aufgrund der individuellen Eingaben, eine personalisierte Symptomvorhersage möglich ist. Der Patient kann so seinen Alltag besser planen und auch ein optimiertes Medikamentenmanagement wird ermöglicht. Mit Hilfe der App geht das natürlich noch schneller und bequemer und hier liegen auch schon erste Resultate vor. Für die nächsten Jahre wünschen wir uns aber durchaus noch höhere Teilnehmerzahlen, denn nur so können wir langfristig sicher ermitteln, ob es die Pollenzahl oder die Pollenpotenz ist, die zukünftig die Basis der Vorhersage sein sollte.

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